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27.02.2012

20:00 Uhr

Gauck und die sozialen Netze

Bundespräsident 2.0

VonTina Halberschmidt, Florian Kolf

Für den wohl künftigen Bundespräsidenten Joachim Gauck sind die sozialen Netzwerke bisher wenig bekanntes Gebiet. Aber ist das für ihn wirklich ein Problem? Ein Pro und Contra

Der designierte Bundespräsident Joachim Gauck dpa

Der designierte Bundespräsident Joachim Gauck

Joachim Gauck, Bundespräsident in spe, ist in den sozialen Netzwerken bisher nicht sonderlich aktiv. Wer bei Facebook nach ihm sucht, findet (noch) keine Seite des Kandidaten, die auf den ersten Blick als offizielle Page erkennbar wäre und auf der Gauck Fragen beantwortet, in den Dialog mit den Bundesbürgern tritt. Auch bei Twitter gibt es bislang keinen offiziellen Account. Da besteht Nachholbedarf, meint Tina Halberschmidt, die Social-Media-Redakteurin des Handelsblatts. Gauck darf sich nicht auf die herkömmlichen Medien und Kanäle beschränken, wenn er ein Präsident des ganzen Volkes werden will. Florian Kolf, stellvertretender Chefredakteur von Handelsblatt Online, hält dagegen: Gauck hat Qualifikationen, die wichtiger sind als Empfehlung für das hohe Amt als ein eigener Twitter-Account .

Wer sich gegen das Social Web sperrt, sperrt sich aus

Tina Halberschmidt, Social-Media-Redakteurin

Tina Halberschmidt, Social-Media-Redakteurin

Wir können Facebook und Twitter hassen oder lieben – an einer Tatsache kommen wir nicht vorbei: Vor allem die, die noch keine 30 Jahre alt sind, können sich ein Leben ohne Facebook-Pinnwand, Likes und Twitter-Hashtags kaum mehr vorstellen. Die von dem amerikanischen Pädagogen Marc Prensky so genannten „Digital Natives“, die zu einer Zeit aufgewachsen sind, in der es bereits Computer, Internet, Smartphones und MP3 gab, sind in ihre sozialen Netzwerke ganz vernarrt. Sicher, vom Bundespräsidenten wird die „Generation Internet“ auch im Radio hören, seine Neujahrsansprache im Fernsehen sehen. Aber ein moderner Bundespräsident muss alle Altersgruppen ansprechen. Er darf nicht nur auf althergebrachtem Wege kommunizieren, er muss die Menschen abholen - und zwar da, wo sie sich aufhalten.

Nicht, dass irgendjemand im Social Web unterwegs sein müsste, der damit nichts am Hut hat. Und natürlich ist Joachim Gauck auch kein Unbekannter, nur weil er (noch) keine eigene Facebook-Page hat, auf der er mit anderen Facebook-Nutzern diskutiert. Aber der Mann wird aller Voraussicht nach unser nächster Bundespräsident. Und er dürfte bei aller Lust am Polarisieren vor allem das Bestreben haben, möglichst viele Bundesbürger zu erreichen. Wenn er das aber anpackt, als wäre er in der Nachkriegsgeneration stehen geblieben, dann werden seine Botschaften nicht überall ankommen. Wenn Gauck sich gegen das Social Web sperrt, passiert vor allem eins: Gauck sperrt sich selbst aus.

Deshalb darf sich der Bundespräsident in spe nicht auf die herkömmlichen Kanäle und Medien beschränken. Er muss überall ansprechbar sein – auch via Facebook und Co. Zumal wir uns schon jetzt durch diverse Facebook-Seiten klicken können, in denen Joachim Gauck das Thema ist. Nicht nur auf der sogenannten Gauck-„Gemeinschaftsseite“, die Facebook automatisch erstellt, diskutieren die Nutzer über den neuen Bundespräsidenten. Längst haben eifrige Facebook-User die Seite „Joachim Gauck for President“ erstellt. Fast 14.000 haben auf „Like“ geklickt. Zudem gibt es die Gruppe „Joachim Gauck als Bundespräsident“ mit fast 30.000 Mitgliedern. Bei Twitter zwitschert sogar schon jemand, der sich nur als Joachim Gauck ausgibt: Unter @joachimgauck bringt der „Twitterpräsident“ seine mehr oder weniger sinnvollen Gedanken unters Volk. Am 22. Februar zum Beispiel der bemerkenswerte Satz: „Ich hatte letzte Nacht einen Albtraum. Die Stasi kam zu Besuch, und ich hatte keinen Kaffee mehr im Haus.“ Oder einen Tag zuvor: „Heiraten? Aber die Bettina ist doch schon vergeben.“ Ob sinnvoll oder nicht - fast 2.500 Follower interessieren sich für den Fake-Account.

Dem „echten“ Joachim Gauck sollte das deutlich machen: Im Netz wird über jeden gesprochen, jede Debatte ist möglich. Davor die Augen zu verschließen und sich von den sozialen Netzwerken fernzuhalten, ist keine gute Idee. Im Gegenteil: Wenn Gauck wirklich nah dran sein will an "seinen" Menschen, dann muss er die Möglichkeiten nutzen, die ihm Facebook und andere soziale Netzwerke bieten. Auf der eigenen Fanpage bei Facebook muss er Fragen direkt beantworten, über den eigenen Twitter-Kanal Stellung nehmen zu der Kluft, die jüngst zwischen ihm und den Netzaktiven entstanden ist. All das auf Augenhöhe mit Bürgern und den Nutzern im Netz, persönlich und authentisch, lebendig und modern. Lässt Gauck das Social Web als Kommunikations- und Feedbackkanal aber weiterhin links liegen, wird er auf Dauer immer mehr Menschen ausgrenzen. Und das kann sich kein Bundespräsident leisten.

Erst der Inhalt, dann das Netz

Florian Kolf, stellvertretender Chefredakteur Handelsblatt Online Frank Beer für Handelsblatt

Florian Kolf, stellvertretender Chefredakteur Handelsblatt Online

Nehmen denn die Skandale um das Amt des Bundespräsidenten überhaupt kein Ende? Jetzt haben es Union, FDP, SPD und Grüne doch tatsächlich gewagt, einen Kandidaten vorzuschlagen, der nicht twittert. Ja, Sie hören richtig: Joachim Gauck setzt nicht täglich 140-Zeichen-Botschaften ins Netz. Ja, er hat nicht einmal eine ordinäre Website zu bieten.

Spaß beiseite: Die Aufgeregtheiten um den Wechsel im obersten Staatsamt treiben immer skurrilere Blüten. Kaum dass Wulff erfolgreich aus dem Amt gejagt wurde – nicht zuletzt auch mit Hilfe der sozialen Netzwerke, denen kein Spott über Wulff zu platt war, um ihn tausendfach zu vervielfältigen - geht das Kesseltreiben auf seinen Nachfolger in spe los. Da wird ihm vorgehalten, dass er nicht verheiratet ist, seine Eitelkeit ist ein Thema, ein angebliches Lob für den umstrittenen Thilo Sarrazin. Und nun zeigt sich überraschend, dass ein 73-jähriger ehemaliger DDR-Bürgerrechtler kein „Digital Native“ ist. Ja, dass er sogar bei einigen Themen andere Positionen vertritt als die sogenannte "Netzgemeinde".

Gauck hat Qualifikationen, die wichtiger sind als Empfehlung für das hohe Amt als eine eigene Facebook-Seite. Er hat einen eigenen Kopf und eine eigene Meinung, mit der er souverän um geht. Er verfügt über eine große Lebenserfahrung und steht nicht im Verdacht, für Luxus und Gefälligkeiten aus der Wirtschaft empfänglich zu sein. Und das Wichtigste: Er verfügt über die Gabe der Rede.

Genau das ist es ja, was sein Vorgänger Christian Wulff so schmerzlich vermissen ließ. Seit seiner viel und kontrovers diskutierten Rede zur Integration am Tag der Deutschen Einheit kamen von ihm kaum wegweisende Worte. Dabei gibt es so viele Themen, von der Schuldenkrise über den wieder erstarkten Rechtsradikalismus bis hin zur veränderten Rolle Deutschlands in der Weltpolitik, zu denen es wohltuend wäre, kluge Positionen zu hören, die sich abheben vom Klein-klein der Parteipolitik. Genau das ist die Aufgabe eines Bundespräsidenten.

Sollte Gauck gewählt worden sein, wird es sicher kundige junge Mitarbeiter im Bundespräsidialamt geben, die ihm helfen werden, auch über die sozialen Netzwerke mit dem Volk zu kommunizieren. Dadurch wird er dann auch selber mit der Zeit lernen, wie erfrischend es sein kann, über das Web 2.0 ungefiltert die Meinung der Bürger zu erfahren und ganz direkt darauf reagieren zu können.

Aber in erster Linie wünschen wir uns nach der Erfahrung der Vergangenheit jetzt doch einen Präsidenten, der inhaltlich kluge Anstöße gibt – über welche Kanäle auch immer. Glaubwürdigkeit beweist sich nicht durch den versierten Umgang mit sozialen Netzwerken, sondern durch das, wofür ein Mensch steht.

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Kommentare (11)

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Wutbuerger

27.02.2012, 17:20 Uhr

"Gauck hat Qualifikationen, die wichtiger sind als Empfehlung für das hohe Amt als eine eigene Facebook-Seite."

Richtig. Nur Kinder und Dummschwätzer brauchen eine Facebook oder Twitter-Seite. Ein Bundespräsident sollte sich mit solchem Kram nicht abgeben.

Account gelöscht!

27.02.2012, 17:24 Uhr

Wer gelernt hat sich gut zu informieren, dem ist das Medium über das er die Informationen bezieht egal. Nur die Bequemen, Unflexiblen pochen auf Konformität mit dem eigenen "Netz".

Account gelöscht!

27.02.2012, 17:53 Uhr

"Wer bei Facebook nach ihm sucht, findet keine offizielle Fanpage"

Liebe HB-SM-Redaktion, gucken sie hier - is doch nich so schwer ;)
--> http://www.facebook.com/Joachim.Gauck
s.a.
--> http://www.facebook.com/pages/Gegen-Vergessen-F%C3%BCr-Demokratie-e-V/133931196643266
(Vorsitzender: Dr.h.c. Joachim Gauck)

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