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14.01.2009

05:28 Uhr

Brasilien

Stabile Polster

VonAlexander Busch

Als die Goldman-Sachs-Bank vor sechs Jahren das Akronym Bric vorstellte, fragten sich viele, was Brasilien neben Russland, Indien und China im Klub der künftigen Wachstumsmotoren der Weltwirtschaft zu suchen habe.

Immerhin war Brasilien gerade knapp der Zahlungsunfähigkeit entronnen und wuchs seit zwei Dekaden weniger als die meisten Emerging Markets. Doch dann setzte der Rohstoffboom ein, das Land begann zu wachsen, wurde unter Präsident Lula überraschend stabil geführt, und immer mehr brasilianische Konzerne tauchten auf den Weltmärkten auf.

Die Kritik an Brasiliens Eignung für den Bric-Klub verstummte zunehmend. Auch in der aktuellen Krise hat sich das nicht geändert. Doch jetzt wird die Klubmitgliedschaft für Brasilien aus einem anderen Grund zum Problem: Denn es heißt, die Bric-Staaten würden unter der weltweiten Krise am stärksten leiden. Ähnlich wie Russland sei Brasilien als Rohstoffexporteur von der Krise überproportional betroffen. Doch dieses düstere Szenario entspricht nicht der Realität.

Zwar wird auch Brasilien nun von der Wirtschaftskrise voll erfasst. Firmen streichen die Investitionen zusammen, die Arbeitslosigkeit steigt. Das Wachstum halbiert sich vermutlich auf rund 2,5 Prozent in diesem Jahr. Trotzdem ist das Amazonasland weniger als die meisten anderen aufstrebenden Volkswirtschaften von der Krise betroffen.

Brasilien hat sogar gute Chancen, aus der Krise gestärkt hervorzugehen. Denn wenn die Weltwirtschaft sich wieder stabilisiert, dann dürfte Brasilien eines jener Schwellenländer sein, deren Wirtschaft nach dem Motto "Last in, first out" am schnellsten wieder anspringt. Denn einige der Argumente, die Brasiliens Mitgliedschaft im Bric-Klub rechtfertigten, haben in der Krise an Gewicht gewonnen.

So muss vor allem die Rohstoffabhängigkeit der brasilianischen Wirtschaft relativiert werden. Denn diese existiert so nicht: Rohstoffe dominieren die brasilianische Börse. Sie haben aber in der Wirtschaft insgesamt eine geringere Bedeutung, als es Konzerne wie Vale oder Petrobras vermuten lassen. Anders als Russland ist Brasilien viel weniger abhängig von seinen Rohstoffausfuhren, um zu wachsen. Der Außenhandel macht nur ein Fünftel seines BIP aus - etwa so viel wie in Indien.

Außerdem ist Brasiliens Rohstoffangebot breit diversifiziert - sowohl bei den Produkten als auch bei den Absatzgebieten. Brasilien exportiert sowohl Agrargüter für die Lebensmittelindustrie als auch industrielle Rohstoffe. Selbst wenn die Preise für Öl und Eisenerz kollabiert sind, so gilt das nicht für alle Rohstoffe. Für viele Agrargüter werden bereits steigende Preise prognostiziert. Die Welt steuert auf eine Lebensmittelkrise zu, weil derzeit zu wenig Soja, Mais, Weizen produziert werden. Von steigenden Preisen für diese Grundstoffe würden Brasiliens Landwirtschaft sowie die Agroindustrie überdurchschnittlich profitieren.

In der jetzigen Krise zählt vor allem der Binnenmarkt: Dort hat Brasilien in fast allen Branchen starke private Unternehmen neben staatlich kontrollierten Konzernen und auch ausländischen Konkurrenten. Dort existiert ein gesunder Mix aus Dienstleistern, verarbeitender Industrie von Kleinstbetrieben bis zu Großkonzernen - neben den auch bei uns bekannten Rohstoffunternehmen mit angehängter Schwerindustrie.

Brasilien ist in einer privilegierten Position, die Weltwirtschaftskrise kaum beschädigt meistern zu können. Denn Brasiliens Bankensystem ist stabil, es gibt keine Immobilienkrise. Das Land ist kaum verschuldet im Ausland. Brasilien ist zudem autonom bei Öl und Ethanol. Die Inflation sinkt wegen der geringeren Liquidität und der niedrigeren Preise für alle Güter. Bei einem Leitzins von rund 14 Prozent hat die brasilianische Zentralbank Raum für Zinssenkungen, um das Binnenwachstum zu stimulieren. Der schwächere Real schützt zudem die einheimische Industrie und macht Exporte konkurrenzfähiger.

Brasilien wird wirtschaftspolitisch klug geführt. Das Devisenpolster ist stabil. Die staatliche Entwicklungsbank springt mit Krediten für notleidende Branchen ein. Good Governance bekommt in der Krise einen höheren Stellenwert. So hat Brasilien mit seiner Verteilungspolitik schon in den Boomzeiten vorgesorgt und über Sozialhilfe den Massenkonsum erhöht und die sozialen Spannungen entschärft. Auch das wirkt in den kommenden Krisenzeiten stabilisierend. Denn in Zeiten schrumpfenden Wachstums wird politische und soziale Stabilität zu einem wichtigen Standortfaktor.

Das einstige Krisenland Brasilien erscheint heute politisch überraschend ausgeglichen. Vor allem im Vergleich zu jenen Bric-Ländern, in denen sich zunehmend sozialer Druck aufstaut.

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