Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

27.07.2017

09:35 Uhr

Debatte um Verbrennungsmotor

Die Grünen könnten leer ausgehen – wieder einmal

VonBarbara Gillmann

Als die Grünen erklärten, 2030 aus dem Verbrennungsmotor aussteigen zu wollen, erlebten sie einen Sturm der Entrüstung. Doch nun kommt ein solcher Ausstieg europaweit in Mode. Ein Kommentar über ein grünes Dilemma.

Zwickmühle für VW-Kunden

Wann eine Umrüstung Besitzern von Dieselautos schaden kann

Zwickmühle für VW-Kunden: Wann eine Umrüstung Besitzern von Dieselautos schaden kann

Ihr Browser unterstützt leider die Anzeige dieses Videos nicht.

Davon hätte kein Grüner zu träumen gewagt. Während der Kampf gegen die Atomkraft fast 30 Jahre dauerte – von den Anfänger der außerparlamentarischen Anti-AKW-Bewegung bis zum Ausstiegsbeschluss der rot-grünen Koalition im Jahr 2000 – geht beim Verbrennungsmotor alles viel schneller. Die Debatte um seine Zukunft hat sich innerhalb von nur 30 Tagen vollkommen gedreht.

Mitte Juni beschloss der Parteitag der Grünen, ab 2030 keine neuen Verbrennungsmotoren mehr zulassen zu wollen. Die Argumentation: Den deutschen Autobauern soll es nicht so ergehen wie den Stromproduzenten, die die von Rot-Grün eingeleitete und von Bundeskanzlerin Angela Merkel vollendete Energiewende in der Substanz beschädigte. Die Politik müsse VW, Daimler & Co. rechtzeitig zur Wende zwingen, um den deutschen Wohlstand zu erhalten. Die Aufregung war groß, die politische Konkurrenz und die Industrie geißelten den Plan der Öko-Partei als Attacke auf den Standort Deutschland.

So wichtig ist die Autoindustrie für Deutschland

Umsatz

Gemessen am Umsatz ist die Autobranche der mit Abstand bedeutendste Industriezweig in Deutschland: Die Unternehmen erwirtschafteten 2016 einen Umsatz von mehr als 405 Milliarden Euro. Das entspricht rund 23 Prozent des gesamten Industrieumsatzes.

Unternehmen

Mittelständisch geprägte Zulieferer sind für den Großteil der Wertschöpfung – etwa 70 Prozent – verantwortlich. Insgesamt werden mehr als 1300 Unternehmen der Branche zugerechnet.

Beschäftigte

Die Autounternehmen zählen in Deutschland direkt mehr als 800.000 Mitarbeiter. Indirekt sind es viel mehr, da für die Fahrzeugfertigung viele Teile, Komponenten und Rohstoffe zugekauft werden.

Abhängig von Autokonjunktur

Viele Beschäftigte in der chemischen Industrie, der Textilindustrie, bei Maschinenbauern sowie in der Elektro-, Stahl- und Aluminiumindustrie sind abhängig von der Autokonjunktur. Auch Autohändler, Werkstätten und Tankstellen sowie weitere Dienstleister – etwa Versicherer – zählen dazu.

Exporte

Fahrzeuge sind der größte deutsche Exportschlager. Mehr als drei Viertel der in Deutschland hergestellten Pkw werden exportiert: 2016 waren es gut 4,4 Millionen.

Auslandsumsatz

Die Ausfuhren von Kraftwagen und Kraftwagenteilen summierten sich 2016 auf mehr als 228 Milliarden Euro. Das entspricht fast einem Fünftel der gesamten deutschen Exporte. Ein Großteil des Auslandsumsatzes wird in den EU-Ländern erwirtschaftet.

Forschung

Weltweit investierte die deutsche Autoindustrie zuletzt fast 39 Milliarden Euro in Forschung und Entwicklung (FuE). In Deutschland sind es knapp 22 Milliarden Euro, was mehr als ein Drittel der gesamten Ausgaben der heimischen Wirtschaft für Forschung und Entwicklung entspricht.

Mitarbeiter und Patente

Mehr als 110.000 Mitarbeiter sind in den Entwicklungsabteilungen beschäftigt. Von den weltweit 3000 Patenten zum autonomen Fahren entfallen etwa 58 Prozent auf deutsche Firmen.

Wenige Wochen später kommt der Einstieg in den Ausstieg aus dem Verbrennungsmotor in anderen Ländern in Mode: Erst Norwegen, dann Frankreich und das ferne Indien, und nun Großbritannien haben Daten für die Kehrtwende verkündet. In Deutschland jedoch gilt, was schon in der Bibel steht: Ein Prophet gilt nirgends weniger als in seinem Vaterland.

So sehr sich die führenden Grünen als Propheten bestätigt fühlen können, so sehr könnten sie von ihrem eigenen Erfolg überrollt werden. Merkel hat oft genug gezeigt, dass sie rücksichtslos und blitzschnell umsteuern kann, wenn sie die Zeit für gekommen hält. Es ist nur zu wahrscheinlich, dass sie die Kehrtwende auch beim Verbrennungsmotor vollzieht – die von Dieselskandal und Kartellvorwürfen geschwächte Branche würde es ihr momentan sogar leicht machen. In ihrer Partei bröckelt die Front jedenfalls schon: Ermutigt von der europäischen Ausstiegswelle wagen sich erste Parlamentarier aus der Deckung und fordern, das Autoland Deutschland dürfe Großbritannien nicht hinterherklappern.

VDA-Chef Matthias Wissmann: „Null-Fehler-Toleranz für Compliance nötig“

VDA-Chef Matthias Wissmann

Premium „Null-Fehler-Toleranz für Compliance nötig“

Matthias Wissmann, Chef des Automobilverbands VDA, spricht im Interview über die Kartellvorwürfe gegen fünf Hersteller, die Krise des Diesels, die Aufarbeitung des VW-Skandals und Wege aus der Misere für die Branche.

Noch können sich die Grünen als Vordenker präsentieren, die den Wohlstand von morgen sichern wollen. Wenn sie Glück haben, hält ihr Vorsprung bis zur Wahl und sie profitieren vom Imagewandel vom industriefeindlichen Radikal-Ökologen zu den klugen Vordenkern mit einem kräftigen Plus an Wählerstimmen. Danach könnte Merkel versucht sein, sich die Kritiker ins Haus, sprich in eine Koalition zu holen, um bei der Autowende als Macherin und nicht als von der Opposition Getriebene dazustehen – und die Grünen zugleich in die Pflicht zu nehmen. Die nötige Mehrheit für Schwarz-Grün gibt es jetzt schon.

Doch sobald Merkel öffentlich umdenkt und ohne die Grünen konkrete Schritte einleitet, könnte es – wie schon bei der Atomkraft – schnell heißen: Den Grünen gehen die Themen aus, sie sind überflüssig. Dass sie in die richtige Richtung dachten, nutzt ihnen dann womöglich wieder nichts.

Kommentare (50)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Herr Günther Schemutat

27.07.2017, 09:05 Uhr

Sollte Merkel die Wahl gewinnen , wird sie ein paar Wochen später den Ausstieg aus dem Verbrennungsmotor erklären, aber sicher nicht 2030. Für die Grünen hoffe ich , dass es im September den Ausstieg der Grünen aus der Politik gibt und eine bestehende Partei oder eine neue Partei ehrliche Umweltpolitik macht.

Hier kann ich die Linke empfehlen , Umweltpolitik neben Soziales zu übernehmen
das würde ein Erfolg werden . Die Grünen werden aber vielleicht an der Seite von Merkel sich noch ein paar Jahre halten, aber mit den alten Deutschfeindlichen Politikern haben die Grünen ein schlimmes Vermächtnis. hinterlassen.

Herr Heinz Keizer

27.07.2017, 09:50 Uhr

ein politisch verordneter Ausstieg aus den Verbrennungsmotoren ist Unsinn. Die Politiker sollten lieber die Forschung nach neuen Antrieben unterstützen. Sobald etwas gefunden ist, das besser ist als die jetzigen Motoren, wird es sich auch durchsetzen. Der Batteriegetriebene Elektromotor ist es nicht.

Herr Heinz Keizer

27.07.2017, 09:54 Uhr

@ Herr Günther Schemutat27.07.2017, 09:05 Uhr

Die Politik der Linkspopulisten ist genau sowenig zukunftsfähig, wie die der Rechspopulisten. Wenn der Elektromotor so gut wäre, hätte er sich längst durchgesetzt. Auch mit der Umweltfreundlichkeit ist es nicht weit her, wenn man alle Faktoren mit einbezieht.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×