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16.06.2012

08:15 Uhr

Essay

Griechenland stellt Europa vor die Wahl

VonTorsten Riecke

Europa steht vor dem Scheideweg: Die Euro-Krise zwingt die Länder zur Entscheidung, ob sie eine politische Union oder einen lockeren Staatenbund wollen. Die Antwort können die Europäer nur gemeinsam finden.

Die europäische Flagge vorm Brandenburger Tor. ap

Die europäische Flagge vorm Brandenburger Tor.

BerlinEuropa ist geteilt - erneut. Es gibt das selbstverständliche, alltägliche Europa, wo Liebespaare in der Lufthansa-Werbung („Er aus Frankfurt, sie aus Mailand“) und in der Wirklichkeit über alte Grenzen hinweg übers Wochenende zueinander jetten. Der britische Historiker Timothy Garton Ash nennt das im Handelsblatt-Interview das Europa der „Easyjet-Generation“. Zu unserer alltäglichen Lebenswirklichkeit gehört inzwischen auch, dass Menschen aus Kiel in Madrid arbeiten oder studieren, sich dort niederlassen und eine Familie gründen. Dass schwäbische Maschinenbauer ihre Anlagen nach Turin oder Dublin liefern, als wäre es im benachbarten Bayern. Es ist das Europa, das wir nicht missen möchten, das uns lieb und teuer ist.

Das andere Europa ist das der Schuldenstände, Rettungspakete und Risikoaufschläge. Es ist das der Dauerkrise, des Misstrauens, der zunehmenden Entfremdung. Dieses Europa erschöpft uns, lässt uns (ver)zweifeln, und viele sind gerade dabei, diesem Europa den Rücken zu kehren. Eine Umfrage des Pew Research Centers hat herausgefunden, dass die Mehrheit der Europäer nicht „mehr Europa“ will. Eine Kontrolle des nationalen Haushalts durch die Eurokraten in Brüssel wünschen sich aus verständlichen Gründen nur die Italiener.

Timothy Garton Ash: „Wir brauchen eine europäische Geschichte“

Timothy Garton Ash

„Wir brauchen eine europäische Geschichte“

Garton Ash über die deutsche Pflicht, Europa aus der Krise zuführen. Neben einer Wachstumskomponente für südliche Länder, muss Merkel die Easyjet-Generation von Europa überzeugen. So nur bliebe der Kontinent zusammen.

Dass wir in diesen beiden Parallelwelten leben und nicht die geistige und emotionale Brücke von der einen zur anderen schlagen, ist der erste Grund, warum nicht nur der Euro, sondern die ganze Idee der europäischen Einigung infrage steht. Herauskommen aus der Krise werden wir aber nur, wenn die beiden Europas, das alltägliche und das technokratische, wieder zusammenwachsen. Wenn wir (wieder)entdecken, dass uns nicht nur gemeinsame Geschichte und Kultur vereinen, sondern auch der Alltag, die Art und Weise, wie wir jetzt und zukünftig leben wollen. Und wenn daraus ein politischer Wille der Bürger zur Einigung Europas erwächst.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.

Der Autor

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.

Aber die Sache ist viel komplizierter. Wir brauchen nicht nur den politischen Willen einer breiten Mehrheit. Ein Europa, das auch wirtschaftlich vereint sein will, muss funktionieren. Das heißt: Die Menschen müssen den unmittelbaren Nutzen einer Wirtschafts- und Währungsunion erkennen können. Spätestens seit Ausbruch der Schuldenkrise wissen wir, dass der wirtschaftliche Erfolg ganz entscheidend dafür ist, ob die Menschen bereit sind, diesen Weg der Einigung mitzugehen. Diese Dynamik kennzeichnet den Weg des Kontinents seit Gründung der Montanunion 1951.

Kommentare (57)

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KHD

16.06.2012, 08:51 Uhr

Es stellt sich zunächst einmal die Frage, wer ein vereintes EUROPA mit allen Konsequenzen, die Konföderationen haben, tatsächlich will. Darüber sollte man zunächst einmal demokratisch abstimmen lassen und dann, wenn dies Bevölkerungen einzelner EU Länder tatsächlich wollen, sollte man damit beginnen, ein gemeinsames EUROPA aufzubauen.
Über die Köpfe der Bürger hinweg, so wie es jetzt diktatorisch versucht wird, wird es nicht funktionieren. Genauso wenig wie man zur Zeit überschuldeten Staaten keine Austeritätspolitik von aussen aufzwingen kann, wenn diejenigen, die die man dazu erpresst, nicht davon überzeugt sind und sich statt dessen fleissig damit beschäftigen , dies zu umgehen – wie das Beispiel Griechenland eindrücklich belegt.
So funktioniert keine Währungsunion, wie mittlerweile mehr wie belegt ist. Und so kann auch kein gemeinsames EUROPA zustande kommen.

EuroAPO

16.06.2012, 08:56 Uhr

Es muss endlich Schluss sein mit der unsinnigen Verknüpfung von Euro und Europa. Der Euro ist nicht Europa. Die Empirie ist eindeutig: Europa hat ohne Euro sehr lange hervorragend existiert, hatte einen gesunden Wettbewerb und war ein Magnet für andere Staaten. Mit Euro steuert Europa ins Siechtum. Die Randstaaten wenden sich ab. Deutschland ist überfordert, die Südstaaten ebenso, da sie die Abwertung dringend brauchen, um wettbewerbsfähig zu sein. Statt Zukunftsorientierung und Freundschaft erleben wir, dass die Politiker sich nur noch mit Betteln, Betrügen, Drohen und Schuldenmachen befassen und gleichzeitig die notendigen Strukturreformen nicht umsetzen. 50% Jugendarbeitslosigkeit in Spanien und anderswo sind ein politisches Schwerverbrechen! Die "Rettungsmilliarden" können daran nichts ändern. Sie fliessen in die Taschen von Bankstern und kriminellen, steuerhinterziehenden Millionären, die damit ihre Kapitalflucht und Wohnungen in Berlin und London finanzieren. Die Schutzgelderpressung gegenüber Deutschland hat unerträgliche Ausmasse angenommen. Statt dass korrupte griechische und italienische Politiker die offenen Steuern im eigenen Land eintreiben, was die Krise sofort beenden würde, plündern sie deutsche Steuerzahler aus. Und das, obwohl z.B. die Italiener im Mittel reicher sind als die Deutschen. Herr Barroso lässt sich von "Hilfsgeldempfängern" (=griechische Milliardäre) einladen - für viel weniger musste Wulf gehen. Eine politische Union mit diesen mafiösen Strukturen ist für Deutschland keine Option. Deutschland muss die Target2 Kredite, die zur Plünderung einladen, sofort sperren und aus dem Euro austreten - SOFORT! Nur damit ist Europa noch zu retten! Alles andere führt unweigerlich in den Abgrund! Liebe Frau Merkel, merke: DER EURO ZERSTÖRT EUROPA!

Oeconomicus

16.06.2012, 09:05 Uhr

@EuroAPO

eine zutreffende Siutationsbeschreibung, Danke!

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