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27.01.2008

18:32 Uhr

Davos

Ende der Illusionen

VonHermann Josef Knipper

Die Gefahr einer Rezession nimmt zu, doch Europa und die übrige Welt dürfen nicht die giftige US-Medizin anwenden.

Wer als Optimist zum Weltwirtschaftsforum nach Davos gefahren ist, kehrt als Pessimist zurück. Selten war sich die internationale Wirtschaftselite so einig: Die USA schlittern mit hohem Tempo immer tiefer in die Rezession. Und die globale Finanzindustrie sieht kein Licht am Ende des Tunnels ihrer chronischen Liquiditäts- und Vertrauenskrise.

Die Auswirkungen auf Europa und Asien werden nicht lange auf sich warten lassen. Auch Politik und Wirtschaft in Deutschland müssen sich auf harte Zeiten einstellen. Der kleine Aufschwung der letzten Jahre verleitet die Gewerkschaften gerade zu abenteuerlichen Lohnforderungen, doch die Party ist vorbei. Es ist Zeit, auf pragmatisches Krisenmanagement umzustellen. Was ist der Grund für diesen erdrückenden Pessimismus, der in krassem Gegensatz zu der Euphorie in Sachen Aufschwung und Klimapolitik stand, die ein Jahr zuvor das Forum geprägt hatte?

Wichtigste Ursache ist die sich weiter zuspitzende Immobilienkrise in den USA. Weitere Bankpleiten, auch in Deutschland, sind nach Einschätzung führender Banker nicht ausgeschlossen. „Der Boden ist noch nicht erreicht“, sagte Merrill-Lynch-Sanierer John Thain mit finsterer Miene in Davos. Die zweite Welle beginnt gerade mit der drohenden Pleite der US-Kreditversicherer. Weitere Wellen mit Kreditkartenunternehmen und Autokreditgebern, die in Zahlungsschwierigkeiten zu geraten drohen, werden erwartet.

Die von der US-Politik und der US-Notenbank als nachahmenswert gepriesene Strategie, mit immer mehr und immer billigeren Krediten in allen Lebenslagen und Bevölkerungsschichten für Privatkonsum, Wachstum und Wohlstand zu sorgen, entpuppt sich als gefährliche Illusion. Das Zeitalter der Kreditexpansion geht zu Ende. Keine US-Bank ist heute in der Lage und willens, auf diesem Weg weiterzugehen.

Wenn die Vereinigten Staaten aber als wichtigster Konjunkturmotor der Welt ausfallen und der US-Dollar deswegen schwach bleibt, wenn damit die ohnehin teuren Exporte in die USA weniger Abnehmer finden, müssen sich ausfuhrorientierte Staaten wie Deutschland und China ernste Sorgen machen. Viele Experten sind skeptisch, dass aufstrebende Schwellenländer wie China und Indien die Lokomotivenfunktion der USA vollständig übernehmen können. Im Gegenteil: Auch Chinas Konjunktur dürfte sich abschwächen. Damit ist Deutschland doppelt getroffen.

Was ist zu tun? Auf dem Forum setzte sich die Idee durch, dass Europa und Asien schnellstmöglich ähnliche Gegenmaßnahmen ergreifen sollten wie die USA: kräftige Zinssenkungen, Steuergeschenke und staatliche Investitionsprogramme in großem Umfang, um die nach wie vor träge Binnenkonjunktur zu beleben. Also das gleiche Rezept, wie es einst Keynes predigte und wie es die US-Notenbank Fed mit der drastischen Verbilligung des Geldes nach dem Platzen der Internetblase vor sieben Jahren und jetzt vorgemacht hat. Sogar IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn, dessen Institution traditionell zur restriktiven Budgetpolitik mahnt, forderte Steuererleichterungen.

Gegen diese Methode spräche dann nichts, wenn nach der Beruhigung ähnlich beherzt Strukturreformen folgten, zur Förderung von Wachstum und Wettbewerb, und wenn nach einer kurzen Phase antizyklischer Politik die Rückkehr zu einer stabilitätsorientierten Haushalts- und Finanzpolitik nach den Maastricht-Regeln garantiert wäre – Regeln übrigens, die auch den USA helfen würden. Da aber beides nicht erkennbar ist, weder in Washington noch in der EU, kann man nur davor warnen, die giftige US-Medizin in Europa und im Rest der Welt anzuwenden.

Das heißt: Wir müssen uns pragmatisch auf die Krise einstellen. Unternehmer sollten sich auf geringere Absatz- und Umsatzzahlen gefasst machen. Arbeitnehmer müssen von überhöhten Lohnerwartungen Abschied nehmen. Die Banken werden bei der Kreditvergabe viel stärker als zuletzt auf die Bonität der Kunden achten und die Zinsen erhöhen. Gegenüber den Investoren werden sie transparenter sein müssen als je zuvor. Konservatives Risikomanagement „wie früher“ ist programmiert. Investmentbanker und Private-Equity-Fonds werden nach Jahren des Booms viel weniger und viel kleinere Deals machen. Die Berliner Politik ist jetzt gezwungen, das zu tun, was sie in der vergangenen Wachstumsphase sträflich vernachlässigt hat: die Fortsetzung der Reformen, die mit Schröders Agenda 2010 ihren Anfang nahmen. Außerdem muss wieder hart gespart werden, denn die Steuereinnahmen werden aufgrund der konjunkturellen Abschwächung wieder zurückgehen. In Davos wurde für die nächsten Jahre das neue Leitmotiv ausgegeben „Zurück zur Realität“.

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