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02.01.2007

05:00 Uhr

Auf Sicht von 50 Jahren errechnet sich jährlich eine Rendite von acht Prozent. Wer die Börsen so misst, wird die Aktie kaum als ungeeignete Form zur Geldvermehrung bezeichnen. Und doch scheuen viele diese Anlageform noch immer, wenn die Sicherheit und der langfristige Vermögensaufbau für eine Altersrente im Vordergrund stehen. Was paradox erscheint, erklärt sich mit der individuell deutschen Aktienkultur. Sie zu verändern und auf internationales Niveau zu hieven würde viele Sparer zu etwas mehr Reichtum verhelfen.

Mit Etablierung der T-Aktie Ende der 90er-Jahre partizipierten hier zu Lande erstmals breite Bevölkerungskreise an der Börse. Die erste große Prüfung bestanden viele neue Aktionäre, als sie die Turbulenzen der Asien- und Russlandkrise 1997/98 ignorierten. Wer standhaft blieb, wurde belohnt. Denn zwischenzeitliche Kursverluste von 50 Prozent waren schnell wettgemacht. Dass es dennoch nichts mit einer funktionierenden Aktienkultur wurde, liegt im Boom und Absturz nach der Jahrtausendwende begründet. Wieder glaubten viele Kleinanleger, dabeibleiben zu können, als die Kurse fielen.

Doch wer diesmal dem Prinzip „aussitzen“ folgte und auf die nächsten Monate wartete, wurde hart bestraft. Bis heute haben zumindest die meisten Technologie-Aktien nicht jenen Wert erreicht, den sie vor sechs Jahren hatten. Das Motto „Nie wieder!“ ist seitdem genauso oft auf Bürofluren, in Kantinen, Fitnessstudios und Stammtischen zu hören, wie dort vorher heiße Aktientipps die Runden machten.

Börsenumsätze, Mittelzuflüsse und Statistiken über Aktionärszahlen belegen, dass Anleger in den letzten Jahren sehr viele Fehler begingen. Auf dem Höhepunkt der Euphorie war der typische Käufer der unbedarfte Kleinanleger am Neuen Markt. Er verlor fast alles. Der typische Käufer nach der Talfahrt ist aber der (Groß-)Investor aus dem Ausland. Ihm haben es Dax-Aktien zu verdanken, dass sich ihr Wert in knapp vier Jahren verdreifachte. Die teuer bezahlten Erfahrungen während der größten Baisse in Europa erklären zwar einiges, greifen aber zu kurz. Schließlich bezahlten auch Anleger in anderen Ländern teuer.

Schwerer wiegt hier zu Lande der Umgang mit den Begriffen Volksaktie, Risiko und Sicherheit. Wie in keinem anderen Land priesen Regierungspolitiker in den 60er-Jahren vermeintliche Volksaktien à la Preussag, Volkswagen und Veba als sichere Anlageform. Später übernahmen Schauspieler die Rolle für die Deutsche Telekom. Stets kauften viele Bürger erstmals in ihrem Leben Aktien – und erlitten Schiffbruch. Zuverlässig an diesen „Volksaktien“ war allein, dass sie Wert vernichteten. Damit ging viel Vertrauen verloren, was lange nachwirkte.

Noch verhängnisvoller ist aber die Verknüpfung von Sicherheit und Wertzuwachs auf der einen sowie Risiko und Verlust auf der anderen Seite. Unser Leben wird oft von der Ansicht bestimmt, dass ein langsamer, aber stetiger Wertzuwachs angeblich mehr Sicherheit bedeutet, als wenn sich Vermögen rasanter vermehrt.

Die Idee dahinter: Je stärker eine Anlageform im Wert schwankt, desto unsicherer und damit auch schlechter ist sie. Ein Sparbuch mit einer jährlichen Rendite von einem Prozent, aber ohne Schwankungen genießt in der Öffentlichkeit noch immer einen besseren Ruf als eine Aktie mit einer jährlichen Rendite von acht Prozent. Wohlgemerkt: langfristig auf fünf Jahrzehnte betrachtet.

Damit nicht genug. Deutsche Politiker bestehen immer noch darauf, dass Sparer mit staatlich geförderten Produkten für ihre Altersrente zu keinem Zeitpunkt in die Verlustzone rutschen dürfen, obwohl doch der künftige Rentner das Geld erst in einigen Jahrzehnten benötigt. Die eigentlich für solch eine Anlageform prädestinierte Aktie hat unter solchen Prämissen natürlich das Nachsehen.

Hier schließt sich der Kreis über die Analyse der deutschen Aktienkultur. Erst wenn wir beim Aufbau von Vermögen die Vor- und Nachteile von Risiko, Schwankungen und Sicherheit sauber abwägen, erhält die Aktie auch in Deutschland dort ihre Chance, wo sie am stärksten ist: als Anlageform zur langfristigen Vermögensentwicklung. So wie in anderen Industrienationen auch.

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