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03.03.2012

18:03 Uhr

Euro-Rettung

Weidmanns Mahnung ist richtig

VonTorsten Riecke

Mit drei Geldkanonen bekämpft die EZB die Euro-Krise. Die Euro-Retter aus der Notenbank haben dabei jedes Maß verloren. Deshalb liegt Bundesbank-Präsident Weidmann mit seiner Kritik an der Strategie genau richtig.

Bundesbank-Präsident, Jens Weidmann. dpa

Bundesbank-Präsident, Jens Weidmann.

DüsseldorfIn der Kriegsführung gibt es die Strategie der Übermacht („overwhelming force“), mit der man den Gegner in die Knie zwingt. Dieser militärische Gedanke steckt auch hinter dem Wunsch, den Krisenherd in der Euro-Zone mit einer Übermacht von Geld ein für alle Mal zu löschen. Deshalb sprechen die Euro-Retter auch ständig von der „big bazooka“ oder – den Deutschen besser vertraut – der „Dicken Bertha“.

Jetzt haben die Rettungskräfte aus Europäischer Zentralbank (EZB) und Politik jedoch jedes Maß verloren. Gibt es doch inzwischen drei „bazookas“: Da ist zunächst die dreijährige Liquiditätshilfe für die Banken, die von der EZB gerade auf über eine Billion Euro gesteigert wurde. Dazu kommen die europäischen Rettungsschirme EFSF und ESM, die nach anfänglichem Widerstand jetzt wohl auch mit Zustimmung der Bundesregierung und Hilfe des Internationalen Währungsfonds (IWF) auf bis zu 1,5 Billionen Euro aufgestockt werden könnten. Und schließlich gibt es noch die bislang gut versteckte „bazooka“, die gerade Bundesbank-Präsident Jens Weidmann den Schweiß auf die Stirn treibt. Dabei handelt es sich um rund 800 Milliarden Euro, die von der EZB über das Zahlungssystem der Notenbanken (Target2) in den Geldkreislauf der Euro-Zone gepumpt werden.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.

Der Autor

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.

Zählt man alles zusammen, kommt man auf deutlich mehr als 3000000000000 Euro. Die amerikanische Notenbank, die von den Europäern für ihre unkonventionelle Lockerung („quantitative easing“) regelmäßig attackiert wird, kommt „nur“ auf gut zwei Billionen Dollar. Selbst wenn man die rund 700 Milliarden Dollar noch dazuzählt, die von den Amerikanern 2008 für die Rettung ihrer Banken ausgegeben wurden, ist die US-Lösung immer noch billiger.

Man kann, wie insbesondere viele angelsächsische Ökonomen und Politiker, gute Gründe dafür anführen, dass Europa eine „big bazooka“ braucht, um die Finanzmärkte von der Übermacht der Politik zu überzeugen. Doch drei Geldkanonen?

Die Dinge so zusammenzuzählen wird natürlich sofort Widerspruch hervorrufen. Zunächst von EZB-Präsident Draghi, der verbal penibel zwischen Hilfen für Banken (geboten) und Hilfen für Staaten (verboten) unterscheidet. Äußerungen von Bankern und schlichte Mathematik zeigen jedoch, dass die Grenzen fließend sind. Hat doch eine Reihe von Finanzhäusern die billigen Zentralbankkredite genutzt, um damit hochverzinsliche Staatsanleihen zu kaufen.

Auch die Euro-Finanzminister werden protestieren, da die Rettungsschirme angeblich begrenzt und ihre Auszahlungen an strikte Bedingungen geknüpft sind. Die Grenzen sind jedoch auch hier dehnbar, wie die ständige Erhöhung der Finanzmittel zeigt.

Auch bei der dritten „bazooka“, den Forderungen, welche die EZB über das Target-System gegenüber finanzschwachen Notenbanken hat, gibt es eine erstaunliche Kluft. Erst spielte die Bundesbank die Risiken im Zahlungssystem herunter, jetzt fordert ihr Präsident bessere Sicherheiten, damit vor allem die Deutschen am Ende nicht auf Ansprüchen von rund 500 Milliarden Euro sitzen bleiben.

Sosehr sich die Beteiligten auch bemühen, die drei Geldkanonen voneinander abzugrenzen, was zählt, ist ihre gemeinsame Feuerkraft, also das Geld, das damit in Bewegung gesetzt werden könnte. Wenn jeder aber nur auf seinen Teil der „Kampfzone“ gegen die Schuldenkrise schaut, kann er diesen Zusammenhang nicht erkennen.

Sollten die Euro-Staaten sich also jetzt dazu aufraffen, die Rettungsschirme zu vergrößern, müssen die Notenbanken möglichst schnell ihre Geldvermehrung stoppen. Weidmanns Mahnung kommt zwar spät, aber sie ist richtig. Und Draghi sollte ebenfalls seine Unterstützung für die Banken einstellen.

Es ist grotesk, aber wahr, dass uns gerade die gescholtenen Amerikaner vorgemacht haben, dass ein schneller, abgestimmter Einsatz von Notenbank und Politik effektiver und billiger ist als das, was Europas Kanoniere bislang geleistet haben.

Der Autor leitet das Ressort Meinung und Analyse. Sie erreichen ihn unter:

riecke@handelsblatt.com


Kommentare (20)

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hbleser

03.03.2012, 10:55 Uhr

Weidmanns Mahnungen sind richtig, er ist sicher der Sieger der Herzen. Ich hoffe inständig, dass Weidmann bei seiner Mahnerrolle bleibt. Von diesem Sieg kann man sich aber leider nichts kaufen.
Erst wenn Merkel die ach so guten anderen Europäer aufruft, die Stimmrechte in der EZB der Haftung anzugleichen, wird Gerechtigkeit in die EZB einziehen.
Bis dahin erdrückt die Masse der Nehmer das kleine Stimmhäuflein der Geber und hält sie als Geiseln.
Was sind das bloß für solidarische Europäer!

Account gelöscht!

03.03.2012, 17:20 Uhr

Es war für mich immer schon unbegreiflich, wie simpel sich unsere Führungspolitiker vom übrigen Europa haben über den Tisch ziehen lassen. Wer würde normalerweise einen Vertrag unterzeichnen, bei dem er 30% des Risikos trägt, aber nur 8% der Stimmrechte besitzt? Für Herrn Kohl war die Mathematik offensichtlich zu schwierig und seine Ziehkinder machen mit ihrer Schimpansenintelligenz heute den Deckel auf das Ganze.

Mazi

03.03.2012, 17:52 Uhr

Es ist doch ganz klar. Es ist doch nicht das eigene Geld.

Wer es als rechtens ansieht, dass ein ehemaliger Bundespräsident in 20 Monaten einen Pensionsanspruch von 199.000 Euro/Jahr erhält und der immer noch soviel Einfluß hat, dass ein Freund ihm diesen Verwaltungserlass auch noch zukommen lassen kann bevor ein anderer es ablehnt, der kann nur Politiker sein.

Wer so denkt, kann doch ein Volk dessen Durchschnittsrenter 18.000 Euro im Jahr für 40 Arbeitsjahre erhält, nicht vernünftig vertreten.

Zuweilen bemühe ich diesen klassischen Vergleich, um eigenes Verständnis mir abzuringen und mich nicht zusehr aufzuregen:

Auf dem Bauernhof, im Schweinestall, sind die größten Schweine immer am Trog. Manche stehen sogar mit den Vorderfüssen drin.

Die Natur gibt's vor. Keiner kann die Schweine ändern!

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