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09.04.2012

09:42 Uhr

Fachkräftemangel

Meilenstein in der Integration

VonAnnette Schavan

Deutschland braucht mehr Fachkräfte. Daher öffnet es die Türen für qualifizierte Zuwanderer, um gegen den Fachkräftemangel zu steuern. Ab 1. April werden auch ausländische Bildungsabschlüsse anerkannt.

Bundesministerin für Bildung und Forschung Annette Schavan (CDU) dapd

Bundesministerin für Bildung und Forschung Annette Schavan (CDU)

Deutschland fehlen Fachkräfte. Die Bundesregierung hat das Problem erkannt und steuert gegen: Jugendliche werden frühzeitig unterstützt, damit sie einen Schulabschluss machen und Chancen auf eine Ausbildung haben. Eine Vielzahl neuer Studienplätze soll möglichst vielen jungen Leuten den Weg an die Hochschule ermöglichen. Der Ausbildungspakt stellt sicher, dass genügend Lehrstellen vorhanden sind. Stipendien und flexible Hochschulen, die sich für Menschen mit Berufserfahrung öffnen, ermöglichen lebenslanges Lernen. So können sich diejenigen, die aufgrund fehlender Qualifikationen keine Arbeitsstelle finden, weiterqualifizieren und Arbeitsplätze, die frei bleiben, weil sich keine geeigneten Bewerber finden, besetzt werden.

Doch das reicht nicht: Wir brauchen auch Fachkräfte aus anderen Ländern. Deshalb sollen es qualifizierte Zuwanderer künftig leichter haben, in Deutschland eine Stelle anzutreten. Die Einkommensgrenzen für Einwanderer werden deutlich gesenkt. Wer in Deutschland studiert hat, ist herzlich eingeladen, auch nach dem Abschluss hierzubleiben – und wird daher künftig 18 statt 12 Monate Zeit haben, um eine Stelle zu finden.

Zum 1. April tritt außerdem ein Gesetz in Kraft, das sofort Wirkung zeigt und das in der Diskussion um den Fachkräftemangel so naheliegend ist: das Gesetz zur Anerkennung ausländischer Abschlüsse. Seit Jahren leben Menschen bei uns, die im Ausland hochwertige Qualifikationen erworben haben. Ärzte aus Ländern außerhalb der EU beispielsweise, die sich allein aufgrund der Tatsache, dass sie keine EU-Staatsangehörigkeit besitzen, nicht bei uns niederlassen dürfen. Industriemechaniker, die bisher nur dann ein Recht auf ein Anerkennungsverfahren hatten, wenn sie aus einem EU-Land kommen oder Spätaussiedler sind. Mechaniker aus anderen Ländern, etwa der Türkei, wurden dagegen benachteiligt: Sie mussten sich mit den heimischen Zeugnissen bei deutschen Arbeitgebern bewerben, stießen aber oft auf Skepsis, weil zu wenig Information über Qualität und Inhalt der ausländischen Ausbildungen vorhanden war.

Mit dem neuen Gesetz ändert sich das: Ab dem 1. April hat jeder, egal, woher er kommt, einen Rechtsanspruch auf ein Anerkennungsverfahren. Innerhalb von höchstens drei Monaten prüfen die zuständigen Stellen hier in Deutschland, ob die im Ausland erworbene Qualifikation gleichwertig mit einer entsprechenden deutschen Ausbildung ist. Wenn dies nicht der Fall ist, erfahren die Bewerber, welche Qualifikationen ihnen fehlen, um die Gleichwertigkeitsprüfung zu bestehen. Arbeitgeber können künftig auf einen Blick feststellen, welche Qualifikation ihr Bewerber oder ihre Bewerberin aus einem Nicht-EU-Land mitbringt. Bewerbern wird es künftig leichter fallen, in Deutschland eine Stelle zu finden, die ihrem Qualifikationsniveau entspricht.

Das Anerkennungsgesetz spricht oft hochmotivierte, gut ausgebildete Menschen an, die nicht selten schon seit vielen Jahren in Deutschland leben, die Sprache sprechen und integriert sind. Das ist nicht nur eine gute Nachricht für die Unternehmen. Es ist vor allem ein Gebot der Gerechtigkeit. Zu viele Menschen wurden unter Wert behandelt, haben ihren Lebensunterhalt mit einem Job verdient, der weit unter ihrer Qualifikation liegt. Sie erfahren nun auch in Deutschland die berufliche und gesellschaftliche Anerkennung, die ihnen zusteht. Mit Anerkennung ist dabei nicht die rein formelle Anerkennung eines Abschlusses gemeint. Es geht auch um die Wertschätzung der vielen Migrantinnen und Migranten, um Respekt vor allen Menschen, die hier leben. Sie bekommen die Chance, sich mit ihren Fähigkeiten in die Gesellschaft einzubringen. Und so ist der 1. April auch ein Meilenstein für die Integration in unserem Land. Wer sich nach seinen Möglichkeiten entfalten kann, trägt zu Wohlstand und Fortschritt unserer Gesellschaft bei.


Kommentare (12)

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Account gelöscht!

09.04.2012, 09:56 Uhr

"Ärzte aus Ländern außerhalb der EU beispielsweise, die sich allein aufgrund der Tatsache, dass sie keine EU-Staatsangehörigkeit besitzen, nicht bei uns niederlassen dürfen."

Haben die einen Knall!
Ich habe Jahre im Ausland gelebt und weiß, wie man dort an einen Dr. med. kommt. Wenn ich zukünftig in einer Notaufnahme auf einen solchen Quacksalber treffe, will ich selbst als Fachkraft nicht mehr lange hier leben. Dann geh ich dorthin, wo ich zu vernüftigen Preisen privat versichert selbst entscheiden kann, wer mich behandelt.

Thomas-Melber-Stuttgart

09.04.2012, 09:56 Uhr

Deutschland schafft sich ab - bzw. wird abgeschafft.

Thomas-Melber-Stuttgart

09.04.2012, 09:58 Uhr

Zumal diese Länder ja wohl auch selbst großen Bedarf an Fachkräften - insb. Ärzten und Technikern - haben.

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