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15.01.2010

14:00 Uhr

Empathie

Das Mitgefühl ist stärker als die Ichsucht

VonJeremy Rifkin (Vorsitzender der Fo), ation on Economic Trends ()

Der Mensch ist nicht knochenhart auf Eigennutz aus. Die moderne Gesellschaft stärkt die Empathie, beschleunigt aber auch den Raubbau an den Ressourcen: ein Wettrennen um die Zukunft unserer Zivilisation.

Das Entstehen der modernen Marktwirtschaft und der Nationalstaaten haben philosophische Annahmen über die menschliche Natur begleitet, die nur noch schlecht zu unseren Erfahrungen in der globalisierten Ökonomie und Biosphäre passen. Die Menschen sind heute immer mehr weltweit vernetzt und wirtschaftlich voneinander abhängig. Zugleich wächst mit dem Klimawandel die Gefahr einer kollektiven Auslöschung. Vor diesem Hintergrund stellen sich immer drängender die existenziellen Fragen: Wer sind wir, und was für eine Bedeutung hat unsere Spezies?

Jede Kultur beantwortet sie bislang auf ihre Weise und schafft so Zusammenhalt. Die Idee, hier eine überwölbende Gemeinsamkeit zu finden, dürfte bei den meisten postmodernen Gelehrten nur ein Lächeln hervorrufen. Aber es gibt doch deutliche Anzeichen dafür, dass die Entwicklung der Menschheit ein übergeordnetes Thema hat: die Zunahme der Empathie.

Unsere offiziellen Chronisten, die Historiker, haben sich wenig mit der Fähigkeit zur Einfühlung in andere als Triebfeder der menschlichen Geschichte beschäftigt. Im Großen und Ganzen schreiben sie über soziale Konflikte und Kriege, große Helden und finstere Bösewichter, technischen Fortschritt und Machtausübung, ökonomische Ungerechtigkeiten und die Beseitigung sozialer Probleme. Wenn Historiker sich mit Philosophie beschäftigen, dann geht es in der Regel um Machtfragen. Nur selten hören wir etwas über die andere, tief mit unserer sozialen Natur verknüpfte Seite und ihren Einfluss auf Kultur und Gesellschaft: die Entwicklung und Ausweitung der menschlichen Gefühlswelt.

Glückliche Menschen leben meist in einer kleinen Welt

Der deutsche Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel bemerkte einst, die glücklichen Zeiten seien die "leeren Seite der Geschichte", denn das seien "Perioden der Harmonie". Glückliche Menschen leben meist in der kleinen Welt enger Familienbeziehungen und sozialer Kontakte. Obwohl dieses einfache Leben im häuslichen Kreis auch mit Leiden, Stress und Ungerechtigkeiten und falschem Spiel durchsetzt sein kann, besteht es doch hauptsächlich aus kleinen, netten Gesten und Akten der Großzügigkeit. Trost und Mitleid erzeugen Wohlwollen und soziale Wärme, sie bringen Freude ins Leben.

Viele unserer alltäglichen Beziehungen zu anderen Menschen sind von Empathie geprägt, denn das entspricht dem Innersten unserer Natur. Der amerikanische Psychologe Martin L. Hoffman definiert Empathie als "den Einfluss psychologischer Prozesse, die Gefühle erzeugen, die mehr mit der Situation anderer Menschen verknüpft sind als mit der eigenen". Empathie ist genau das Mittel, mit dem wir unser Zusammenleben organisieren und unsere Zivilisation weiterentwickeln. Kurz gesagt: Die außerordentliche Evolution des empathischen Bewusstseins ist die wesentliche Grundlinie der menschlichen Geschichte - auch wenn die Historiker dem bisher nicht genügend Aufmerksamkeit geschenkt haben.

Für rund 1700 Jahre sind wir im Westen dem Glauben gefolgt, Menschen seien Sünder in einer "gefallenen" Welt, unsere Hoffnung auf Errettung liege in der kommenden Welt. Mit dem Anbruch der Moderne haben die Philosophen der Aufklärung dann den Menschen als autonomes Wesen geschildert, das vom Eigennutz und materiellen Interessen getrieben ist.

Kommentare (13)

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W. Mirau

15.01.2010, 15:44 Uhr

Hervorragender Artikel.
ich hoffe, dass ihn viele Meinungsbildner in Schule, Wirtschaft und Polikit lesen.
Um unsere Zukunft zu meistern, sollten wir der aktuellen Jugendbewegung (soziale Netzwerke) mehr Aufmerksamkeit widmen. Die Jugend befindet sich bereits auf dem besten Weg in eine sozialere Zukunft.

Klaus Limberger

15.01.2010, 16:53 Uhr

Lehrreicher Artikel eines Wissenschaftlers, der seit eh und je weit über der Tellerrand des eigenen Fachbereichs hinausschaut. Doch so überraschend neu sind seine Erkenntnisse und die der angeführten Wissenschaftler nun auch wieder nicht. Sie gehören zum Erfahrungsschatz der Menschheit in den verschiedenen Kulturen, vor allem den einfacher gestrickten, zu denen unsere westliche, z.b. auf den Dörfern der Karpaten oder des Schwarzwaldes oder im Zentralmassiv, bis vor zwei Generationen auch noch gehörte. insbesondere die großen Weltreligionen überliefern seit alters Nächstenliebe und Mitgefühl als zentrale menschliche und mitmenschliche Werte. Nur hat unsere verwissenschaftlichte und übertechnisierte Gesellschaft sie ignoriert oder teils sogar aktiv als vormodern und überholt bekämpft. Unsere Kleinsten lernen hoffentlich noch oder wieder in Mehrgenerationenfamilien, im Waldkindergarten oder als Heranwachsende in Schulen, Vereinen und als Zivis in sozialen Verbänden Empathie und Kompassion, vor allem aber gewinnen sie hoffentlich auch die richtige Verhältnisbestimmung Mensch - Natur - Gott wieder und unterliegen nicht der Hybris modernen Menschentums ohne Gott!

k.-h.

15.01.2010, 19:32 Uhr

Mitgefühl ist eine (Unter-)Art von Eigennutz, welcher am ehesten geeignet ist, dem Menschen diese kleinen meist für Dritte unsichtbaren Glücksgefühle zu vermitteln. Rückzug in die Einsamkeit ist eine weitere Art ebenso wie spontane Hilfe für Andere. Nur Eigennutz hat den Menschen - so gesehen - überleben und sich entwickeln lassen. Schaun mer mal, wo das noch hinführt.

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