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21.08.2012

10:10 Uhr

Die Grünen

Von jungen Wilden keine Spur

VonRüdiger Scheidges

Grün ist die Hegemonie, unter der die moderne Gesellschaft steht und damit extrem mehrheitsfähig. Eigentlich eine ideale Ausgangslange für die Grünen im Wahlkampf. Doch die Partei scheint langsam zu ergrauen.

Grüne der ersten Stunde: Claudia Roth und Jürgen Trittin. dpa

Grüne der ersten Stunde: Claudia Roth und Jürgen Trittin.

Seit Gründung der Grünen hat die grüne Idee einen Triumphzug hingelegt. Sie hat die Glaskuppel des Parlaments gesprengt und den Samen in der deutschen und europäischen Gesellschaft verstreut. Grün ist die Hegemonie, unter der die moderne Gesellschaft steht: Bio, Öko, Nachhaltigkeit, Anti-Atom, Anti-Gen, Naturschutz und so weiter sind weithin geteilte gesellschaftliche Werte. Diese Übereinkünfte überspringen Parteigrenzen und lassen sich weder exklusiv links noch rechts eintopfen. Sie sind, kurz gesagt, extrem mehrheitsfähig.

Welch ideale Ausgangslage für eine Partei, die unter dem grünen Banner in den Bundestagswahlkampf segelt! Doch muss die Partei die Leute davon überzeugen, dass sie jetzt die Richtigen wählen, um die Idee vital zu halten. Aber: Während die Idee weiter blüht, ist die Partei verblüht. Das gewisse Grau kommt nicht zufällig. Die kandidierenden Alphatiere sind allesamt Gründungsmitglieder, Dinosaurier.

Bekundet haben ihr Interesse für Spitzenposten für die Bundestagswahl 2013: Claudia Roth, Renate Künast, Fraktionschef Jürgen Trittin und auch die Bundestags-Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt. In anderen Parteien würde man von Männern und Frauen der ersten Stunde schwelgen oder stöhnen. Die Saison der nachwachsenden Frischlinge jedenfalls ist nicht mehr. Von jungen und wilden Grünen redet kein Mensch. Junge Piraten und politische Freibeuter anderer Camps navigieren mit iPad unterm Segel andere Ufer an.

Warum aber sollte bei den Grünen tabu sein, was bei noch etablierteren Parteien traurige (Ginkgo-)Regel ist? Altersskepsis hat nur dort einen Platz, wo offenkundig Asynchronität mit den Forderungen des Tages und des Neuen, mit dem Hier und Jetzt herrscht. Selbst juvenil Bösgläubige werden den vier Bewerbern um die beiden Spitzenplätze kaum ein Zurückhinken im Räderwerk des Betriebs andichten.

Man mag den einen ablehnen, die andere als nervtötend und das Déjà-vu der alten rot-grünen Regierung als deprimierend empfinden: Die (Regierungs-)Erfahrung gereicht ihnen hingegen nicht zum Nachteil. Dennoch: Eine Art „demografische Brückenkandidatin“ wie die Ostdeutsche Katrin Göring-Eckhardt, zehn Jahre jünger als die Dinos, Bundestagsvizepräsidentin und Präses der Synode der evangelischen Kirche, würde dem Eindruck des immer weiter dominierenden Machtkartells aus dem tiefen Westen - Künast/Trittin/Roth - eine vitale Nuance beimischen, die der Partei gut anstünde.

Zudem wäre die unideologische Reala die Herzdame im doch bevorstehenden Koalitionspoker. Doch die drei vom Machtkartell haben längst Lunte gerochen: Die von Göring-Eckhardt gewiss nicht uneigennützig vorgeschlagene Gruppenlösung lehnt die alte Nomenklatura finster ab. Sie wollen das Ding lieber selber schaukeln. Über solches Ausschlussdenken und auch das seit Jahrzehnten wie geschmiert funktionierende Kooptationsverfahren im Hinterzimmer müssen die Mitglieder befinden. Notfalls doch per Urwahl.

Kommentare (4)

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Hermann.12

21.08.2012, 11:52 Uhr

Es ist wenig einzuwenden gegen mehr Nachhaltigkeit im Ressourcenverbrauch und auch mehr Umweltschutz.
doch poltisch Grün bedient lediglich Populismen und blendet die Preise dafür gegenüber dem Wähler aus.
Deshalb kann die Partei auch keine größerne Mehrheiten binden, weil sie schlicht kein gesellschaftlich tragfähiges Konzept hat.
Das die Grünen ergrauen hängt halt damit zusammen, dass die Generationen, die mit Ihnen groß geworden sind, deutlich weniger bereit sind diese Schwächen wahrzunehmen.

Ich gehe davon aus, dass ohne die Grünen die probleme eher geringer wären. Der Atomausstieg wäre nach Fukushima auch ohne die Grünen vonstatten gegangen, der Umweltschutz wurde auch nicht von Ihnen erfunden, sie waren eher Trittbrettfahrer eines sich ohnehin verstärkenden Bewußtseins.
Alles in allem haben sie aber Milliarden an zusätzlichen Subventionen verursacht mit zweifelhaften Nutzen. Ebenso zusätzliche bürokratische Monster und Doppelstrukturen in denen sie sich vom Staat aushalten lassen.

Die Zeiten der Forderungen ohne Beachtung der Kosten gehen dem Ende zu und damit auch die Ära der 68ziger und Grünen, deren Ideale leider viel zu viele Realitäten einfach ausblendeten.

H.

Leopold

21.08.2012, 11:54 Uhr

"Selbstdarsteller" und selbsternannte "Kandidaten" bringen die Grünen nicht weiter. Da müssten schon mal neue Namen ran.

Account gelöscht!

21.08.2012, 11:58 Uhr

Die Grünen haben sich überlebt. Die Themen wurden von den anderen Parteien als Teil ihres meist dürftigen Programms vereinnahmt, teilweise wurden sie von der CDU rechts überholt. Was die EU und den Euro angeht, sind die Grünen ideenlos und offenbar froh, wenn sie die Verantwortung auf die große EU abschieben können, weil sie selbst völlig ahnungslos sind. Eine Opposition sind sie nicht - sie nicken brav alles ab, was Mutti als "alternativlos" zur Abstimmung gibt. Sie sind damit Teil des undemokratischen und gleichgeschalteten Polit-Zirkus geworden, genau wie CDUCSUSPDFDP-Riege. Und genau wie diese geht es nur noch um Macht, Pöstchen und Pfründesicherung. Neue Ideen oder gar Querdenken? Komplette Fehlanzeige. Grüne Scheuklappen, beschränkt auf Umweltzonen und allgemeines Dagegensein im alltäglichen Kleinklein - im Großen jedoch angepaßt und aalglatt. Man könnte diese Melange als verrotteten Grünkohl bezeichnen, denn sie sind mittlerweile so konservativ wie Kohl, nur mit grünem Anstrich.

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