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05.01.2005

07:00 Uhr

Ökonomen kennen das Phänomen des Überschießens vor allem von den Finanzmärkten. Dass nicht nur Aktien und Devisen irrationale Eigendynamik entwickeln können, erlebt derzeit der Sachverständigenrat (SVR). Der öffentliche Streit zwischen einzelnen Wirtschaftsweisen hat dazu geführt, dass Kritiker die ganze Institution in Frage stellen.

Da wird der Rat als ein vom Konsenszwang gelähmtes „Gremium von Selbstdarstellern“ gescholten, das wenig prägnante Gutachten produziere. Und es wird eine Radikalreform nach US-Muster empfohlen. Dort sind die Wirtschaftsberater der Regierung vom Vertrauen des Präsidenten abhängig und können jederzeit entlassen werden.

Solch eine Reform des Rates wäre die falsche Reaktion auf eine falsche Analyse. Tatsächlich leistet der Rat seit 1963 hervorragende Arbeit – vor allem dank der politischen Unabhängigkeit.

Selten war er so erfolgreich wie mit dem Jahresgutachten 2002, das als Blaupause für die Agenda 2010 diente. Oft lag der Rat heftig mit der Regierung im Clinch. So war es in den 60er-Jahren, als er sich für eine Aufwertung der D-Mark und für flexible Wechselkurse aussprach. So war es 1976, als er die angebotsorientierte Wirtschaftspolitik entwickelte. So war es 1981, als er den Finanzminister so scharf kritisierte, dass dieser den Rat am liebsten abgeschafft hätte.

All das heißt nicht, dass bei den Weisen alles so bleiben muss, wie es ist: Dass Arbeitgeber und Gewerkschaften je ein Mitglied benennen können, ist ein Anachronismus – ebenso, dass es dem Rat offiziell verboten ist, direkte Empfehlungen abzugeben.

Derzeit ist das Hauptproblem aber, dass die Chemie zwischen einigen Mitgliedern nicht ganz stimmt. Das hat es immer wieder gegeben. 1968 und 1981 hing der Haussegen derart schief, dass Mitglieder ihr Amt vorzeitig niederlegten – und 1988 drohten mehrere Weise mit Rücktritt, falls die Amtszeit eines Kollegen verlängert würde. All das hat der Rat so gut überstanden, dass sich kaum noch jemand daran erinnert. Der jetzige Disput dürfte eine ähnliche Entwicklung nehmen – wenn die Beteiligten nicht weiter Öl ins Feuer gießen.

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