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16.01.2003

20:30 Uhr

Blick auf Deutschland

Kommentar: Imagesorgen

VonEric Bonse

Deutschland hat ein Imageproblem. Diese Erkenntnis war der Ausgangspunkt der Handelsblatt-Serie, die mit der heutigen Ausgabe zu Ende geht. Das Problem liegt weder bei Produkten „made in Germany“, die weiterhin weltweit einen guten bis exzellenten Ruf genießen.

HB DÜSSELDORF. Das Problem liegt auch nicht in der Rückkehr Deutschlands auf die Weltbühne, wie rund um die Wiedervereinigung in London, Paris oder Moskau befürchtet wurde. Die Angst vor einer neuen, übermächtigen Berliner Republik, die Europa rücksichtslos ihren Stempel aufdrücken würde, hat sich – sieht man einmal von verhängnisvollen deutschen Entscheidungen auf dem Balkan ab – als Schimäre erwiesen. Sie ist einer neuen Sorge gewichen: dass in good old Germany, einst Wirtschaftswunderland und Sozialmodell, japanische Verhältnisse einkehren könnten. Deutschland muss heute mit dem Vorurteil kämpfen, der „kranke Mann Europas“ zu sein.

Wohlgemerkt: Noch handelt es sich um ein Vorurteil. Noch ist die deutsche Krise nicht mit der englischen Krankheit der 70er-Jahre oder der japanischen Malaise unserer Tage zu vergleichen. Noch sind wir nicht in den gefährlichen Strudel aus Rezession und Deflation geraten, auch wenn das Wachstum bedenklich gegen null tendiert. Wir jammern auf hohem Niveau, und das schlechte Image im Ausland ist oft nur ein Reflex dieser penetranten Selbstbemitleidung. In Wahrheit ist Deutschland immer noch eine reiche Nation, die gleichzeitig die immensen Lasten der Wiedervereinigung trägt, den Bärenanteil der EU finanziert und sogar einen wachsenden Beitrag zum internationalen Kampf gegen den Terror leistet. Doch Vorurteile können sich verselbstständigen und zur „self fulfilling prophecy“ werden. Schlechte Erwartungen und negative Ratings können die Krise verschärfen. Diese Gefahr gilt es zu erkennen und zu meistern.

Die von der Bundesregierung anvisierten Strukturreformen sind dabei nur eine notwendige, aber keine hinreichende Antwort. Aus Sicht des Auslands holt Berlin bestenfalls nach, was anderswo bereits in den 80er-Jahren eingeleitet wurde. Doch selbst wenn die Bundesregierung den ganzen Hartz und den integralen Rürup im Sauseschritt umsetzen sollte – was bekanntlich ziemlich unwahrscheinlich ist –, könnte sie das verlorene Terrain kaum wettmachen. Die eigentlichen Probleme sind nämlich nicht struktureller, sondern fast schon existenzieller Natur. Sie lassen sich mit den Stichworten Aufbau Ost, Überalterung und Exportabhängigkeit umreißen. Wenn der Aufbau Ost nicht bald fruchtet und die gigantischen Transferleistungen in die neuen Länder nicht endlich sinken, werden sich die Berliner Finanzprobleme kaum meistern lassen. Wenn die Überalterung weitergeht und in Deutschland weiter zu wenig Kinder geboren werden, explodieren nicht nur die Rentenkosten – dann wird die wirtschaftliche Dynamik insgesamt unweigerlich leiden. Und wenn der Export die einzige Konjunkturstütze bleibt, kann Deutschland nie einen wirklich eigenständigen Beitrag zum Wachstum in der Euro-Zone und in der Welt leisten. Noch redet man im Ausland wenig über diese deutschen Grundübel – doch wie lange noch?

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