Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

04.01.2007

05:09 Uhr

Politisch genauso unkorrekt, aber mittlerweile erheblich beliebter ist „Wer hat Angst vorm gelben Mann?“ – China.

Furcht vor der asiatischen Großmacht zählt zu den Gründen dafür, dass die Bundeskanzlerin heute in Washington mit dem amerikanischen Präsidenten über eine verstärkte transatlantische Wirtschaftskooperation reden wird. Chancen hat das Projekt aber gerade, weil sich abzeichnet, dass die Sorge über China zwar ein Auslöser, aber Schutz vor der Großmacht kein Ziel der stärkeren Wirtschaftspartnerschaft sein soll.

Die alte Debatte über eine engere Partnerschaft, eine Freihandelszone oder gar einen Binnenmarkt der beiden größten demokratischen Wirtschaftsräume der Welt entfaltet neuen Charme. Das liegt nicht nur daran, dass sie nun die überzeugte Transatlantikerin Angela Merkel voranbringt. Der Grund ist vor allem, dass sie mittlerweile nicht mehr als verzichtbarer Luxus gilt. Frühere Vorstöße waren häufig am Desinteresse der Supermacht gescheitert: Die Idee gemeinsamer Regulierung und Standardsetzung wurde auf jedem EU-USA–Gipfel begrüßt – und dann zum nächsten Gipfel geschoben. Angesichts des wachsenden Austauschs zwischen beiden Blöcken galt eine kräftezehrende Initiative für die Vertiefung als zu vernachlässigendes Problem.

Die rapide wachsenden Industrien Chinas und Indiens haben jedoch ein Umdenken bewirkt. Allen westlichen Demokratien ist der unerschütterliche Glaube an ihre weitere Dominanz und die stetige Verbreitung ihrer Werte abhanden gekommen. Sogar in den USA ist der Allmachtsglaube verflogen.

Eine Triebkraft ist also schlicht und einfach die Angst, in der Globalisierung abgehängt zu werden. Das nährt bei Amerikanern und Europäern den Wunsch, enger zusammenzurücken. Mühsam suchen sie nun nach Anknüpfungspunkten, um die fast zu selbstverständlich gewordenen wirtschaftlichen Beziehungen wieder mit politischer Dynamik zu versehen. Interventionen und Kriege in anderen Teilen der Welt können das nicht leisten, gefährden eher das Erreichte. Deshalb kommt die Idee, die noch existierenden Hürden für die transatlantischen Wirtschaftskontakte aus dem Weg zu räumen, gerade recht.

Zu lange schien die Kanzlerin falschen Einflüsterern zu erliegen und auf gemeinsame Abschottung gegen Asien zu setzen. Doch nun sollen richtigerweise die Stärken gebündelt und weltweite Standards bei neuen Technologien mitgeprägt werden. All die Handelshemmnisse sollen fallen, die jenseits von Zolltarifen noch bestehen. Es geht dagegen nicht um gemeinsame Schwächen und darum, noch mehr wettbewerbsunfähige Wirtschaftszweige gegen die Konkurrenz aus Asien abzuschotten. Es wird auch kein Bündnis mehr angestrebt, mit dem sich die USA und die EU gegen andere abschotten oder mit dem sie gar multilaterale Handelsrunden unterlaufen. Angesichts der transatlantischen Interessengegensätze im Agrarbereich wäre das ohnehin illusorisch.

Die Initiative mag nicht mehr so ambitioniert klingen wie die frühere Idee einer „Tafta“, einer Freihandelszone. Aber sie hat einen entscheidenden Vorteil: die Chance auf Realisierung.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×