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23.01.2007

05:59 Uhr

Der ökonomische Gastkommentar

Die neue deutsche Dynamik

VonJohn W. Snow (ehemaliger US-Finanzminister)

Die Europäer sind mit einer günstigen Prognose für anhaltendes Wirtschaftswachstum in das neue Jahr gestartet. Und dies ist eine willkommene Nachricht mit Blick auf die Aussichten für das Wachstum der Weltwirtschaft in diesem Jahr.

In den letzten Jahren waren die entsprechenden Neuigkeiten weniger positiv. So war es etwa im Jahr 2004, als ich in meiner damaligen Funktion als Finanzminister der Vereinigten Staaten durch Europa reiste, um dort für einen amerikanisch-europäischen Finanzdialog zu werben. Die Idee war, durch eine verbesserte Leistung unserer Finanzmärkte das Wachstum zu fördern. Diese Reise fand unmittelbar nach der Ablehnung der EU-Verfassung statt, was das Vertrauen in dieses große und ehrgeizige europäische Projekt beschädigte. Es sah so aus, als ob die Wirtschaft strukturell hinter ihrem Wachstumspotenzial zurückbleiben würde, ohne Anzeichen einer möglichen Erholung. Heute dagegen befindet sich die europäische Wirtschaft in der Phase eines Comebacks. Die Wiederbelebung begann von der Exportseite her. Dies zog neue Investitionen, die Schaffung von Arbeitsplätzen und höhere Verbraucherausgaben nach sich. Heute liegt die europaweite Arbeitslosenquote bei 7,7 Prozent, deutlich unter dem Höchststand von mehr als neun Prozent im Jahr 2004.

Auch das Vertrauen der Verbraucher steigt, da sich die Arbeitslosigkeit allmählich verringert. Als Folge wachsender Unternehmensgewinne und eines neuen Optimismus investieren die Unternehmen wieder mehr im Inland. Dies gilt vor allem für Deutschland. Das Bruttoinlandsprodukt wächst in einem Tempo, das fast doppelt so hoch ist wie in den vergangenen fünf Jahren. Was sind die Gründe für diese positive Wende, und warum ist jemand wie ich darüber so sehr erfreut? Eine akademische Erklärung würde lauten: Nach Jahren mit unnormal hohen Sparquoten löst sich jetzt als Folge des wiedergefundenen Vertrauens der Nachfragestau auf. Aber jede realistische Analyse muss vor allem die wirtschaftlichen Fortschritte in Deutschland berücksichtigen, immerhin der drittgrößten Volkswirtschaft der Welt mit ihrem daraus resultierenden starken Einfluss auf ganz Europa. Deutschland hat zu seiner Rolle als regionaler Wachstumsmotor zurückgefunden und kann damit seinen Nachbarn Auftrieb geben.

Diese Verbesserung hat sich keineswegs zufällig ergeben. Der Grund ist, dass sich Regierung, Unternehmer und Arbeitnehmer gemeinsam zu notwendigen und schmerzlichen Reformen durchringen konnten. Damit konnten sie die Effizienz und die Produktivität der deutschen Wirtschaft erhöhen. Das Land konnte seine verloren gegangene „teutonische Dynamik“ neu beleben. Und all dies half, die bestehenden hohen Arbeitskosten und Steuerbelastungen zu kompensieren. Das Resultat: Die Investitionen in Deutschland finden zu alter Stärke zurück. So wie höhere Investitionstätigkeit in den Vereinigten Staaten dort die gegenwärtige Aufschwungphase auslöste, geschieht dies heute in Deutschland. Und dadurch kann die hartnäckig hohe Arbeitslosigkeit reduziert werden.

Deutschlands Erfahrung ist ein Lehrbeispiel für Europa. Reformen, selbst wenn sie schwierig sind und nur zögerlich in Angriff genommen werden, zahlen sich in Form von Wettbewerbsfähigkeit, Wachstum, Beschäftigung und Lebensstandard aus. Wie wir in der „Agenda für Wachstum“ der Gruppe der acht großen Industriestaaten (G8) betont haben, können flexiblere Arbeitsmarktregeln, mehr Wettbewerb bei Gütern und Dienstleistungen sowie eine Überprüfung der Renten- und Gesundheitssysteme in der Euro-Zone nachhaltig schnelleresWachstum generieren. Klar, strukturelle Veränderungen sind den Wählern oft nur schwer zu vermitteln, zumal sie sich erst in der Zukunft auswirken. Aber dennoch sollte Deutschland weiter seinen Reformkurs steuern. Und die dabei bisher erreichten Erfolge sollten Europas politische Führer ermutigen, ebenfalls entsprechende Anstrengungen zu forcieren.

Ein starkes Europa bleibt sowohl für die amerikanische als auch für die globale Wirtschaft von hoher Bedeutung. In den letzten Jahren konnte das überdurchschnittlich hohe US-Wachstum jenes unter dem eigentlichen Potenzial liegende in Europa und in Japan kompensieren. Jetzt, wo sich die amerikanische Wirtschaft wieder zurück in Richtung auf ihr Trendwachstum bewegt, kann Europa durch seine Dynamik die geringere Leistung in den USA ungefähr ausgleichen und die Weltwirtschaft auf einem nach oben führenden Wachstumskurs halten. Die Bildung eines gemeinsamen europäischen, 25 Länder umfassenden wettbewerbsfähigen Kapitalmarkts ist keine leichte Aufgabe, aber auch dies kann Wachstum generieren. Die US-Finanzmärkte bleiben dagegen fragmentiert und werden durch verschärfte gesetzliche Regulierungen belastet. Der europäische Ansatz ist also der richtige und führt zu einem Wettbewerbsvorteil.

Wir müssen daher einen gemeinsamen, nahtlosen Kapitalmarkt schaffen. Dieser muss es europäischen Unternehmen ermöglichen, in den USA ebenso aktiv werden zu können wie in Europa. Und dies muss auch umgekehrt gelten. Ein offener Wettbewerb auf den Finanzmärkten ist für jedermann von Nutzen:

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