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05.05.2012

15:36 Uhr

Gastkommentar

Der Euro war und ist eine Schnapsidee

VonArnulf Baring

Den immer weitergehenden Forderungen, die Führungsrolle der Währungsunion zu übernehmen, wird Deutschland nicht mehr gerecht. Daher fordert der Publizist und Historiker Deutschlands Austritt aus der Währungsunion.

Prof. Arnulf Baring. dpa

Prof. Arnulf Baring.

Wer heute durch Europa reist, mit Menschen der verschiedenen Länder der Euro-Zone redet, muss feststellen, dass überwiegend die Einstellung vorherrscht: „Die Deutschen beklagen, in einer Mehrzahl der Staaten werde die erforderliche finanzielle Stabilisierung nicht ernst genommen. Wir hören uns die deutschen Vorwürfe mit gesenktem Haupt an, tuen schuldbewusst, aber nehmen die eigenen Beteuerungen, uns zu ändern, nicht ernst. Denn wir kennen die Deutschen besser als sie sich selbst. Sie meckern zwar, aber am Ende zahlen sie doch - und das können sie auch.“

Leider ist diese Annahme ein Irrtum. Deutschland wäre völlig überfordert mit der Aufgabe, die gesamte Währungsunion zu retten. Nicht nur finanziell, auch politisch sind wir dafür nicht stark genug.

Wir waren immer - und sind es heute erst recht - viel zu schwach, um Europas Hegemon zu sein, eine konstruktive Rolle als Führungsmacht des Kontinents zu spielen. Wir haben am Anfang des vergangenen Jahrhunderts zweimal mit militärischen Mitteln versucht, uns dem Kontinent aufzuprägen, und sind damit gescheitert. Diesmal überschätzt man bei unseren Partnern und Nachbarn unsere finanziellen Möglichkeiten.

Wer hat gesagt, die Währungsunion sei Versailles ohne Krieg? Es ist nicht zu Ende gedacht, nicht wirklich ernst gemeint, wenn wir vom Ausland gedrängt werden, beispielsweise vom sympathischen polnischen Außenminister, jetzt eine Führungsrolle zu übernehmen - diesmal mit Krediten und Garantien. Aber auch diesmal würden wir scheitern. Wir sind viel schwächer als vor hundert Jahren, nur noch eine mittlere Macht. An einer europäischen finanziellen Vergesellschaftung Deutschlands würden wir uns völlig verheben. Diese Überforderung würde zum wirtschaftlichen und sozialen Niedergang führen und damit die Demokratie unterminieren, den Zusammenhalt unserer Gesellschaft zerreißen.

Deutschland muss daher, um immer weitergehende Forderungen abzuwehren, bald aus der Währungsunion austreten. Wir müssten wahrheitsgemäß sagen, so hätten wir uns die Sache nicht vorgestellt. Wir hätten die im Maastricht-Vertrag eingebauten Sicherungen ernst genommen: den Stabilitätspakt, die Unabhängigkeit der EZB, die No-bail-out-Klausel. Damit hätten wir uns offenkundig getäuscht.

Natürlich sollte man zunächst mit einer solchen bisher völlig unerwarteten, für deutsche Politiker fast undenkbaren Initiative nur drohen. Schon das würde die Diskussion sofort verändern. Die deutsche Politik ist allerdings für einen solchen Schritt heute noch viel zu ängstlich. Wir denken ja nicht nur politisch, sondern auch publizistisch und wissenschaftlich über unsere künftige Rolle öffentlich nicht einmal nach. Aber irgendwann werden wir nicht mehr darum herumkommen, uns einen neuen Reim auf uns selbst zu machen.

Kommentare (253)

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Rainer_J

05.05.2012, 15:49 Uhr

Die Euromantiker wirken auch ideologisch stark betrunken wenn sie über die Weichwährung Euro reden.

reichs-euro

05.05.2012, 16:15 Uhr

Macht halt einen REICHS-EURO. Vielleicht sind dann alle zufrieden? Infantilere historische Abschnitte als jene der letzten Dekaden (seit 1954 als diese währungspolitische Fanatismus zunächst abstrakte, theoretische Formen annahm) gibt es in der längeren Geschichte kaum. Verrückter ja entrückter denn je da Notenbanken per Knopfdruck Geld, Geld, Papier bedrucken können, das defacto wertlos ist. Längst wären wir ohne diese Druckmaschine wieder auf 1930 zurück gefallen. Weil der Mensch zu blöd ist, zu lernen oder: GierFrissHirn! Aber, da sollte noch etwas zum Fressen sein. Oder hungert nun, dieses Mal, endlich die Gier - aus?

Pequod

05.05.2012, 16:17 Uhr

Falsche Voraussetzungen
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Eine Führungsrolle könnte die BRD gerne übernehmen,
wenn die Anderen zahlen würden. Jedoch geht die EU
in Brüssel von den falschen Voraussetzungen aus, daß
die BRD zahlen soll und die Anderen könnten bestimmen,
wie wir bald mit dem Ermächtigungsgesetz des ESM
erfahren werden. Das wird allein schon aus dem Mangel
an Masse der BRD, als höchst verschuldetes Land der
EU scheitern, was der Brüsseler Wasserkopf bis jetzt
aber nicht wahrhaben will, der immer noch glaubt, die
EU, welche bereits zum Sanierungsfall geworden ist,
könnte weiterhin auf Basis des nicht floatbaren Euro-
systems finanziert werden, was eine Illusion war
und es auch weiterhin bleiben wird, wenn nicht
schnell gehandelt wird, was auf Grund der bisher
gemachten Erfahrungen ziemlich unwahrscheinlich ist.
Hat man in Brüssel immer noch nicht gemerkt, daß die
Eurotanik bereits mit dem Eisberg kollidiert ist und
bereits im Sinken begriffen ist und versucht mit ein-
fältigen Europarolen, die aber überhaupt nichts mit
der eigentlich finanziellen und wirtschaftlichen
Situation eines Europas zu tun hat die Steuerzahler
weiterhin für dumm zu verkaufen?

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