Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

08.01.2008

17:46 Uhr

Selten war der britische Neujahrskater so hartnäckig wie in diesem Jahr. Nach einer mehr als zehnjährigen rauschenden Party blicken die Briten ernüchtert in die Zukunft. Monat für Monat korrigieren die Ökonomen ihre Prognosen nach unten. Zwar wäre der erwartete Rückgang der Wachstumsrate von gut drei Prozent auf unter zwei Prozent noch kein Beinbruch. Aber die Gefahr, dass es schärfer abwärtsgeht, wächst.

Die Säulen des britischen Booms sind seit Mitte der neunziger Jahre die Finanzbranche, der Immobilienmarkt, der private Konsum und der Staat. Sie alle bröckeln jetzt auf einmal. Auch die vergleichsweise unbedeutende Industrie sieht nicht sehr stark aus. Das sind schlechte Nachrichten für Premierminister Gordon Brown, der doch als der Vater eines historischen Booms die nächste Wahl gewinnen wollte. Nun muss er sich von der Opposition vorhalten lassen, dass er das Land als Schatzkanzler in einen schuldenfinanzierten Ausgabenrausch gesteuert habe.

Wie hoch sind die Risiken wirklich, dass die britische Wirtschaft nach 42 Wachstumsquartalen in Folge in eine ernsthafte Krise schlittert? Um die Frage zu beantworten, lohnt es sich, die Säulen einzeln auf Stabilität abzuklopfen.

Pessimismus wie lange nicht mehr herrscht in der Finanzszene. Die jüngste Umfrage von Pricewaterhouse-Coopers für den Wirtschaftsverband CBI zeigt, dass sich die Geschäfte dort zuletzt so schlecht entwickelten wie seit 1991 nicht mehr. 70 Prozent der Finanzdienstleister erwarten, dass die Kreditklemme noch mehr als ein halbes Jahr anhalten wird.

Ebendiese Klemme spüren die Unternehmen. Entsprechend erwarten die meisten Volkswirte, dass sie ihre Investitionen in diesem Jahr herunterfahren werden. Noch härter trifft es bereits die privaten Haushalte. 2007 haben sie trotz höherer Zinsen und steigender Verschuldung munter weiter konsumiert und damit, wie es ein Volkswirt formulierte, die Schwerkraft geleugnet. Das wird ihnen 2008 nicht mehr gelingen, zumal die Sparquote die niedrigste seit den sechziger Jahren ist.

Der Konsum als zweite Säule der britischen Wirtschaft erlebt das Ende eines langen Booms. Wie schlecht das Weihnachtsgeschäft wirklich war, werden die Zwischenberichte der großen Handelsketten in den kommenden Tagen zeigen. Die Zahlen des Branchenverbandes BRC weisen für Dezember preis- und flächenbereinigt ein Wachstum von nur noch 0,3 Prozent aus. Das ist für den erfolgsverwöhnten Handel eine herbe Enttäuschung.

Für 2008 rechnen die Volkswirte damit, dass die Haushalte nur noch zwischen ein und zwei Prozent mehr ausgeben. Solche Zahlen würden deutsche Einzelhändler noch erfreuen, doch die britischen Kollegen sind Wachstumsraten von drei bis fünf Prozent und mehr gewöhnt.

Ein wichtiger Faktor ist, ähnlich wie in den USA, der Niedergang des überhitzten Immobilienmarkts. Auch hier geht ein langer Boom zu Ende. Während die Preise für Gewerbeimmobilien schon Ende 2007 heftig eingebrochen sind, scheinen sich Wohnimmobilien mit einer sanften Korrektur zu begnügen. Doch von Preissteigerungen von zehn Prozent und mehr auf null oder ein kleines Minus ist ein herber Abstieg. Entsprechend brechen an der Börse neben den Handelskonzernen vor allem die Baufirmen ein.

Bleibt der Staat, der in den zehn Jahren Labour-Regierung kräftig Geld in den Wirtschaftskreislauf gepumpt hat. Schatzkanzler Brown hatte Abermilliarden spendiert, um Premier Blair die versprochenen Investitionen in Bildung, Alterssicherung, Gesundheit und Sicherheit zu ermöglichen. Das Problem ist nur: Ein großer Teil des Geldes ist versickert, ohne dass die öffentlichen Dienstleistungen sich im versprochenen Ausmaß verbessert hätten. Statt in den Boomjahren Überschüsse einzufahren, hat Brown ein Haushaltsdefizit von mehr als drei Prozent auflaufen lassen, eines der höchsten in der EU.

Nun ist Brown endlich Regierungschef und steht vor einem Dilemma: Er will gestalten, muss aber sparen. Ausgerechnet jetzt, wo die Konjunktur abkühlt und seine Umfragewerte sinken, muss er die Ausgaben bremsen. Die sinkenden Steuereinnahmen werden seinen Bewegungsspielraum 2008 weiter einschränken.

Eines ist klar: Die Party ist definitiv vorbei. Großbritannien hat auf Pump geboomt. Nun hat das Land gleichzeitig das zweitgrößte Haushaltsdefizit und das zweithöchste Leistungsbilanzdefizit unter den G7-Staaten. Eine Konsolidierungsphase ist unausweichlich. Staat und Bürger müssen ihre Finanzen sanieren. Doch es besteht kein Grund zur Verzweiflung: Mit seinen offenen, flexiblen Märkten und der Finanzmetropole London wird das Land weiterhin von der Globalisierung profitieren.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf "Zum Home-Bildschirm"

Auf tippen, dann "Zum Startbildschirm hinzu".

×