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01.02.2007

05:19 Uhr

DER POLITISCHE GASTKOMMENTAR

Gespenst des schiitisch-sunnitischen Krieges

VonAbdel Mottaleb el Husseini

Die an diesem Wochenende beginnende Reise der Bundeskanzlerin führt nach Ägypten, Saudi-Arabien und in die Golfstaaten. Der ganze Raum steht zunehmend im Banne eines befürchteten sunnitisch-schiitischen Krieges.

Denn die amerikanische Besatzung des Iraks hat auch das Kräfteverhältnis in der Region verändert, vor allem zu Gunsten der schiitischen Iraner. Das Festhalten des Mullahregimes an seinem Atomprogramm vergrößert zudem das Misstrauen der Golfstaaten. Besonders die Saudis sehen sich in der Pflicht, die irakischen Sunniten zu unterstützen. Die Politik der US-Regierung Bush in der Region dient bei der Eskalation des Konfliktes zwischen Sunniten und Schiiten als Katalysator.

Seit Wochen wird über ein stärkeres Eingreifen der Saudis oder die Bildung einer antiiranischen Front der sunnitischen arabischen Regime, die auch Ägypten, Jordanien und die Golfstaaten umfasst, spekuliert. Sowohl auf schiitischer Seite als auch auf sunnitischer Seite würden in letzter Instanz Extremisten profitieren. Wie destabilisierend das Anheizen der konfessionellen Instinkte ist, zeigen die gegenwärtigen Konflikte im Irak und Libanon. Gegen ähnliche Gefahren sind auch die übrigen arabischen Länder nicht immun.

Es ist, als ob sich die Geschichte wiederholen würde. Der Kriegsfunken geht wieder vom Irak aus, dem Geburtsort des islamischen Schismas. Denn Ali Ibn Abitaleb, der erste Imam der Schiiten und vierte rechtsgeleitete Kalif nach sunnitischer Überlieferung, wurde im 7. Jahrhundert im heute irakischen Kufa während des Machtkampfes mit den Ommayaden ermordet. Sein Sohn Al Hussein und viele Mitglieder seiner Familie fanden in Kerbela den Märtyrertod, weshalb diese Städte seitdem heilige Orte der Schiiten sind.

Die Erinnerung an diese historischen Ereignisse erleichtert das Verständnis des Konfliktes zwischen Sunniten und Schiiten in der Gegenwart. Von Beginn an ging es nicht um einen theologischen, sondern um einen politischen Streit über den rechtmäßigen Nachfolger des islamischen Propheten. Beide Glaubensrichtungen sind sich über die Grundsätze des Islams einig. Die Mehrheit der Schiiten, die etwa 15 Prozent der Muslime ausmachen, glaubt, dass Ali, Vetter und Schwiegersohn des Propheten, und elf nachfolgende Imame aus seinem Geschlecht die legitimen Kalifen waren. Diese Imame sind nach schiitischer Vorstellung unfehlbar und von Gott bestimmt. Die Sunniten – 85 Prozent der Muslime – machen den Konsens der Gemeinschaft zur Bedingung für die Wahl des Kalifen. Sie erkennen nur die ersten vier rechtsgeleiteten Kalifen an. Danach wurde das Kalifat faktisch vererbt.

Die enge Verbindung zwischen Religion und Politik im Islam hat dazu beigetragen, dass die politischen Kämpfe stets eine religiöse Form annahmen. Der Schiismus war die bestgeeignete Ideologie für die Protestbewegungen im islamischen Reich, das bis zum Zusammenbruch des türkischen Reichs infolge des Ersten Weltkriegs von sunnitischen Kalifen und Statthaltern beherrscht wurde. Die Schiiten wurden als Minderheit unterdrückt und gezwungen, ihren Glauben zu verheimlichen (Takia). Nur im Iran konnte sich der Schiismus behaupten und zur Staatsreligion entwickeln.

Praktisch ist das Kalifat seit seiner Aufhebung durch den Gründer der modernen Türkei, Mustafa Pascha Atatürk, 1924 verschwunden. Aber die geistige Vorherrschaft der Religion in der arabischen Welt ist unangefochten geblieben. Die Schuld daran tragen die politischen Eliten, die unfähig waren, die islamische Welt zu modernisieren und Politik und Religion voneinander zu trennen. Ganz im Gegenteil wurde der Islam sowohl von den Diktaturen als auch von den Monarchien im Nahen Osten politisch instrumentalisiert.

Bis zum Sieg der islamischen Revolution 1979 in Iran spielten die Schiiten politisch und religiös eine marginale Rolle in der arabischen Welt. Erst der Sturz des Schahregimes und die Propagierung einer revolutionären Ideologie durch Khomeini führten zum politischen Erwachen der schiitischen Minderheiten. Dies rief eine Allianz der Golfmonarchien mit dem nationalistischen Saddamregime im Irak auf die Tagesordnung, um die schiitische Gefahr einzudämmen. Im iranisch-irakischen Krieg (1980-1988) versuchten beide Parteien, territoriale und alte nationale Konflikte als Kampf zwischen Sunniten und Schiiten darzustellen. Doch das Mullahregime war nicht imstande, die irakischen Schiiten massenhaft für seine Revolutionstheorie zu gewinnen. Sie dienten weiter in der irakischen Armee. Das Gleiche galt für das irakische Regime, das die Araber in Iran nicht für sich gewinnen konnte. Der blutige Konflikt führte also nicht zu einem totalen Religionskrieg. Dass Saddam die schiitische Opposition brutal unterdrückte, ändert nichts daran. Er tat das Gleiche mit Kurden und Sunniten.

Das jüngste Wiedererwachen des Konfliktes zwischen Sunniten und Schiiten ist im Zusammenhang mit dem Sturz des irakischen Regimes am 9. April 2003 zu sehen. Die US-Besatzung des Iraks hat dazu beigetragen, unerwartete Veränderungen im und um das Land herum zu schaffen. Die amerikanische Allianz mit schiitischen Gruppierungen, die zuvor von Iran unterstützt wurden, und die Einführung eines konfessionellen Systems unter dem Deckmantel des Föderalismus schufen die günstigen Bedingungen für den Ausbruch des Konfliktes zwischen sunnitischen und schiitischen Gruppierungen. Auf der anderen Seite vertieften die im Namen El Kaidas agierenden sunnitischen terroristischen Gruppierungen den Graben zwischen beiden Gemeinschaften. Bekanntlich führten bisher die El-Kaida-Terroristen vordergründig einen gnadenlosen Kampf gegen die Schiiten. Auch im Namen der Schiiten wird inzwischen gemordet, was wiederum Wut und Empörung unter den Sunniten weltweit hervorruft.

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