Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

22.01.2015

17:17 Uhr

EZB-Anleihekauf

Draghis Droge

VonOliver Stock

Die Europäische Zentralbank (EZB) und ihr Präsident Mario Draghi fluten jene Länder, über deren Währung sie herrschen, mit einer gigantischen Geldsumme. Sie verhindern damit Reformen – und das macht uns Europäer arm.

Handelsblatt-Online-Chefredakteur Oliver Stock.

Handelsblatt-Online-Chefredakteur Oliver Stock.

Ich glaube nicht an diese Medizin. Der Euroraum leidet darunter, dass einzelne Länder mehr ausgeben als sie verdienen. Das Medikament, das Mario Draghi dagegen heute verabreicht hat, heißt: Wir erleichtern euch das Schuldenmachen. Das ist so, als würde ein Alkoholiker zum Freibier eingeladen. Es ist so, als würde ein Junkie mit kostenlosem Stoff versorgt, damit er für die nächste Spritze nicht mehr klauen gehen muss. Es ist auf jeden Fall die falsche Medizin.

Natürlich gibt es heute welche, die Draghi, diesem Teufelskerl, gratulieren. Und natürlich haben sie Argumente auf ihrer Seite, die in Draghis Ohren prima klingen mögen: Der Mann hält die Zinsen niedrig und erleichtert damit die Kreditvergabe. Keine Bank soll einen Unternehmer ausbremsen, indem sie, anstatt ihm einen Kredit zu gewähren, das Geld lieber unproduktiv zu einem ordentlichen Zinssatz anlegt. Der Mann bringt den Eurokurs nach unten und sorgt damit für einen Konjunktur-Turbo, der durch staatliche Investitionsprogramme nur ungleich teurer zu erkaufen wäre.

Jeder Exporteur im Euroraum wird ihm dafür auf Knien danken. Und nicht vergessen: Draghi ölt vor allem die Scharniere der Wirtschaft - nämlich die Banken. Sie haben sich mit Staatsanleihen vollgesogen und die EZB sorgt nun durch ihr Ankaufprogramm dafür, dass der Wert dieser Anleihen noch steigt. Das hilft jeder Bankbilanz und glättet die Sorgenfalten einer ganzen Branche.

Was man mit 1,14 Billionen kaufen könnte

Viele Häuser

Metropole gefällig? Für die Gesamtsumme, die die EZB in ihr Anleihekaufprogramm steckt, gäbe es 3,8 Millionen Häuser im Wert von 300 000 Euro.

Ziemliche viele Messis

Es wäre die wohl torgefährlichste Fußballmannschaft der Welt: Mit 1,14 Billionen Euro könnte man 4560 mal den Fußballstar Lionel Messi vom FC Barcelona kaufen (Festgeschriebene Ablösesumme laut Medienberichten: 250 Millionen Euro).

Ganz, ganz viele Porsche

Würde das ganze Geld in Sportwagen investiert, der Porsche wäre der tatsächliche Volkswagen: 12,7 Millionen mal gäbe es 911 Carrera (Listenpreis rund 90.000 Euro).

Nicht so viele Hauptstadtflughäfen

Der Traum vom fliegen: 211 mal die Baukosten für den neuen Berliner Hauptstadtflughafen (Kostenrahmen bisher: 5,4 Milliarden Euro) wären drin.

Es gibt auch die Nachdenklichen, die heute von Draghis großem Experiment sprechen. Die auf vergleichbare Programme der US-Notenbank verweisen und feststellen: In den USA sind sie derzeit von Erfolg gekrönt. Die Nachdenklichen warnen zwar vor der Geldpolitik mit der Brechstange, sie räumen aber ein, dass der Einsatz einer Brechstange mitunter zum Ziel führt.

Ich lehne das alles ab. Ich behaupte: Draghi ist kein Teufelskerl, er ist des Teufels. Die EZB-Politik des unbegrenzten Geldausgebens belastet Sparer und bestraft damit einseitig ein Verhalten, das die Wirtschaft braucht, um zu funktionieren: Wir können nicht nur ausgeben, sondern wir müssen auch Vorräte anlegen. Wo Geld durch keine Werte hinterlegt wird, ist Geld irgendwann nichts mehr wert.

Der Mann ist des Teufels, weil er unsere Altersvorsorge zum Witz macht. Jeder Staat im Euroraum hält seine Bürger an, selbst für ihr Alter vorzusorgen. Die EZB unterwandert diese Aufforderung, weil sie allen Sparprodukten, die auf sicheren Zinsen beruhen, das Wasser abgräbt. Wenn Mario Draghi einst seine Rente in der Toskana verfrühstückt, sitzt er dort als einsamer Mann, weil sich die übrigen Europäer diesen Traum im Alter nicht mehr leisten können. Die EZB schafft mit ihrer Politik ein Meer von armen Ruheständlern.

Schließlich: Die EZB-Entscheidung verhindert Reformen dort, wo sie dringend sein müssen. Staaten können weiter über ihre Verhältnisse leben und die Banken helfen ihnen dabei. Anstatt dass der eine den anderen beaufsichtigt, stecken beide unter einer Decke. Die Schuldenmacher in den Regierungssesseln haben ihre willfährigen Helfer in den Teppichetagen der Banken. Und wenn die in ihren Zahlen mal wieder nur noch rotsehen, können sie sich auf jene verlassen, die sie zuvor doch stets gestützt haben. Zugedeckt wird dieses Treiben mit dem eine Billion Euro schweren Mantel, mit dem die EZB nun den Euroraum gnädig umhüllt.

Nein, ich glaube nicht an Draghis Droge. Vielleicht hebt sie für den Moment die Stimmung, aber mir graut vor dem Kater.

Kommentare (63)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Herr Wolfgang Bürger

22.01.2015, 17:25 Uhr

Präsident Mafiraghi flutet; wer wird ertrinken?

Herr Peter Krauss

22.01.2015, 17:26 Uhr

Was haben sie erwartet, als der Bock zum Bankster gemacht wurde ?

Frau Nelly Sachse

22.01.2015, 17:33 Uhr

Solche kritischen Töne von Herrn Stock? Verwechsele ich ihn mit einem anderen Journalisten oder hat ihn ein Geistesblitz getroffen? Der ungetrübte Blick auf die Euro- Realitäten scheint sich Bahn zu brechen inzwischen auch bei den Euromantikern.
Andererseits: Wer das Treiben Drahis immer noch gut finden würde, würde sich angesichts der gewaltigen Risiken als hoffnungsloser Illusionist präsentieren.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×