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09.01.2007

05:22 Uhr

Der ökonomische Gastkommentar

Wenn der Wind bläst

VonRalf Bischof (Geschäftsführer des Bundesverbandes Windenergie)

Die Polemik des bayerischen Wirtschaftsministers Erwin Huber gegen die Windenergie und einen überregionalen Strommarkt ist symptomatisch für eine Politik des „Vorwärts in die Vergangenheit“. Insbesondere mit ihren Vorbehalten gegen erneuerbare Energien steht diese schon lange nicht mehr in Einklang mit der Realität.

Noch kurz vor seinem Tod gab der im Jahr 1924 verstorbene RWE-Gründer Hugo Stinnes eine 220-Kilovolt-Höchstspannungsleitung in Auftrag, die das rheinische Braunkohlerevier mit Vorarlberg verband. Diese Leitung war die Keimzelle des deutschen Verbundnetzes. Der Zusammenschluss der Kohle des Ruhrgebiets mit der „weißen Kohle“ der Alpen bot große Vorteile: Die Kombination aus relativ unflexiblen Dampfkraftwerken und sehr gut regelbaren alpinen Speicherwasserkräften überwog die Kosten des weiten Stromtransports deutlich. Entgegen der Darstellung von Staatsminister Huber sind lange Transportwege also nichts Neues in der Stromwirtschaft. Es gibt sie seit fast 80 Jahren. Das Ziel ist die intelligente Kombination von „neuen“ erneuerbaren Energiequellen wie Sonne, Wind und Biomasse mit der traditionell genutzten Wasserkraft in den Alpen und in Skandinavien.

Angesichts der technischen Fortschritte sowohl in der Stromübertragungstechnik als auch in der IT- und Kommunikationstechnologie seit den Zeiten von Stinnes steht dieser Kombination nichts entgegen. Sie muss nur umgesetzt werden, Schritt für Schritt bis etwa Mitte des Jahrhunderts. Umwelt- und regenerative Energietechnologien stehen heute für einen der dynamischsten Märkte weltweit: Der Neubau von Windkraftanlagen nahm im letzten Jahr um fast 45 Prozent zu. Wurden 2004 weltweit noch 8 200 Megawatt Windleistung installiert, so waren es 2005 schon 11 800 Megawatt. Die installierte Kapazität im Bereich der Windenergie verdoppelt sich alle drei Jahre. Die Welt reagiert: Klimawandel, knappe Ressourcen und steigende Energiepreise fordern neue Wege in der Energieversorgung. Auch in Bayern.

Die Windenergie ist heute neben der Wasserkraft die am weitesten entwickelte Technologie im Bereich der erneuerbaren Energien. Rund 30 Milliarden Kilowattstunden Strom lieferte die Windenergie im vergangenen Jahr. Das entspricht 5,5 Prozent der deutschen Stromerzeugung. Die Stromerzeugungskosten einer neuen Windkraftanlage liegen im Vergleich zu neuen konventionellen Kraftwerken weitaus niedriger, wenn man die Klimafolgekosten fossiler Brennstoffe vollständig berücksichtigt. Schon heute sinken an der Strombörse die Preise für Grundlaststrom, wenn der Wind bläst. Denn das teuerste Kraftwerk, das zur Stromversorgung gerade noch benötigt wird und den Preis für den gesamten Großhandel diktiert, muss nicht mehr angeworfen werden. Eine für Eon erstellte Studie rechnet bei diesem Grenzkosteneffekt für 2005 mit Einsparungen durch die Windenergie von bis zu 2,5 Milliarden Euro. Diese Summe entspricht fast dem Dreifachen von dem, was Huber als „Windkraft-Subventionen“ bezeichnet.

Erwin Hubers Bedenken gegenüber einem weiteren Ausbau der Windenergie sind nicht zu begründen. Eine gemeinsam von der Energiewirtschaft, dem Bundeswirtschaftsministerium und der Windbranche finanzierte und von der Deutschen Energieagentur koordinierte Studie zur Netzintegration ist bereits vor zwei Jahren zu folgendem Ergebnis gekommen: Auch deutlich steigende Anteile an Windstrom lassen sich ohne Beeinträchtigung der Versorgungssicherheit und zu moderaten Kosten realisieren. Auch das Aufkommen an Windstrom ist entgegen Hubers Ansicht für den Stromhandel sehr gut prognostizierbar. Prognose und tatsächlicher Ertrag lassen sich auf den Web-Sites der Netzbetreiber täglich nachlesen. Für den Windstrom muss kein einziges Regelkraftwerk gebaut werden. Bereits heute arbeiten die Branchen der Wind-, Solar- und Bioenergie gemeinsam an einem regenerativen Kombikraftwerk, das verschiedene Stromquellen koppelt, um eine bedarfsgerechte Versorgung auch ohne Kohle, Gas und Kernenergie zu gewährleisten. Besondere Bedeutung kommt dabei der speicherbaren Biomasse und der Wasserkraft zu, bei der gerade Bayern punkten kann.

Die Vorstellung, dass ordentlicher Strom nicht aus rauchenden und dampfenden Großkraftwerken kommen muss, fällt heute noch manch einem schwer. Der Umbau der deutschen Energieversorgung mit Hilfe erneuerbarer Energietechnologie ist auch kein teures oder riskantes Versprechen, wie etwa ein „CO2-freies“ Kohlekraftwerk. Nach Einschätzung einer Enquetekommission des Bundestags wird das „CO2-freie“ Kohlekraftwerk den Strompreis mehr als verdoppeln. Wann das Wunderkraftwerk und die sicheren Endlager für Milliarden Tonnen CO2 verfügbar sein werden, steht in den Sternen. Erneuerbare Energien sind dagegen technologisch seit Jahren verfügbar. Windkraft- oder Biogasanlagen sind bereits Realität, und ihr Strompreis sinkt von Jahr zu Jahr – per Gesetz. Der künftige Verbund von erneuerbaren Stromquellen benötigt den von Huber geforderten „echten Markt“. Denn wer Markt will, muss auch Handel mit dem Ausland wollen. Und dieser funktioniert eben nicht mit den begrenzten Kapazitäten für den Transport in das Ausland, das zum Beispiel den deutlich billigeren Strom aus Skandinavien nicht aufnehmen kann. Zudem: Erwin Hubers bayerische Bauern werden sich ebenfalls über ein gut ausgebautes Transportnetz freuen. Denn im Süden Deutschlands investieren Landwirte und Mittelständler verstärkt in Biogas- und Photovoltaik-Anlagen. Und in einigen Jahren kann vielleicht auch Bayern Strom exportieren. Aber das hängt von einer klugen Standort- und Industriepolitik in den Ländern ab.

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