Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

15.12.2011

11:04 Uhr

Gerd Höhler

„Mein Griechenland“

Gerd Höhler lebt seit 32 Jahren in Athen. Er liebt Griechenland – trotz Schuldenkrise. Im Düsseldorfer Ständehaus berichtete er über sein Land. Seine Botschaft: Auf Griechenland kommt eine Lawine des Elends zu.

Griechenland-Korrespondent Gerd Höhler Pablo Castagnola

Griechenland-Korrespondent Gerd Höhler

Gestern Nachmittag war ich im Kaufhof – in der Lebensmittelabteilung. Dort habe ich sechs Packungen Rösti gekauft. Die Dame an der Kasse fragte spitz: „Ernähren Sie sich nur von Rösti?“ „Nein“, sagte ich, wo ich lebe, gibt es keine Rösti, und deshalb nehme ich immer einen Vorrat mit, wenn ich Deutschland bin. „Interessant“, sagte sie, „wo leben Sie denn?“ Ich sagte: „In Griechenland“. Und dann entfuhr es ihr förmlich: „Oh Jott! Dat dürfen Sie doch gar nich laut sagen – obwohl: sie können ja nix dafür.“

So weit ist es gekommen. In Deutschland muss ich mein Griechenland verleugnen. Und in Griechenland würde ich mir manchmal wünschen, ich käme nicht aus Angela Merkels Deutschland – sondern wäre ein Schweizer.

Als ich im März 1979 nach Athen kam, erlebte ich ein Land, ein Volk im Aufbruch. Die Verträge über den Beitritt zur damaligen EG waren ausgehandelt, am 28. Mai 1979 wurden sie in Athen feierlich unterzeichnet. Übrigens gegen das Votum der damaligen Brüsseler Kommission. Sie warnte: das wirtschaftliche Gefälle zwischen Griechenland und dem Kern Europas sei zu groß. Die Politiker setzten sich darüber hinweg. Griechenland hatte erst fünf Jahre zuvor die Militärdiktatur abgeschüttelt, man wollte die wieder gewonnene Demokratie stabilisieren. Und man wollte den Nato-Staat Griechenland enger an den Westen binden. Es war schließlich noch die Ära des Kalten Krieges.

Jan Keuchel: Das Leben nach der Atomkatastrophe

Jan Keuchel

Das Leben nach der Atomkatastrophe

Jan Keuchel ist unser Mann in Tokio. Er leidet mit Japan, weil es unter Fukushima leidet. Im Düsseldorfer Ständehaus berichtete Jan Keuchel über das „Leben nach der Atomkatastrophe“.

Manche meinen heute, der Beitritt 1981, das sei der erste Sündenfall gewesen. Der zweite trägt das Datum 1. Januar 2002. Ich habe die damalige Silvesternacht noch gut in Erinnerung. Wir waren im Festsaal im obersten Stock der griechischen Notenbank an der Panepistimiou-Straße, und während um Mitternacht über der Akropolis die Feuerwerksraketen in den Himmel stiegen, ging der damalige Premierminister Kostas Simitis zu einem eigens dort aufgestellten Geldautomaten und zog die ersten Euro-Scheine. Neben ihm stand übrigens Lucas Papademos, der Zentralbankchef. Er war einer der Architekten des Beitritts Griechenlands zur Währungsunion. Jetzt soll er als Krisenpremier verhindern, dass die Griechen den Euro womöglich wieder abgeben müssen.

Damals, in der Silvesternacht 2001/2002, galt der Euro als ein Segen. Niemand von uns im Festsaal der Bank von Griechenland ahnte, dass er sich als Fluch erweisen würde. Obwohl: natürlich gab es Zweifel, ob Länder wie Griechenland, Italien und Portugal reif waren für den Euro. Aber man gab sich der Hoffnung hin, in der Währungsunion würde sich das wirtschaftliche Gefälle, würden sich die Wettbewerbsunterschiede wie von selbst ausgleichen. Heute wissen wir: Das genaue Gegenteil ist eingetreten. Das Gefälle hat sich vergrößert, die Probleme haben sich verschärft.

Kommentare (22)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Profit

15.12.2011, 11:39 Uhr

Der Autor zählt vielfältige Gründe auf, warum Griechenland schnell aus dem Euro aussteigen sollte. Daß der Übergang mit Hilfen der EU abgefedert gehört, ist selbstverständlich. Nur Politik sollte es mal einsehen: Griechenland kann mit dem Euro keine Wettbewerbsfähigkeit erlangen. Nur ein kleines Beispiel: Tourismus. Hier hat Griechenland Standortvorteile, die durch die zu starke Währung z.B. gegenüber der Türkei verloren geht. Albanien und Bulgarien treten hinzu. Ein weiteres Beispiel: Die Textilindustrie ist aus Saloniki völlig verschwunden. Wenn nicht gleich nach Asien, dann ins wenige Kilometer entfernte Bulgarien. In Rumänien, und eben nicht in Griechenland, werden mittlerweile Automobile (Dacia)gebaut. Die griechische Schiffbauindustrie: ruiniert. Das größte börsennotierte Unternehmen ist Hellenic Bottling, ein Coca Cola-Abfüller! Das sagt doch alles. Jeder "Doofe" erkennt doch: Wir sind mit dem jetzigen Euro auf dem Holzweg. Das liegt am allerwenigsten an den Deutschen. Insofern braucht sich der weinerliche Autor auch nicht zu schämen.

DJHLS

15.12.2011, 11:56 Uhr

Vielen Dank für Ihren Bericht!

In der Tat, Gehässigkeit und Schadenfreude sind völlig fehl am Platz. Zumal Deutschland es ja nicht viel besser macht. Auch Deutschland hat schon mal den Stabilitätspakt gebrochen und gesenkt haben wir unsere Staatsverschuldung auch noch nie.

Was die Austeritätsmaßnahmen angeht, kann man über deren Sinn und Wirkung sicherlich streiten.

Was mir als deutschen Steuerzahler und Inhaber griechischer Staatsanleihen allerdings einigermaßen unbegreiflich ist, ist dass die Gläubiger und anderen EU-Staaten für Griechenland zahlen sollen, während Griechenland auf beachtlichen Vermögenswerten sitzt.

Die Niederlande haben bereits Teile ihrer Flotte und Panzer verkauft, um den haushalt zu konsolidieren. Warum hört man so etwas aus den Niederlanden und nicht aus dem Staat mit der größten Panzerarmee Europa?

Wie kann es sein, dass dieses Land mit einem umfangreichen Portfolio an Grundstücken, Gebäuden, Firmenbeteiligungen etc. in die Insolvenz gehen will? So ein Schonvermögen würde man keinem Bürger und keiner Firma zugestehen.

Account gelöscht!

15.12.2011, 12:05 Uhr

GR hat den Ausstieg aus dem Euro um mindestens zwei Jahre verpaßt. Jetzt ist es teuer geworden und wird noch viel teuerer werden, und das Elend noch größer, weil alle (EU, Merkozy, EZB, usw) in die verkehrte Richtung laufen und GR um jeden Preis im Euro halten wollen. Die Wettbewerbsfähigkeit ist so niemals wiederzugewinnen, GR wird nur unregierbar werden, eben doch Balkan. Schade!
Um gehäßigen Gegenkommentaren vorzubeugen: mondahu hat einst Griechisch gelernt, fließend, und kann heute nach über fünfzig Jahren noch Teile der Odyssee auswendig deklamieren.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×