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30.04.2012

20:54 Uhr

Gastkommentar

Wer bezahlt die Enteigneten?

VonJosef Joffe

Nahverkehr zum Nulltarif und kostenlose Kopien: Das Programm der Piraten enthüllt eine krause Logik. Wer jetzt die Aufsteigerpartei wählen will, bucht eine Fahrt auf dem Geisterschiff.

Der neue Bundesvorstand der Piratenpartei: „Alle Kultur geht vom Staate aus“. dpa

Der neue Bundesvorstand der Piratenpartei: „Alle Kultur geht vom Staate aus“.

Das Klügste zu den neuen Freibeutern liefert der Tatort-Regisseur und Drehbuchautor Niki Stein in der „FAZ“: „Unter Piraten“. Der Mann lebt vom Verkauf seines geistigen Eigentums, das die Aufsteiger vergesellschaften wollen - wie einst die Kommunisten die Produktionsmittel. Die Piraten sind die Nachfahren des Anarchisten Proudhon (1809-1865), der mit: „Eigentum ist Diebstahl“-Ideologie Geschichte gemacht hat. Konsequent hat er den Spruch selbst geklaut - von Jacques Pierre Brissot, dem französischen Revolutionär.

Niki Stein dekonstruiert die krause Logik, welche die Piraten - so bei ihrem Parteitag am Wochenende - in einer Suppe aus Bürokraten-Sprech und postmarxistischem Geschwurbel auftischen. O-Ton: „Die fundamentale Chance des digitalen Zeitalters ist die Möglichkeit, Information ohne Kosten beliebig zu reproduzieren und zur Verfügung zu stellen. Die tradierten Wege, die Produzenten ... in Abhängigkeit von der Zahl der Kopien ihrer Arbeit zu entlohnen, sind dadurch ad absurdum geführt.“

Josef Joffe ist Mitherausgeber der Wochenzeitung „Die Zeit“. Quelle: picture alliance / ZB

Josef Joffe ist Mitherausgeber der Wochenzeitung „Die Zeit“.

Unser verdutzter Autor sagt's auf Deutsch: Er hat zwar viel Zeit und Gehirnschmalz investiert, aber weil man seine Filme endlos kopieren kann, dürfe er dafür nicht mehr entlohnt werden. Was offen herumliegt, gehört allen - wie im Kaufhaus oder auf dem Erdbeerfeld. Allein der Versuch, das Eigentum anderer zu schützen, etwa durch Ladendetektive und Kameras, erzwinge den Polizeistaat. Also: keine Kassen, keine Gerichte. Greift ab!

Aber nicht grämen, trösten die Piraten die „Arbeiter der Informationsgesellschaft“. Wenn die „ständige Verfügbarkeit und beliebige Reproduktion des gesammelten Wissens der Menschheit genutzt“ werden kann, „erhöht dies die Produktivität“ und „steigert die Effizienz des Schaffungsprozesses“.

Diese originelle Theorie besagt, dass der Schaffende, der sich doch aus der Allmende des Menschheitswissens bediene, nicht so laut „Enteignung!“ brüllen möge. Wenn jeder - Autor oder User - gratis gucken und kopieren kann, werde der Kreative nicht etwa ärmer, sondern besser. Und berühmter, weil ihm das Netz Reklame für lau verschaffe, mithin ein immer größeres Publikum. Bloß kriegt er dafür nichts - allenfalls einen Auftritt in der Talkshow. Leider kann er vom 15-Minuten-Ruhm nicht leben. Irgendjemand muss ihm den neuen Laptop bezahlen.

Kommentare (28)

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Warcraft3

30.04.2012, 21:33 Uhr

Zitat: "Wer jetzt die Aufsteigerpartei wählen will, bucht eine Fahrt auf dem Geisterschiff."

Cool, von der Titanic umsteigen auf ein Geisterschiff? Fehlt nur noch der fliegende Hollande.

keeper

30.04.2012, 21:42 Uhr

Erbschaftsmasse deckeln und Kapitalerträge zu BGE.

... und die dadurch "enteigneten" werden wieder zurück ins gemeinsame Boot geholt - und können sich mit "Eigen"Leistung beweisen.

... und die Möglichkeit, durch landen eines "glücklichen Hits" das gemeinsame Boot zu verlassen und aufgrund dieses Glückes herrschaftlich über allen anderen zu thronen hat -leider, leider- der Fortschritt gefressen. Zum Wohle der Gesellschaft.

BGE-subventionierte Künstler, welche sich durch ihre Kunst in die Gesellschaft einbringen werden kommen - eine profitorientierte Industrie wird gehen...
... ich sehe darin keinen Verlust, sondern einen Zugewinn.

wqd

30.04.2012, 22:11 Uhr

Langfristig wird die Kostenlos-Kultur siegen. Das klappt mittlerweile schon für Information und Kommunikation jeglicher Art (Internet). Nur die Energiekosten dafür müssen noch kostenlos werden - PV und Solar. Im Bereich Wasser wird Deutschland wohl auch keinen Mangel leiden. Essens technisch ist das fruchtbare Deutschland, dass mit seinen Hühnchen schon ganz Westafrika mit versorgt auch nicht schlecht aufgestellt. Bleibt noch das Öl und die Metalle!! - 100%ige Recyclingkreisläufe einrichten. Am Ende gibts dann nur noch Überwachungs- und Maintenance Kosten.

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