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25.01.2015

22:16 Uhr

Griechenland und Alexis Tsipras Sieg

Die Wut-Wahl

VonGerd Höhler

Der Frust der Griechen war größer als die Angst vor den ungewissen Folgen eines Machtwechsels. Doch Wahlsieger Alexis Tsipras ist nicht zu beneiden. Denn seine Sozialprogramme sind nicht finanzierbar. Ein Kommentar.

Gerd Höhler

Der Autor ist Handelsblatt-Korrespondent in Griechenland.

AthenNoch nie seit der Rückkehr zur Demokratie 1974 waren bei einer Wahl in Griechenland so viele Emotionen im Spiel wie jetzt. Fünf Jahre Sparkurs haben Hellas in die tiefste und längste Rezession der Nachkriegsgeschichte geführt – ein Tal der Tränen, vergleichbar nur mit der Großen Depression in den USA in den 1930er Jahren. Am Sonntag haben viele Griechen an der Wahlurne ihrer Wut und Verzweiflung freien Lauf gelassen.

Sie stimmten für das radikale Linksbündnis Syriza – und gegen eine Politik, die eine Million Jobs vernichtete, Hunderttausende Familien in die Armut stürzte, zahllose Lebensentwürfe zerstörte und über 200.000 junge Griechinnen und Griechen in die Emigration trieb – ein beispielloser Brain Drain, unter dem das Land noch auf Jahrzehnte leiden wird. Griechenland hat ein Viertel seiner Wirtschaftskraft verloren, die Menschen haben im Schnitt ein Drittel ihrer Kaufkraft eingebüßt. Das Land hat sich in den vergangenen fünf Jahren auf Geheiß der Troika nicht gesund sondern totgespart.

Das Dilemma Griechenlands in Zahlen und Fakten

Arbeitslosigkeit

Die Arbeitslosigkeit liegt bei 25,5 Prozent. Bei den unter 25-jährigen Erwerbspersonen ist sogar fast jeder zweite ohne Job. Nach jüngsten Erhebungen liegt die Jugendarbeitslosigkeit bei 48,4 Prozent.

Staatsschulden

Griechenland hat insgesamt Schulden in Höhe von rund 320 Milliarden Euro (Stand September 2014). Das sind fast 180 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Die EU und der Internationale Währungsfonds haben dem Land mit Darlehen in Höhe von rund 240 Milliarden Euro unter die Arme gegriffen.

Einkommen

Nach übereinstimmenden Angaben von Regierung und Gewerkschaften mussten die Menschen in Griechenland seit 2009 im Durchschnitt Einkommenseinbußen von 30 Prozent hinnehmen. Im öffentlichen Dienst wurden Urlaubs- und Weihnachtsgeld gestrichen. Auch Renten wurden massiv gekürzt.

Öffentlicher Dienst

Nach jüngsten Zahlen arbeiten derzeit 675 000 Menschen im öffentlichen Dienst. Das sind rund 277 000 weniger als noch 2009. Allein im Jahr 2014 wurden 9500 Staatsbedienstete entlassen. Zudem wurden viele Stellen nach altersbedingtem Ausscheiden von Angestellten nicht nachbesetzt. Die Regierung Tsipras steuerte der Entwicklung jedoch gegen – und stellte per Gesetz rund 4000 zuvor entlassene Staatsdiener wieder ein.

Wirtschaftswachstum

Erstmals nach vielen Rezessionsjahren wuchs die Wirtschaft 2014 nach vorläufigen Zahlen um 0,7 Prozent. Für 2015 erwartet die EU-Kommission einen Zuwachs von nur 0,5 Prozent.

Der abgewählte konservative Premierminister Antonis Samaras hat nichts unversucht gelassen, vor den Konsequenzen eines Wahlsiegs der radikalen Linken zu warnen. Er hat Oppositionsführer Alexis Tsipras und sein Linksbündnis Syriza geradezu dämonisiert. Tsipras sei „ein Unfall, der Griechenland nicht passieren darf“. Syriza diene der „Drachmen-Lobby“, warnte Samaras. Mitunter schoss der Premier weit über das Ziel hinaus. So suggerierte ein Wahlspot seiner „Nea Dimokratia“, unter einer Syriza-Regierung werde es zu Engpässen bei der Versorgung mit lebenswichtigen Medikamenten kommen. Dabei hat schon jetzt jeder dritte Grieche wegen der Krise seine Krankenversicherung verloren, viele können sich keine Arzneien mehr leisten.

Auch aus dem Ausland, vor allem aus Berlin, bekamen die Griechen mehr oder weniger diskrete Mahnungen, Syriza nicht ihre Stimme zu geben. Aber diese Angstkampagne ist nicht aufgegangen. Sie war kontraproduktiv: Jetzt erst recht, haben sich viele Wähler gesagt. Die Wut der Menschen war größer als ihre Angst vor den ungewissen Folgen eines Machtwechsels. 37 Prozent der Griechen leben an der Armutsgrenze. Viele von ihnen dürfte nicht einmal die Aussicht schrecken, dass sie den Euro hergeben und wieder mit Drachmen bezahlen müssen. Wer nichts mehr hat, der hat auch nichts mehr zu verlieren.

Kommentare (12)

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Herr Teito Klein

26.01.2015, 08:53 Uhr

Tsipras ante portas
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Tsipras hat die Wahl gewonnen. Die Eurokraten zittern.
Die Linke jubiliert.
Die Eurokraten fürchten, setzt sich Tsipras mit seinen Forderungen nach einem Schuldenerlass durch, auf Nacharer aus Portugal, Spanien, Frankreich und Italien.

aza azaziel

26.01.2015, 09:19 Uhr

Das System verschwenderischer Staaten mit ihren Aparatschiks und parasitaeren Boni Bankern geht dem Ende entgegen. Alle Erkenntnisse solider Waehrungs- und Wirtschaftspolitik wurden ueber Bord geworfen und die Grundsaetze der Rechtsstaatlichkeit wurden unterspuelt. All das war schon 2008 offensichtlich und zwar nicht nur fuer Eingeweihte. Griechenland ist nur der Vorbote dessen was dem Rest Europas bevorsteht.

Herr Thomas Behrends

26.01.2015, 09:21 Uhr

Die Griechen sollten sich einmal fragen lassen, wie sie sich ein Leben in einer globalen Wirtschaftsordnung zukünftig überhaupt vorstellen.

Griechenland hat überhaupt kein funktionierendes Wirtschaftsgerüst mehr. Das wurde vor langer Zeit durch ungehemmte Schuldenaufnahme kaputtgemacht.

Was kommt denn noch aus Griechenland?

Wein, Metaxa, Gemüse, Oliven, Olivenöl und vor Ort wird Tourismus betrieben.

Alles Produkte und Dienstleistungen, die nichts mehr einbringen. Der Abstieg wird weitergehen ...

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