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22.06.2012

12:47 Uhr

Euro-Krise

Deutschland steht am Rand einer Rezession

VonJan Mallien

Droht Deutschland eine Rezession? Bislang hatten Ökonomen immerhin mit einem Miniwachstum gerechnet. Doch der Absturz wichtiger Konjunkturbarometer lässt nun Schlimmes befürchten. Die Wirtschaft verfällt in Schockstarre.

Die Euro-Krise schadet der deutschen Wirtschaft massiv. dpa

Die Euro-Krise schadet der deutschen Wirtschaft massiv.

DüsseldorfIn nur einer Woche haben sich die Vorzeichen für die deutsche Wirtschaft dramatisch verschlechtert. Am Freitag bestätigte mit dem Ifo-Index auch der wichtigste Frühindikator für die deutsche Wirtschaft, die katastrophalen Signale der Vortage. Anfang der Woche waren bereits der ZEW-Index und der Einkaufsmanagerindex für die deutsche Wirtschaft deutlich gefallen.

Während der ZEW-Index die Einschätzung von Finanzmarktexperten widerspiegelt, zeigen Ifo- und Einkaufsmanagerindex, dass auch die Unternehmen ihre Geschäftsaussichten deutlich schlechter bewerten. Der deutschen Wirtschaft droht nun eine Rezession. Bislang hatten viele Ökonomen erwartet, dass die deutsche Wirtschaft im Gegensatz zu den meisten anderen Ländern der Eurozone in diesem Jahr moderat wachsen könnte. Nun erscheint es zunehmend unrealistisch, dass sich Deutschland vom Trend in den anderen Euro-Ländern abkoppeln kann.

Mallien Jan

Jan Mallien, geldpolitischer Korrespondent.

Derzeit macht sich die Euro-Krise vor allem in der zunehmend schlechten Stimmung in der Wirtschaft bemerkbar. Während die Unternehmen laut Ifo-Index ihre gegenwärtige Geschäftslage sogar etwas besser bewerten (von 113,2 Zählern auf 113,9 Punkte), schätzten sie ihre Aussichten für die kommenden sechs Monate deutlich schlechter ein (von 100,8 Punkte auf 97,3 Punkte).

Das macht deutlich: Die deutschen Unternehmen fürchten die Auswirkungen der Krise auf ihr Geschäft. Diese Angst lähmt derzeit die Wirtschaft - auch in Deutschland. Die Unsicherheit ist die größte Bremse für das Wachstum. Klar, dass derzeit kein ausländisches Unternehmen in Griechenland investieren möchte, wo völlig unklar ist, ob der Euro dort in einem Jahr noch Zahlungsmittel ist. Doch die Unsicherheit betrifft auch Länder wie Spanien, wo der Privatsektor hoch verschuldet ist. Noch immer gehen 40 Prozent der deutschen Exporte in die Eurozone.

Bald dürfte sich die Unsicherheit deshalb auch in schlechteren realen Wachstumszahlen in Deutschland niederschlagen. Der Auftragseingang aus den anderen Euro-Ländern ist bereits deutlich rückläufig. Noch entwickelt sich der Auftragseingang aus den Ländern außerhalb der Eurozone zwar einigermaßen stabil, doch auch hier sind Rückschläge zu befürchten. Sogar die sonst so robusten Bric-Staaten schwächeln, von Indien über Brasilien bis hin zu China.

Was gibt da noch Hoffnung?

Grade wegen der Krise gibt es nun ein paar automatische Stabilisatoren. So ist zum Beispiel der Ölpreis im Zuge der Krise deutlich gefallen. Eine alte Daumenregel besagt, dass ein um 10 US-Dollar niedrigerer Ölpreis die Wirtschaft um 0,25 Prozentpunkte stützt, wobei der positive Effekt abhängig von der Energieintensität des jeweiligen Landes ist.

Wie Deutschland für den Abschwung gerüstet ist

Staatshaushalt

Im internationalen Vergleich steht Deutschland mit seinem Staatshaushalt gut da. Auf Pump finanzierte Konjunkturprogramme lehnt die Bundesregierung ab. Nach dem aktuellen deutschen EU-Stabilitätsprogramm kommt der Gesamtstaat aus Bund, Ländern, Gemeinden und Sozialkassen schon in zwei Jahren ohne neue Schulden am Finanzmarkt aus. Schon 2011 hatte das Defizit nur noch bei einem Prozent gelegen. Auch strukturell - also unabhängig vom Auf und Ab der Konjunktur - schließt sich die Lücke zwischen den Einnahmen und Ausgaben.
Damit einher geht, dass der in Jahrzehnten angehäufte Schuldenberg allmählich an Bedeutung verliert: Die Schuldenstandsquote soll von 82 Prozent des BIP 2012 auf 73 Prozent in 2016 zurückgehen. Fazit: Der Staat ist weit davon entfernt, wegen eines moderaten Abschwungs in die Knie zu gehen.



Sozialkassen

Die mit dem Aufschwung der vergangenen Jahre einhergegangene Rekordbeschäftigung hat die Lage der Sozialkassen erheblich entspannt. So erwartet die Bundesagentur für Arbeit (BA) dieses Jahr einen Überschuss von 1,3 Milliarden Euro. Allerdings warnen die Arbeitgeber bereits, bei einer Konjunkturabkühlung könnte die BA schnell wieder auf Zuschüsse des Bundes angewiesen sein. Rosiger schätzt das Institut für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel die Aussichten für die BA ein: Es erwartet 2012 einen Überschuss von fast drei Milliarden Euro.
Alle Sozialkassen zusammen - also Kranken-, Pflege-, Renten- und Arbeitslosenversicherung - könnten dem IfW zufolge in diesem Jahr auf einen Überschuss von 15 Milliarden Euro kommen. Damit hätten sie zumindest ein kleines Polster für den Abschwung.

Unternehmen

Noch sind die Auftragsbücher der Unternehmen gut gefüllt. Wie schnell die im Aufschwung angelegten Puffer aber schmelzen können, hat die Finanzkrise 2008/09 gezeigt. Auch ihr ging ein jahrelanger Aufschwung voraus, der in die schwerste Wirtschaftskrise der Nachkriegszeit mündete. Und dennoch: Nie hatten so viele Deutsche einen Job wie jetzt. Viele Unternehmen werden selbst bei einem Konjunktureinbruch versuchen, ihre Mitarbeiter zu halten. Denn Fachkräfte sind in Deutschland rar.
Auch der Bauboom dürfte die Wirtschaft selbst bei einem plötzlichen Konjunktureinbruch noch eine Weile stützen. Im ersten Quartal zog die Bauindustrie 12,5 Prozent mehr Aufträge an Land als ein Jahr zuvor. Bis die abgearbeitet werden können, vergehen Monate und Jahre, und bis dahin kann sich die Wirtschaft schon wieder erholt haben.

Politik

Paradoxerweise ist es von Vorteil, dass der jüngste scharfe Konjunktureinbruch nur drei Jahre zurückliegt: Die Erfahrung der handelnden Politiker ist frisch, und sie können auf Konzepte wie die Kurzarbeit zurückgreifen, die sich damals bewährt haben. Allerdings hat mit dem Aufschwung 2010/11 der Reformwille in der Politik nachgelassen. Dabei gäbe es noch immer genug zu tun, um den Standort fitzumachen für den demografischen Wandel und künftige Flauten. So bemängelt die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), höhere Beiträge zur Kranken- und Arbeitslosenversicherung hätten die Arbeitskosten 2011 erhöht. Unter den OECD-Ländern wird nur in Belgien der Faktor Arbeit noch stärker belastet.

Auch der Wechselkurs des Euro ist deutlich gefallen und könnte sogar noch weiter zurückgehen. Hinzu kommt, dass die Notenbanken in den USA und der Eurozone der Wirtschaft wohl bald mit neuen Impulsen auf die Beine helfen. Die EZB könnte ihren Leitzins am 5. Juli oder sogar noch früher um bis zu 0,5 Prozentpunkte senken.

Das alles kann zwar helfen. Entscheidend jedoch ist, dass den Unternehmen die Angst vor einem Zusammenbruch des Euro genommen wird. Ansonsten geht es auch hierzulande wirtschaftlich bergab. Deutschland balanciert am Rande einer Rezession.

Kommentare (10)

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Ben-Wa

22.06.2012, 13:01 Uhr

Dummes Zeug. Der Euro wird zusammenbrechen oder eine Weichwährung, für die die deutsche Industrie keinerlei Rohstoffe mehr erhält. Der Mittelstand wird zusammenbrechen, weil er keine Devisen hat.
Das Beste und einzig Richtige ist, daß Deutschland SOFORT die Eurozone verläßt. Die deutsche Exportwirtschaft hat sich dann anzustrengen und nicht mehr auf Kosten der deutschen Steuerzahler subventionierten Währung zu leben.

RDA

22.06.2012, 13:31 Uhr

Einen Stopp der Neuverschuldung oder gar eine Enschuldung haben schon Waigel, Lafontaine, Eichel, Steinbrück und jetzt Schäuble der Bevölkerung weismachen wollen. Leider kamen jedesmal "unvorhergesehene" Sachen dazwischen wie die Wiedervereinigung, die Asienkrise, die dotcom-Blase und die Finanzkrise dazwischen. Momentan droht der Blankoscheck namens Eurorettung. Warum sollte es zukünftig anders sein?
Und: Wenn der deutsche Staat sich entschulden würde, könnte unser überzüchteter Privatversicherungssektor ja gar keine "sicheren" Anlagen mehr tätigen und müsste leider abgeschafft werden.
Daher glaube ich kein Wort davon, dass Deutschland seine Schulden jemals selbst tilgt.

Account gelöscht!

22.06.2012, 13:34 Uhr

Wir gehen offenbar wirklich mit Riesenschritten in ein zweites 1929. Aber Fachleute haben das lange vorausgesehen, nur selbsternannte Experten halten noch am Euro fest, der uns nur Unheil gebracht hat.
Dann wird es auch bald bei uns gewaltig krachen, wenn wir weitere Mio Arbeitslose bekommen. Denn in Wahrheit hat Deutschland ja jetzt schon bzw. immer och weit über 5 Mio Arbeitslose, die geparkt werden in Billigstjobs mit Verdiensten die lediglich ein besseres Taschengeld darstellen, mit Zuschüssen vom Staat.

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