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03.01.2006

12:23 Uhr

Extremismus in Großbritannien

Der Weg in die Stammesgesellschaft

VonKenan Malik (Wissenschaftler und Publizist in London)

Nach den Bombenanschlägen ist viel über Großbritanniens Stärke als multikulturelle Nation gesagt worden. Lange galt der Multikulturalismus in Großbritannien als vorbildlich. Doch seine Ideologie fördert den radikalen Islam.

Die Regent's Park-Moschee in London. Foto: dpa

Die Regent's Park-Moschee in London. Foto: dpa

HB LONDON. Wie konnten gewöhnliche Männer, in Großbritannien geboren und aufgewachsen, zu blutrünstigen Mördern werden? Diese Frage stellt sich mein Land seit den Bombenanschlägen in London, bei denen am 7. Juli vergangenen Jahres 52 Menschen getötet wurden. Mohammed Sidique Khan, Shehzad Tanweer und Hasib Hussain kamen aus Yorkshire. Der Vierte, der in Jamaika geborene Germaine Lindsay, lebte in Luton in der Nähe von London. Keiner von ihnen galt als Extremist. Alle waren scheinbar gut integriert.

Islamistische Terroristen werden landläufig als verrückte Mullahs karikiert, als bärtige Fanatiker und ausländische Eiferer. Dabei passen wenige der wirklichen Terroristen in diese Schablone. Viele von ihnen sind im Westen geboren, dort erzogen und scheinbar völlig durchschnittliche Bürger. Die bislang detaillierteste Studie von El-Kaida-Unterstützern, die Marc Sageman von der University of Pennsylvania erstellt hat, zeigt die meisten von ihnen als Angehörige der Mittelschichten mit guten Jobs. Die Mehrzahl hat ein College besucht, weniger als einer von zehn war auf einer Islamschule.

Kurz nach den Anschlägen in London setzte die Regierung eine Taskforce für Extremismus ein, die mehrheitlich aus muslimischen Führern bestand, um die Frage zu beantworten, wie solche Männer von einem fanatischen Eifer für ein irrationales, mörderisches Dogma erfasst werden können und wie sich eine Wiederholung vermeiden lässt.

Mitte November veröffentlichte die Gruppe ihre ersten Schlussfolgerungen: Die Attentate seien das Werk junger Männer, die eine im Land grassierende Islamophobie aus der Bahn geworfen habe. Der beste Weg, um den Extremismus zu bekämpfen, sei es, die Beschwerden der Muslime anzuerkennen und eine Gesellschaft zu schaffen, in der moderate Muslime größeres politisches Gewicht hätten. Der Islam sei stärker in den Schul-Curricula zu berücksichtigen, Islamgelehrte sollen auf eine Tour durch die muslimischen Gemeinden gehen, und der Staat soll Imame ausbilden. Die Taskforce hofft, dass auf diese Weise Extremisten isoliert werden und eine bessere Beziehung zwischen den Muslimen und der Regierung zu Stande kommen kann.

Tatsächlich würde alles nur noch schlimmer werden. Das wirkliche Problem ist nicht die Islamophobie, sondern die Kultur von Anklagen und Beschwerden, die Großbritanniens Politik geschaffen hat. Sicher leiden Muslime unter Diskriminierung und Belästigungen. Aber deren Ausmaß übertreiben Regierung und muslimische Führer maßlos. So hat sich beispielsweise die Wahrnehmung breit gemacht, Muslime würden von der Polizei überproportional häufig angehalten und durchsucht. 2004 interviewte ich Iqbal Sacranie, den Generalsekretär des Muslimrates von Großbritannien. Er behauptete, dass "95 bis 98 Prozent" derjenigen, die nach den Antiterrorgesetzen festgenommen wurden, Muslime seien. Tatsächlich aber besteht die große Mehrheit von ihnen aus Weißen. Nur 15 Prozent sind Asiaten. (Großbritannien erhebt Daten eher nach ethnischen Merkmalen als nach der Religionszugehörigkeit).

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