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20.02.2012

15:09 Uhr

Griechenland

Rettungsengel und Volksdämon

VonDavid Marsh

Hauptpeiniger im Schuldendrama: Athen stigmatisiert Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble als Inkarnation des Bösen. Die Suche nach den echten Krisenverursachern wird durch solche Ressentiments blockiert.

Zerstörer und Erlöser: Schäuble tritt gegenüber Griechenland in einer Doppelrolle auf. dpa

Zerstörer und Erlöser: Schäuble tritt gegenüber Griechenland in einer Doppelrolle auf.

Wolfgang Schäuble, jetzt Buhmann ersten Ranges in Athen, ist ein stilvoller Mensch. Die gegenseitigen Beschimpfungen, denen sich Griechen und Deutsche bei den Verschuldungsturbulenzen aussetzen, sind Zeichen einer mentalen Störung in Europa, die nicht so bald abebben wird. Eine Anekdote aus dem bewegten Zeitalter nach der deutschen Wiedervereinigung hilft uns, die Verhaltensweise des jetzigen Bundesfinanzministers zu relativieren.

Als Schäuble Anfang der 90er-Jahre als Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion - und hinter Helmut Kohl damit zweitwichtigster deutscher Christdemokrat - nach London reiste, um sich unter anderen mit dem damaligen Premierminister John Major zu treffen, führte ich als „Financial Times“-Journalist am Vortag mit ihm ein Interview. Wobei Schäuble bekundete, er würde Major wegen seiner sturen Haltung bei der europäischen Integration die Leviten lesen.

Zukunftsszenarien für Griechenland

Szenario 1: Die Rettungspläne funktionieren

Die Eurogruppe billigt einen Schuldenschnitt, die Banken erlassen dem Land daraufhin 100 Milliarden Euro. Somit gibt es auch grünes Licht für weitere Hilfen der Eurozone in Höhe von insgesamt 130 Milliarden Euro. Die Europäische Zentralbank (EZB) füllt eine Finanzlücke, damit Griechenlands Schuldenstand bis 2020 wie angepeilt sinken kann. Im Gegenzug unterwirft sich Griechenland einer strikten Überwachung der EU und gibt Kompetenzen in der Haushaltspolitik ab. Das Land leidet noch jahrelang unter Einsparungen, innenpolitischer Unruhe und Rückschlägen. Der Weg zu einer Erholung ist lang und mühsam.

Szenario 2: Rettung auf Raten

Die Eurozone will zunächst keine weitere Hilfe zusagen. Problem ist der für 2020 trotz Hilfspaket und Gläubigerverzicht erwartete Schuldenstand von 129 Prozent der Wirtschaftskraft, anstatt der angestrebten 120 Prozent. Der Rettungsplan muss also überdacht werden. Zudem wählen die Griechen im April. Die Euro-Länder wollen das Votum abwarten und mit den dann regierenden Parteien Vereinbarungen über Einsparungen und Reformen treffen, bevor sie weiteres Geld überweisen. Mit restlichen Mitteln aus dem ersten Hilfsprogramm wird ein im März drohender Bankrott vorerst verhindert.

Szenario 3: Die Rettung scheitert, Griechenland bleibt aber im Euro

Nach zwei Jahren Schuldenkrise nimmt die Eurozone einen Kurswechsel vor: Griechenland soll kontrolliert in die Pleite geführt werden, jedoch in der Eurozone bleiben. Nun kommen Milliardenkosten nicht nur auf die privaten Gläubiger, sondern auch auf die EZB zu: Athen ändert per Gesetzesänderung die Haftungsklauseln für seine Staatsanleihen - und erzwingt einen Verzicht. Die EU arbeitet an einem finanziellen und wirtschaftlichen Neustart des Landes, der ebenfalls viel Geld kostet.

Szenario 4: Athen geht bankrott und steigt aus dem Euro aus

Der Rettungsplan scheitert, die Griechen haben zudem Vorschriften und Kontrolle der Euro-Länder satt. Das Land erklärt seinen Bankrott und die Rückkehr zur Drachme. Wirtschaft und Finanzbranche werden über das Land hinaus erschüttert, Firmen und Banken gehen pleite. Die Kaufkraft der Griechen nimmt massiv ab, soziale Unruhen sind die Folge. Mit der Drachme sind griechische Produkte auf dem Weltmarkt zwar billiger, ein positiver Effekt auf die marode Wirtschaft zeigt sich jedoch nur sehr langsam. Die Europäische Union bemüht sich mit Konjunkturprogrammen, den weiteren Absturz des Landes zu mildern.

Das Gespräch mit Major fand statt, verlief äußerst friedlich, ohne sonderliche Vorwürfe an Major. Am nächsten Tag fragte ich Schäuble, weshalb die kritischen Punkte ausgeblieben sind. „Ach ja,“ erwiderte er, „selbstverständlich habe ich Major all das nicht gesagt. Wie hätte ich Ihrem Premierminister gegenüber so unhöflich sein können?“

Aber jetzt ist Schäuble in Hellas als Inkarnation des Bösen stigmatisiert, Anstifter eines heiligen Finanzkrieges, Hauptpeiniger in der modernen europäischen Folterkammer. Dass Schäuble die (weiter gehenden) Finanzhilfen an Griechenland als „Fass ohne Boden“ beschrieb, ist ebenso begründbar wie die griechische Reaktion, der Bundesfinanzminister habe ein bereits erniedrigtes Volk weiter in den Schlamm gezogen. Die gegenseitigen Ressentiments vertiefen sich dadurch, dass sich Gläubiger wie Schuldner aus diametral entgegengesetzten Gründen missverstanden, missbraucht sowie erpresst fühlen.

Die Frage ist berechtigt: Wer sollte am vehementesten der Verantwortungs-, Ahnungs- oder Rücksichtslosigkeit bezichtigt werden: Kreditgeber oder Kreditnehmer? Die Grenzlinien zwischen Ursache und Auswirkung, zwischen Ausbeutern wie Ausgebeuteten, zwischen Schuld und Unschuld werden hoffnungslos verwischt. Blockiert dadurch werden sowohl die Spurensuche nach den echten Krisenverursachern als auch die Aufstellung eines Fahrplans für den Ausweg.

Kommentare (6)

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Account gelöscht!

20.02.2012, 15:58 Uhr

Mit Schäuble vs. Griechenland (psychologisch) und EZB-Politik (sachlich) haben Sie zwei völlig unterschiedliche Dinge in einen Artikel gepackt, die ich zumindest intellektuell nicht auf einen Nenner bringen kann.

Zu Schäuble/Griechenland: Es ist objektiv falsch, die gegenseitigen Vorwürfe auf eine Ebene zu stellen nach Art des Elternappelle an Kinder: jetzt habt ihr euch gestritten, nun vertragt euch wieder schön.

Schäubles Vorwürfe sind sachlicher Art; die Reaktion der Griechen ist psychologisch. Man kann solche Reaktionen nachvollziehen; objektiv liegen sie aber nicht auf derselben Ebene. Insoweit ist es auch unangemessen, wenn man die Schuldfrage in Scheinfragen auflöst.

Die Griechen sollten, wie Florian Eder in der WELT ("Der Preis für die Rettung Griechenlands ist zu hoch" richtig forderte ("Ein einst stolzer Staat, ein freier Staat, der so viel darauf hält, die Demokratie hervorgebracht zu haben, der dürfte sich diese Demütigung nicht antun"), zur Bewahrung ihrer eigenen Würde schnellstens den Staatsbankrott verkünden und aus der Eurozone verschwinden!

Herbert_Sax

20.02.2012, 16:18 Uhr

Für ein eher zahlenorientiertes Blatt wie das Handelsblatt ist es schwach seinen Lesern drei Grafiken zu Präsentieren, die auf der Y-Achse keine Angaben beinhalten. Oder sollte das an meinem iPad liegen?

Nikos35

20.02.2012, 19:43 Uhr

Erlauben Sie werte Damen und Herren des Handelsblattes und auch den Foristen auch mal die andere Seite zu vermitteln. In vielen griechischen Foren, allen voran der größten Online-Zeitung "protothema.gr" ist mitnichten eine wie auch immer geartete Deutschfeindschaft zu erkennen - auch nicht gegen Hr. Schäuble. Die Foristen wissen genau, wer was wie gesagt hat und die absolute Mehrheit (Ausnahmen bestätigen die Regel) pflichtet vielen um nicht zu sagen den meisten Vorwürfen bei. Ich bin sowohl in dt. als auch in gr. Foren sehr aktiv und fühle mich sowohl meinem Herkunftsland sehr eng verbunden als auch meiner Heimat, die nun mal Deutschland ist. Was der Vorredner, leser2003 geschrieben hat, kann ich nur unterschreiben. In vielen Themen sind die Aussagen von deutscher und jeglicher Seite korrekt, der Ton macht aber die Musik und Missklänge kommen bei bereits arg gebeutelten immer schneller an, weil sie sich eh schon in die Ecke gedrängt fühlen.

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