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09.01.2008

16:30 Uhr

Gastkommentar

Durchschnittsdeutschtürke und nie kriminell

Kirminalitäts-Debatte hin oder her: Deutschland verschleudert wirtschaftliches Potenzial, wenn es sich nicht um junge Migranten kümmert. Ein Individuum erbringt nur dann Leistungen, wenn es sich akzeptiert fühlt– von der Gesellschaft, vom Staat oder vom Unternehmen. Ein Gastkommentar von Andreas Cem Vogt.

Ich bin Türke. In Berlin geboren und aufgewachsen. So wie Ismet und Berna. Ich bin auch Deutscher. So wie Daniel und Tanja. Ich habe Betriebswirtschaft in Berlin, Zürich und London studiert und war noch nie kriminell – auch nicht, als ich jung war. Ich arbeite als Marketingleiter für ein Berliner Unternehmen, habe eine deutsche Frau und zwei deutsch-türkische Kinder. Meine Frau und ich erziehen unsere Kinder nach bestem Wissen und Gewissen. Das Mädchen geht in den Kindergarten und lernt Englisch. Ich hoffe, sie wird nie kriminell.

Ich habe eine Mitarbeiterin. Sie ist deutsch-türkisch. Geisteswissenschaftlerin. Sie hat nie ältere Menschen geschlagen oder mit Drogen gehandelt. Sie war nie kriminell. Wäre sie es, hätte ich sie nicht eingestellt.

Ich bin ein Durchschnittsdeutschtürke, und meine Mitarbeiterin ist eine Durchschnittsdeutschtürkin. Wir sind Resultate des deutschen Bildungssystems – deutsches Investment in deutsch-türkisches Humankapital in Zeiten schrumpfender deutscher Bevölkerung und des Fachkräftemangels. Der Staat und die Gesellschaft haben in uns investiert, und nun investieren wir in den Staat und die Gesellschaft.

Gesamtwirtschaftlich betrachtet, sind wir für die Zukunft Deutschlands wichtig. Wir tragen zum Volkseinkommen bei, setzen Kinder in die Welt, engagieren uns für soziale Belange und gründen Unternehmen. Warum machen wir das? Weil wir in diesem Land leben, es unser Zuhause ist und uns unsere Eltern bestimmte Werte vermittelt haben. Wie werden unsere Kinder ihre Zukunft gestalten? Empirischen Forschungen zufolge werden sie uns nacheifern: studieren, Kinder bekommen, Häuser bauen und vielleicht sogar Unternehmen gründen. Auch sie werden zur wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Zukunftssicherung beitragen und die Kultur und Innovationskraft dieses Landes mitbestimmen.

Der junge S. aus M. ist auch Deutschtürke – und er ist kriminell. Genau wie T. aus B. oder A. aus S. Junge, kriminelle Ausländer. Sie gehören der dritten oder vierten Generation an und entstammen bildungsfernen Schichten. Sie verursachen eine Reihe von Kosten (Opportunitätskosten in Form von nicht erbrachten Steuern und Sozialleistungen und echte Kosten, zum Beispiel für Haftstrafen) und gegenwärtig großen politischen Ärger. Man diagnostiziert „gescheiterte Integration“ oder „Ausländerfeindlichkeit“. S. scheint also kein gutes Geschäft für den deutschen Staat zu sein. Was soll nun werden?

Vorneweg: Junge Migranten – kriminell oder nicht – sind ein fester Bestandteil unserer Gesellschaft. Jeder von ihnen stellt ein bestimmtes Potenzial an Humankapital dar. Jeder von ihnen kann, wenn er richtig gefördert und gefordert wird, zum wirtschaftlichen Wachstum dieses Landes beitragen. Vor dem Hintergrund der voranschreitenden Globalisierung und der starken außenwirtschaftlichen Verflechtung des Landes gewinnen gerade junge Migranten an Bedeutung für das zukünftige Wachstum der Wirtschaft. Potenzial zur interkulturellen Kompetenz findet die deutsche Wirtschaft en masse direkt auf ihren Straßen. Es muss nur gefördert und gefordert werden.

Die Debatte über den Fachkräftemangel zeigt dies deutlich. Der Fachkräftemangel der deutschen Wirtschaft soll durch Kräfte aus dem Ausland behoben werden. Hört sich einfach an, ist in der Praxis aber oft sehr kompliziert. Bei der richtigen Förderung und Forderung hätte S. einen anderen Weg einschlagen können – oder kann ihn immer noch einschlagen: zum Beispiel als Mitarbeiter in einem deutschen Unternehmen, das auf dem wachsenden türkischen Markt reüssieren will.

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