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14.03.2006

10:00 Uhr

Deutschland erneuert sich

Ein neuer deutscher Kapitalismus

VonThomas Hanke

Ende des Korporatismus, Markt und Zivilgesellschaft statt staatlicher Gängelung: Wir erleben nicht nur graduelle Modifikationen des Wirtschaftslebens. Die Republik ändert sich, ohne ein Klon des angelsächsischen Modells zu werden.

Reichstagsgebäude in Berlin. Foto: ap

Reichstagsgebäude in Berlin. Foto: ap

Deutschland erneuert sich, es durchleidet fast 60 Jahre nach der Währungsreform aber auch eine späte Midlife-Crisis. Es sucht seinen Weg, die eigene Ausprägung von Marktwirtschaft à jour zu bringen.

Die multiple Schlüsselrolle der Banken als Kreditgeber, Aufsichtsräte, Anteilseigner und Wahrnehmer von Depotstimmrechten bei den großen, börsennotierten Aktiengesellschaften gibt es in weiten Teilen nicht mehr. Was noch beim Angebot von Vodafone für Mannesmann als Angriff auf nationale Traditionen verfemt wurde, ist heute fast zur Selbstverständlichkeit geworden: Auch Großunternehmen werden von ausländischen Investoren gekauft. Die Unternehmensleitungen selbst sind im Umbruch, das intransparente, behäbige und kritikfreie Zusammenspiel von Aufsichtsrat und Vorstand akzeptieren die Aktionäre immer weniger.

Was hier geschieht, geht aber weit über Management und Finanzmärkte hinaus. Die Arbeitsbedingungen der deutschen Arbeitnehmer ändern sich: Der Korporatismus, also die für Deutschland typische starke Beteiligung der Verbände an den politischen Entscheidungen, funktioniert nicht mehr wie früher. Konsens ist nicht mehr das Maß aller Dinge. Vor allem aber: Die Arbeitnehmer bekommen den verschärftenWettbewerb mittlerweile ganz unmittelbar am eigenen Arbeitsplatz zu spüren.

Konkurrenz wird in die Werke importiert. Der Wettbewerb findet nicht mehr nur zwischen Unternehmen statt, sondern auch innerhalb ein und desselben Unternehmens: Werke und Belegschaften aus verschiedenen Regionen Europas und der Welt müssen im Wettlauf um den Zuschlag für eine wichtige Produktion gegeneinander antreten. In zahlreichen deutschen Werken schaut so die Globalisierung den Arbeitnehmern über die Schulter.

Wir erleben nicht nur graduelle Modifikationen des Wirtschaftslebens. Sieht man die zahlreichen Veränderungen nicht mehr bruchstückhaft, sondern betrachtet sie in ihrem Zusammenhang, dann zeichnet sich ein Muster ab: Ein neuer deutscher Kapitalismus ist im Entstehen begriffen. Worauf läuft das hinaus: auf einen angelsächsisch geprägten Einheitskapitalismus? Oder werden wir auch künftig in einer Marktwirtschaft leben, die sich trotz aller Anpassungen durch ihre Unternehmensverfassung, ihre Arbeitsbeziehungen und das Zusammenwirken von Wirtschaft und Politik vom britischen ebenso wie von anderen national geprägten Formen des Kapitalismus unterscheidet? Deutschland hat die Chance, die nötige und sinnvolle Entstaatlichung und Privatisierung, den größeren Spielraum für Märkte mit dem Zusammenwirken von organisiertem Kapital und organisierter Arbeit zu verbinden, das für das deutsche Modell typisch ist.

Kurios ist, dass neben einigen Spitzenmanagern Teile der deutschen Linken so beunruhigt auf die Entflechtung der Deutschland AG reagieren. Über Jahre hinweg haben sie gefordert, die Macht der deutschen Banken einzuschränken. Nun sind die Depotstimmrechte abgeschafft, Bankenbeteiligungen verkauft, Aufsichtsratsmitglieder zurückgezogen, und Transparenz ist an die Stelle undurchsichtiger Eigentumsverhältnisse gerückt. Von einer dominierenden Rolle der Banken kann nicht mehr die Rede sein, der Traum der Linken ist also in Erfüllung gegangen. Deutschland setzt nun auf Aktionärsdemokratie statt auf Kungelei in Aufsichtsräten. Doch: Nicht die Freude über das Ende der Bankenmacht herrscht vor, sondern die Sorge, nun werde das Modell Deutschland vom angelsächsischen Heuschreckenkapitalismus verschlungen.

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