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01.02.2007

05:12 Uhr

Schon jetzt hat der Wahlkampf die Schmerzgrenze vieler Bürger überschritten. Was die Politiker dem Volk anzubieten hätten, „das nennen wir Philosophen Nihilismus“, schimpfte Bernard-Henri Lévy, der in der schillernden Pariser Intellektuellenszene zum Inventar gehört. Der politische Schlagabtausch gleiche abwechselnd einem „Wettbewerb um den Oscar der Plattitüde“ oder einem „Festival der Peinlichkeiten“.

Nun gilt BHL, wie die Franzosen ihn abgekürzt nennen, in der philosophischen Fachwelt nicht unbedingt als größte Leuchte. Doch mit seiner Kritik an der Qualität der Wahlkampagne spricht er vielen seiner Landsleute aus der Seele. Der noch amtierende Staatspräsident Jacques Chirac soll sich im Kreis von Vertrauten über einen missratenen Wahlkampfstart beschwert haben, wie das stets gut informierte Satireblatt „Canard Enchainé“ kolportierte.

Enttäuscht sind die Franzosen vor allem von der Performance der Spitzenkandidaten der beiden Volksparteien. Die Sozialistin Ségolène Royal entpuppte sich als Königin der Pannen. In Kanada bestärkte sie die Einwohner der frankophonen Provinz Quebec in ihrem Streben nach Unabhängigkeit, was der kanadische Premierminister prompt als unzulässige Einmischung in innere Angelegenheiten zurückwies. In China lobte Royal die Schnelligkeit der dortigen Justiz und irritierte damit die Menschenrechtler zu Hause.

Und dann vermittelte die Offizierstochter auch noch den Eindruck, dass sie die Zahl der französischen Atom-U-Boote nicht kenne. Das kommt schlecht an in einem Land, dessen Einwohner stolz sind auf ihre Force de Frappe und dessen Präsident als militärischer Oberbefehlshaber eine Atomrakete starten kann.

Die Schnitzer und Patzer fallen besonders auf, weil Royal inhaltlich wenig zu bieten hat. Ihr Wahlprogramm lässt auf sich warten, weil sie es gemeinsam mit der sozialistischen Basis entwickelt in einem Diskussionsprozess, der nunmehr seit Monaten andauert. „Ich will dem Volk zuhören“, beteuert Royal, doch davon hat das Volk mittlerweile genug. „Was will sie eigentlich? Wie sieht ihr Projekt aus? Welche Vision hat sie von der Welt?“ fragt BHL stellvertretend für viele Franzosen.

Royals Schwäche hilft ihrem Gegner Nicolas Sarkozy. Der Spitzenkandidat der konservativen Regierungspartei UMP liegt in den Meinungsumfragen neuerdings knapp vor seiner Kontrahentin. Aus eigener Stärke heraus hätte Sarkozy das wahrscheinlich nicht geschafft. Sein Wahlkampf ist auch kein Glanzstück politischer Kultur. Die programmatischen Inhalte fehlen Sarkozy zwar nicht, doch dafür bedient er sich offenkundig verfehlter Methoden.

Immer wieder wird in Paris der Vorwurf laut, der Innenminister missbrauche sein Amt zu Wahlkampfzwecken. Der Verdacht: Sarkozy soll geheimdienstliche Ermittlungen gegen Royal, ihre Familie und einen ihrer Mitarbeiter angeordnet haben. Der Kandidat selbst weist dies weit von sich, wirkt damit freilich wenig glaubwürdig. Tatsache ist, dass Informationen über Royals Vermögensverhältnisse und über das Privatleben mindestens eines ihrer Mitarbeiter auf unerklärliche Weise den Weg in die Medien fanden.

Die eine macht als Dilettantin von sich reden, der andere als Intrigant, und die Berichte darüber prägen den Wahlkampf. Wer redet da noch über die Zukunft Frankreichs? Über den Kampf gegen die Arbeitslosigkeit, die Rolle Frankreichs in Europa, den Umgang mit der Globalisierung? Diese Themen tauchen in der Berichterstattung über die beiden aussichtsreichsten Präsidentschaftskandidaten nur am Rande auf.

Deshalb wendet sich jetzt mancher Franzose enttäuscht von den Favoriten ab und den Außenseitern zu. Davon profitiert vor allem der Kandidat der Zentrumspartei UDF, François Bayrou. Zurzeit würden 14 Prozent der Franzosen im ersten Wahlgang für Bayrou stimmen, was Demoskopen als bislang größte Überraschung dieses Wahlkampfs werten.

Der Vormarsch von Bayrou könnte darauf hindeuten, dass die Wählerschaft sich zersplittert und im ersten Wahlgang am 22. April auf viele Kandidaten verteilt. Leidtragende wären nicht nur die großen Parteien, sondern die französische Demokratie insgesamt. Wenn die Kandidaten der Volksparteien schwächeln, dann steigen erfahrungsgemäß die Chancen des Rechtsextremen Jean-Marie Le Pen. Womöglich wiederholt er seinen Erfolg von 2002 und schafft zum zweiten Mal den Sprung in die Stichwahl am 6. Mai. Entsprechende Befürchtungen hegt auch Jacques Chirac, den der „Canard Enchainé“ mit folgender Warnung zitiert: „Wer den Wahlkampf auf diesem Niveau beginnt, der riskiert den eigenen Absturz und den Aufstieg von Le Pen.“

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