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24.01.2006

11:13 Uhr

„Corporate Citizenship“

Unternehmen als aktive Mitbürger

VonAlbrecht Prinz von Croy

Für US-Firmen hat "Corporate Citizenship" bereits eine lange Tradition. In Deutschland fällt der Einsatz für die Gesellschaft aber noch schwer. Zu stark ist der Argwohn als finanzieller "Lückenbüßer" für ein marodes Sozialsystem herhalten zu sollen

Deutschland hat einen Traum: von Unternehmen als aktivem Bestandteil einer lebendigen Bürgergesellschaft, die Verantwortung für den Wandel zu mehr Eigeninitiative annehmen und sich als "Unternehmensbürger" verstehen. Der "Corporate Citizen" wird Mittelpunkt einer zivilen Bürgergesellschaft. Wäre das Wirklichkeit, bedeutete es nicht weniger als die endgültige Aussöhnung des Staates mit dem Kapital.

Corporate Citizenship meint den über die normale Tätigkeit hinausgehenden Einsatz eines Unternehmens für die Gesellschaft. Es soll auf möglichst vielfältige Weise positiv mit dem Gemeinwesen verbunden werden. Das Unternehmen engagiert sich gleichsam wie ein "guter Bürger" für die Gemeinschaft. Ein spektakuläres amerikanisches Beispiel in den 80er-Jahren war eine 30-Millionen-Dollar-Spende von John Shad, dem damaligen Vorsitzenden der Börsenaufsicht SEC, die er der Harvard Business School zukommen ließ. Sein Ziel war es, Unternehmensethik in deren Curriculum aufnehmen zu lassen und ihre Studenten so davon zu überzeugen, dass moralisches Verhalten in der Business-Welt sich immer auszahlt.

Das in Deutschland traditionelle Misstrauen zwischen Politik und Unternehmen hat solche Aktivitäten zur Schaffung einer sich selbst tragenden Bürgergesellschaft bisher weitgehend verhindert. Die Politik verdächtigt Unternehmen, nur an Macht und Einfluss zu ihren eigenen Gunsten interessiert zu sein, sich den Pflichten gesellschaftlicher Natur dagegen mit Freuden zu entziehen und ohnehin mit Akribie bestrebt zu sein, ihre Steuerlast zu minimieren. Viele Politiker verfolgen solche Bestrebungen seit ehedem mit Argwohn, vermuten sie darin zuallererst eine Schwächung des "starken" Staates, eine Verlagerung von Diskussionen und Entscheidungen auf für sie nicht kontrollierbare Ebenen.

Die Chance, ihrer neuen Regierung den so schmerzlich vermissten übergreifenden Gedanken einer funktionierenden Bürgergesellschaft voranzustellen, hat auch Kanzlerin Angela Merkel vertan. Zu viel Staatsgläubigkeit, zu viel Etatismus in den beiden großen Parteien haben das abermals verhindert, was seit den 60er-Jahren immer wieder scheiterte. Zu tief sitzt der Gedanke des selig machenden Staats, der seine Gaben möglichst "gerecht" unter seinen Bürgern verteilt, während diese sorgsam einem geregelten Erwerb nachgehen und eine in Maßen kontrollierbare Familie gründen sollen.

Der traditionelle Rechtsstaat mit seinem umfassenden sozialen Sicherungssystem hat eine Versorgungsmentalität geschaffen, die viel privates Engagement verhindert. Zugleich bedeuteten die Schaffung und der Ausbau dieses Systems eine zunehmende Professionalisierung sozialer Leistungen. Es übernahmen staatliche oder halbstaatliche Organisationen, was vorher Nachbarschaftshilfe oder ehrenamtliche Strukturen bewältigt hatten. Der Staat vermittelte das nur zu gern geglaubte Gefühl, alles zu tun, um seinen Bürgern ein sorgenfreies, von Fragen des Zusammenlebens und der mitmenschlichen Kultur weitgehend unbedrängtes Leben zu ermöglichen. Das ließ verkümmern, was einstmals selbstverständliches bürgerschaftliches Engagement war, oder verdrängte es in kleine Nischen ehrenamtlicher Tätigkeit.

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