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21.01.2008

05:11 Uhr

Gastkommentar

Investoren müssen Klimarisiken ins Auge fassen

VonWolf Spieth

Maßnahmen zur Reduktion von Treibhausgasemissionen werden in Kürze zu tiefgreifenden Veränderungen in nahezu allen Bereichen des Wirtschaftslebens führen.

Mit großer Spannung wird die Veröffentlichung konkreter Planzahlen für den europäischen Handel mit Emissionsberechtigungen und den Ausbau erneuerbarer Energien durch die Europäische Kommission am kommenden Mittwoch erwartet.

Die anspruchsvollen Minderungsziele der EU sind allein mit einer Verschärfung und Verknappung beim Emissionshandelssystem für emissionsintensive Anlagen nicht zu erreichen, sondern erfordern schmerzliche Einschnitte durch regulatorische Zwangsmaßnahmen in den Sektoren Energie, Industrie, Gebäude, Verkehr und Transport. Zugleich werden „low carbon products“ und deren Technologien massiv gefördert werden. Das Ausmaß der Eingriffe in das Wirtschaftsleben wird alle bisherigen Erwartungen deutlich übersteigen. Für Investoren führt das zu erheblichen Risiken, die sie intensiv und frühzeitig analysieren sollten.

Der Wert von Unternehmen wird zunehmend durch Klimarisiken beeinflusst: Durch die Auswirkung der Regulierung, Mehrkosten für den Erwerb von Emissionszertifikaten im Rahmen des europäischen Emissionshandelssystems und durch die Art der Wahrnehmung eines Unternehmens, die den Marktwert beeinflusst.

Einflussreiche institutionelle Anleger versuchen bereits jetzt, Unternehmen zu zwingen, ihre Klimarisiken offenzulegen (sog. „climate risk disclosure). In den USA haben 22 international führende institutionelle Anleger und öffentliche Amtsträger im September 2007 bei der US-Börsenaufsicht (Securities Exchange Commission, SEC) eine Petition eingereicht: Klimarisiken sollen künftig als materielles Geschäftsrisiko offengelegt werden. Das „Carbon Disclosure Project“, eine von institutionellen Anlegern mit einem Anlagevolumen von insgesamt 41 Billionen US-Dollar geförderte Organisation, hat daneben vor kurzem die 2400 größten Unternehmen der Welt aufgefordert, ihre Klimarisiken zu veröffentlichen. Diese Entwicklungen betreffen auch europäische Unternehmen, die an amerikanischen Börsen gelistet sind. Entsprechende Veränderungen werden in naher Zukunft auch in Europa einsetzen.

Gebäude sind für rund 40 Prozent des Gesamtenergieverbrauchs in der EU verantwortlich. Zugleich hat der Gebäudesektor das größte Potenzial zur Energieeinsparung sowie Effizienzverbesserung und damit zur Vermeidung von CO2-Emissionen. Er wird daher zu einem Kern künftiger Energie- und Klimaschutzpolitik werden, schmerzliche Eingriffe stehen bevor. Mit dem im August 2007 in Meseberg verabschiedeten Energie- und Klimaprogramm setzt die Bundesregierung jetzt deutlich stärker auf regulatorische Maßnahmen, insbesondere größere Nachrüstungsverpflichtungen für bestehende Gebäude. Weitreichende Auswirkungen dürfte die Absicht haben, Mietern ein gesetzliches Recht zur Mietminderung zuzugestehen, wenn der Vermieter gegen Verpflichtungen zur Einhaltung energetischer Standards verstößt.

In den kommenden Jahren sind im Gebäudesektor weitere verpflichtende Maßnahmen zu erwarten. Den bedeutendsten Ansatzpunkt bildet die umfassende Gebäudedämmung sowie der Einsatz modernisierter Heizungstechniken bei bestehenden Wohngebäuden. Als Schlagwort wird vielfach das Sieben-Liter-Haus genannt (Energieverbrauch von sieben Liter pro Quadratmeter und Jahr). Nach Berechnungen der Immobilienwirtschaft werden die vom Bundesumweltminister in den nächsten vier Jahren geplanten Schritte die Wohnungseigentümer mit über 100 Milliarden Euro belasten. Für Investoren, die große Wohnungsportfolios in Deutschland erworben haben, können dadurch erhebliche Kosten entstehen, die sie nicht erwartet haben.

Einen weiteren Schwerpunkt der Regulierung werden CO2-intensive Produkte bilden. Im Dezember 2007 hat die Europäische Kommission einen Verordnungsentwurf unterbreitet, der die Hersteller von PKWs zur Reduzierung der CO2-Emissionen jedes zugelassenen Fahrzeugs auf 130 Gramm pro Kilometer im Flottendurchschnitt verpflichtet. Der durchschnittliche Wert fast aller in Deutschland hergestellten PKWs liegt deutlich darüber. Die Automobilindustrie rechnet mit Kosten in Milliardenhöhe.

Drastische Verschärfungen stehen auch im Emissionshandel bevor. In der gerade begonnenen zweiten Zuteilungsphase 2008 bis 2012 hat die Europäische Kommission die nationalen Emissionsbudgets stark beschnitten. Hinzu kommt, dass mehrere Mitgliedstaaten einen Teil der Zertifikate nicht mehr verschenken dürfen, sondern versteigern müssen. Die Kommission hat kürzlich bereits angekündigt, dass das europäische Gesamtbudget bis zum Jahr 2020 auf 21 Prozent unterhalb des Emissionsniveaus von 2005 gesenkt werden soll. Kraftwerks- und Raffineriebetreiber werden sämtliche Emissionsberechtigungen ersteigern müssen. Offizielle Studien zeigen, dass es aufgrund der Verschärfungen ab 2013 in der Stahl-, Zement- und Chemieindustrie zu Preiserhöhungen von fünf bis 48 Prozent kommen dürfte.

Die Kommission plant darüber hinaus, bislang nicht erfasste Sektoren einzubeziehen. Für den Flugverkehr ist dies beschlossene Sache. Hier soll die Gesamtzuteilungsmenge dauerhaft auf die durchschnittlichen Emissionen der Jahre 2004 bis 2006 eingefroren werden. Flugzeugbetreiber wären also gezwungen, in erheblichem Umfang Zertifikate zuzukaufen. Auch die erneuerbaren Energien sollen nach dem Willen der Kommission in den Emissionshandel einbezogen werden. Die Auswirkungen des Emissionshandels werden daher bei Investitionen und Transaktionen im Zusammenhang mit emissionshandelspflichtigen Unternehmen zu einem der wichtigsten Aspekte.

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