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02.05.2003

08:46 Uhr

Generationswechsel

Analyse: Firmen setzen auf den eigenen Nachwuchs

VonJaochim Weber (Handelsblatt)

In den deutschen Führungsetagen geht es rund wie selten zuvor. Die drei größten Energieunternehmen – RWE, Eon, EnBW – haben ihre Chefsessel in den letzten Wochen neu besetzt, die Allianz bekam ebenso eine neue Spitze wie ihre Tochter Dresdner Bank und zuvor schon die Hypo-Vereinsbank. Auch bei anderen Dax-Unternehmen sind Wachablösungen angesagt, etwa bei SAP, der Lufthansa oder der BASF. Bei Linde hat Helmut Reitzle das Ruder bereits übernommen.

In der Reihe der neuen Köpfe steht der ehemalige BMW-Vorstand Reitzle für eine Minderheit: Er ist kein „Hausgewächs“, sondern wurde von außen zugekauft. Neben Linde sind es nur noch die Allianz-Tochter Dresdner Bank (der die Mutter mit Herbert Walter einen Manager vom Konkurrenten Deutsche Bank verordnet hat), Eon und die EnBW, die ihre Vorstandsspitzen mit Externen besetzten. Alle anderen neuen Kapitäne stammen aus den eigenen Häusern oder Konzernen.

Das heißt: Die einstige Begeisterung für die neuen Besen, die so gut kehren sollen, ist vielerorts verflogen. Offenbar hat sich die Erfahrung herumgesprochen, dass einige dieser neuen Kehrinstrumente viel Staub zu sehr hohen Kosten aufgewirbelt haben. Denn Änderungen in den Unternehmensstrukturen verschlingen viel Geld, besonders, wenn sie um des Änderns willen an sich stattfinden. Noch mehr kostet oft die Demotivation der Mitarbeiter, die dem Treiben der Neuen fassungslos zusehen müssen.

Dennoch kann es sinnvoll sein, Führungsspitzen mit Unternehmensfremden zu besetzen – und zwar dann, wenn eine Unternehmenskultur sich überlebt hat und gleichzeitig die Das-war-schon-immer-so-Mentalität vorherrscht. Unumgänglich wird der Griff zur externen Kompetenz, wenn eine Unternehmensführung es versäumt hat, ihre Nachfolge vorzubereiten beziehungsweise den Führungsnachwuchs nicht systematisch entwickelt.

Dass sich aber die Mehrheit der Konzern-Aufsichtsräte für Neubesetzungen aus den Reihen der eigenen Unternehmen entschieden hat, signalisiert zweierlei: Zum einen wird es wieder als Zeichen der Stärke empfunden, wenn ein Unternehmen seine Spitzen- Vakanzen mit eigenen Kräften auffüllt. Zum anderen ist offenbar wieder Stetigkeit gefragt – in Zeiten äußerer Unsicherheit und inneren Drucks haben Experimente, die womöglich kostspielig enden, keinen hohen Stellenwert. Deshalb setzen viele Unternehmen bei Nachfolgelösungen auf das Prinzip der Kontinuität.

Einen Ort gibt es allerdings, an dem etwas weniger Kontinuität wünschenswert wäre: den Aufsichtsrat. Dass der eine oder andere Vorstandschef als erfahrener Ratgeber ins Kontrollgremium wechselt, ist noch zu tolerieren. Dass er aber – wie auch in der Wechselserie dieses Frühjahrs mehrfach beschlossen – dort gleich den Vorsitz übernimmt, bleibt fragwürdig. Speziell wenn der Nachfolger im Chefsessel aus den eigenen Reihen kommt, besteht die Gefahr, dass der „Alte“ seine Autorität behält, die eigenen Fehlentscheidungen zementiert und den nötigen Wandel blockiert. Deshalb gilt die Devise des früheren Henkel-Chefs und heutigen Porsche- Aufsichtsratschefs Helmuth Sihler: „Die alten Herren müssen raus.“

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