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03.03.2012

15:12 Uhr

Gastkommentar

Zeit für ein Euro-Sabbatical

VonHans-Werner Sinn

Die Euro-Krisenländer müssen ihre Preise drastisch senken, um wieder wettbewerbsfähig zu werden. Andernfalls bleibt ihnen nur die Möglichkeit eines temporären Austritts aus der Euro-Zone.

dpa/picture alliance

Unter erheblichem Druck von außen ringen sich die Krisenländer des Euro-Raums zu schmerzlichen Einschnitten beim Staatsetat durch. Gehälter werden gekürzt, und Staatsbedienstete werden entlassen, um die Neuverschuldung auf ein erträgliches Maß zu senken. Und doch verbessert sich die Wettbewerbsfähigkeit nicht.

Die neuesten Eurostat-Zahlen zur Entwicklung des Preisindexes der selbst erzeugten Waren (BIP-Deflator) zeigen in den meisten Krisenländern keinerlei Tendenz zur realen Abwertung. Eine reale Abwertung durch Senkung der Preise gegenüber den Wettbewerbern im Euro-Raum ist aber das einzige Mittel, Wettbewerbsfähigkeit wiederherzustellen. Auch eine Senkung der Lohnstückkosten durch Produktivitätszuwächse kann die Wettbewerbsfähigkeit nur in dem Maße erhöhen, wie sie tatsächlich eine Preissenkung bewirkt.

Die Krisenländer waren in der Phase des billigen Kredits, die mit dem Euro gekommen war, inflationär aufgeblasen worden. Dadurch ging die Wettbewerbsfähigkeit verloren. Es entstanden Leistungsbilanzdefizite und riesige Außenschulden. Nun, da die Kapitalmärkte diese Defizite nicht mehr zu finanzieren bereit sind, muss der Rückwärtsgang bei den Preisen eingelegt werden. Aber der ist offenkundig blockiert.

Im Jahr 2010 war die Inflation in einigen Krisenländern hinter der der Wettbewerber im Euro-Raum ein wenig zurückgeblieben. Die neuesten Eurostat-Zahlen für das dritten Quartal 2011 bieten aber schon wieder ein anderes Bild. Danach hat sich das Preisniveau im Jahresvergleich in Portugal und Griechenland gegenüber dem des Rests der Euro-Zone praktisch nicht verändert, und in Italien und Spanien ist es sogar leicht gestiegen (plus 0,4 Prozent beziehungsweise 0,3 Prozent).

Kommentare (32)

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rubycon

03.03.2012, 16:01 Uhr

Wie wäre es, wenn die Vermögensblaseneigentümer ihre Positionen, Gelder in der Liquiditätsfalle freiwillig vergeben, um durch sinnvolle Investitionen etwas von den Beständen nachhaltig zu retten?

Goldene Zeiten für Unternehmens- und Staatsfinanzierungen, wenn die Vermögenden rational handeln, beginnen sie so schnell als möglich in Infrastrukturen, Verbesserungen und Bildung, Arbeit zu investieren.

Ganz besonnders in teure Forschung und Entwicklung besser können die Blasen garnicht geslowpuctured werden von wegen technologischer Wettbewerbsvorteil !

Eurotiker

03.03.2012, 16:23 Uhr

Prof. Sinn,
besser und allgemein verständlicher kann man die Situation nicht beschreiben.
@ rubycon
Selbstverständlich gibt es verschiedene Wege, diese Krise zu meistern. Eine wäre die Krisenprofiteure zu enteignen und die Billionen für die Schuldentilgung zu benützen. Aber wer will das denn ernsthaft erwägen, solange die USA und GB deren Schutzpatrone sind? So werden auch wir langsam aber sicher der Enteignung der Steuerzahler entgegen treiben.

azaziel

03.03.2012, 17:17 Uhr

Das Argument von Professor Sinn, das steigende Preisniveau und damit die sinkende Wettbewerbsfaehigkeit werde durch den stetigen Fluss von Kredit nach Griechenland ermoeglicht, ist unbedingt einleuchtend. Was aber ist die tiefere Ursache fuer diesen Missstand? Warum konnte sich Griechenland masslos verschulden? Warum haben Banken in verantwortungsloser Weise Kredite an Griechenland gegeben? In einer Marktwirtschaft mit vollstaendiger Glaeubigerhaftung waeren die Zinsen fruehzeitig gestiegen und der Kreditfluss waere zum Erliegen gekommen, bevor er diese gigantischen Ausmasse annehmen konnte. Das Land waere bei vollstaendiger Glaeubigerhaftung entweder schon vor Jahren aus dem Euroverbund ausgetreten oder es haette sich einer schmerzlichen Senkung der Preise in Euro unterworfen.

Ich sehe fuer den Missstand ein Buendel von Ursachen. Politikversagen weil man eine wichtige Saeule der Marktwirtschaft, das Prinzip der Glaeubigerhaftung ausgehebelt hat und widerrechtlich Banken zu lasten des Steuerzahlers rettet. Politikversagen, weil die Politik nicht wahrnehmen konnte, wie die Banken durch verantwortungslose Kreditvergabe das gesamte Finanzsystem ins Wanken brachten. Politikversagen, weil die Politik nicht wahrnehmen konnte, dass sich Banklmanager ihre Boni selbst definieren zu Lasten der Aktionaere. Kein geistig gesunder Aktionaer erlaubt seinem Bankvorstand Boni, die den kurzfristigen Gewinn mehren aber langfristig das Vermoegen zerstoeren.

Eins sehe ich ueberhaupt nicht: ICH SEHE KEIN MARKTVERSAGEN.

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