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15.01.2007

05:00 Uhr

Der rapide Niedergang des erfolgreichsten Ministerpräsidenten in Deutschland, der zwei Drittel der Mandate errungen hat und einen konsolidierten Haushalt vorlegen kann, wirft zwei Fragen auf: Wie kommt es zu dem fast einmaligen Absturz Edmund Stoibers, und warum klammert er sich so sehr an sein Amt? Stoibers Machtverfall ist Endpunkt eines anhaltenden Niedergangs, der mit seiner Flucht aus dem großkoalitionären Kabinett in Berlin begann, den er selber aber nicht wahrhaben will – warum?

Millionen von Arbeitnehmern freuen sich auf den „wohlverdienten Ruhestand“, Politiker fürchten ihn. Konrad Adenauer hat mächtig unter dem Machtverlust gelitten; auch Willy Brandt. Helmut Kohl wollte es 1998 „noch einmal wissen“, ähnlich wie jetzt Edmund Stoiber, der die bayerische „Götterdämmerung“ nicht wahrhaben will. Macht hat für deren Inhaber etwas Prickelndes an sich, wird sogar als eine Art Droge angesehen. „Ich bin süchtig, politiksüchtig“ erklärte dereinst Stoiber-Vize Horst Seehofer. Schleswig-Holsteins frühere Ministerpräsidentin Heide Simonis stellte öffentlich die Frage, was denn nach dem Amtsverlust aus ihr werden solle.

So wird in schöner Offenheit das Rauschhafte der Politik dokumentiert. Die Sucht nach öffentlicher Wirkung treibt Politiker dazu, Tag und Nacht darüber nachzudenken, wie sie an der Macht bleiben können, oder anders ausgedrückt: Die Furcht vor dem Ende der öffentlichen Wirkung ist stärkste Triebkraft, um keinen Preis loszulassen.

Die meisten Politiker brauchen Jahrzehnte, bis sie ganz weit „nach oben“ vorgedrungen sind. Ihr sozialer wie finanzieller Aufstieg war häufig mit zahlreichen Härten und Entbehrungen verbunden. Sind sie an der Spitze angekommen, wollen sie die Symbole der Macht – vom Abschreiten roter Teppiche über Gespräche mit Potentaten aus aller Welt bis hin zur Teilnahme an Talkshows – nicht mehr missen.

Auch Wirtschaftslenker tun sich mit ihrem Abschied schwer. Auch sie üben Macht aus, aber nur in einem begrenzten Sektor. Und während ihr öffentliches Abschiednehmen häufig bestenfalls im Wirtschaftsteil einer Zeitung stattfindet, vollzieht sich das eines Spitzenpolitikers unter intensiver öffentlicher Anteilnahme, wird zum dominierenden Medienereignis. Anders als Politiker können Spitzenmanager auch nach ihrem Ausscheiden vom Vorstandsvorsitz weiterhin Ressourcen wie Büros, Dienstwagen und Ähnliches nutzen; insbesondere ihre Aufsichtsratsmandate lassen ihnen in einem ihnen vertrauten Feld weiterhin „Bedeutung“ zukommen. Sie fallen nicht so tief wie ein Spitzenpolitiker.

Wenn ein hochrangiger Politiker aus dem Amt scheidet, steht er dagegen auf einmal in aller Öffentlichkeit ziemlich bloß dar. Für sie gibt es häufig innerhalb der Politik keine richtige Auffangposition. Das gilt gerade in Deutschland. In Großbritannien gibt es wenigstens ein Oberhaus, in Frankreich einen Senat.

Um die Mentalität von Spitzenpolitikern zu verstehen, muss man sehen, dass Menschen in keinem anderen Beruf ständig mit neuen Herausforderungen in der ganzen Breite des Lebens konfrontiert werden. Ein führender Politiker arbeitet bis zur psychisch-physischen Erschöpfung. Für ihn selbst ist das eher ein Lebenselixier: Er empfindet sich als weit jünger, als er in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird. Er sieht sich auf dem Höhepunkt der Zeit, der Modernität. Dadurch überspielt er das Gefühl des Älterwerdens.

Er spürt aber instinktiv, dass sich bei ihm der große Lebenskampf des Menschen, nämlich gegen das Älterwerden, auf die Phase des politischen Ruhestandes verlagert. Tritt dieser ein, ist er zudem dem Phänomen der doppelten Einsamkeit unterworfen: Einerseits droht der leere Terminkalender. Seine bisher volle Agenda symbolisierte Einfluss, Bedeutung, Gestaltungskraft, Potenz.

Zum anderen gibt es das Gefühl der sozialen Leere: Die täglichen Sozialbeziehungen, die sich in einem Regierungsapparat von allein ergeben, fallen plötzlich weg. Diese Einsamkeit wird noch durch das Fehlen eines wirklichen Freundeskreises verstärkt. Ein Spitzenpolitiker kann keine freundschaftlichen Kontakte halten oder neu aufbauen, denn „Freundschaft“ ist das Produkt gegenseitiger Bemühung.

Im Falle des großen politischen Lehrers von Stoiber, Franz Josef Strauß, war der Zeitpunkt des politischen und des biologischen Todes identisch – in Deutschland eine Ausnahme. Stoiber, der als einstiges „blondes Fallbeil“ selber am ungewollten Ruhestand anderer Politiker mitwirkte, weiß um deren Leiden nach dem Machtentzug, den sie als einen Liebesentzug durch die Wähler wahrnehmen: Man steht nicht mehr in den Zeitungen und wird kaum oder nicht mehr wahrgenommen.

Wie sagte Heide Simonis? „Wenn mich auf fünf Schritte keiner erkennt, werde ich depressiv.“ Spitzenpolitiker sublimieren durch ihre Dauerbeschäftigung und Ruhelosigkeit die Realität des Älterwerdens. Sie ahnen, dass sie mit ihrem politischen Tod der Konfrontation mit der eigenen Endlichkeit, der sie bisher erfolgreich aus dem Wege gegangen sind, nicht mehr ausweichen können.

Stoiber will noch kämpfen. Die jetzt zu seiner Rettung ausgedachten „Regionalkonferenzen“ in der CSU würden ihn aber endgültig in die Tiefe ziehen. Angela Merkel führten die CDU-Regionalkonferenzen nach dem Doppelrücktritt von Kohl als Ehrenvorsitzendem und Schäuble als Parteivorsitzendem zum Aufstieg. Sie konnte sich mittels der Basis gegen Parteikonkurrenten rasch in Stellung bringen. In der CSU ist es umgekehrt: Die Basis ist schon weg. Langsam dämmert es auch den Führungsleuten: Frau Pauli hat Stoibers Niedergang nicht ausgelöst, sie hat ihn vielmehr sichtbar gemacht. Sie war wie das kleine Kind im Märchen, das rief: „Der Kaiser ist ja nackt“ – und auf einmal haben es alle gesehen.

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