Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

22.01.2007

05:50 Uhr

Hochschulpolitik

Die Bewertungsfrage

VonBarbara Gillmann

"Je forscher die Forschung, desto leerer die Lehre“. Das alte Professorenbonmot erlangt heute neue Aktualität: Der neue Vorsitzende der Kultusministerkonferenz, Berlins Wissenschaftssenator Jürgen Zöllner, will einen Exzellenzwettbewerb für die Hochschullehre organisieren.

Das ist bitter notwendig, auch wenn noch im Nebel liegt, was eigentlich prämiert werden könnte. Die Exzellenzinitiative zur Förderung der Forschung hat international Aufsehen erregt. Sie hat das Image der ersten Eliteuniversitäten enorm gestärkt. Dabei geht es jedoch einzig um die Spitzenforschung. Die Lehre rückt aber noch weiter in den akademischen Schatten. So stellen einige der neuen Eliteunis Spitzenforscher bereits fast völlig von der Lehre frei. Dies kann kaum verwundern, gilt die Lehre vielen Professoren doch traditionell als lästige Pflicht. Für die Karriere relevant sind allein Forschungsergebnisse. Studenten profitieren von der Exzellenzinitiative also allenfalls indirekt über den Renommee-Gewinn „ihrer“ Uni. Ob sie mehr und schneller lernen, ist kein Thema.

Dabei steht der Bereich der Lehre vor enormen Herausforderungen. Schon heute sind die Betreuungsrelationen an deutschen Hochschulen im internationalen Vergleich eher peinlich. Was das konkret bedeutet, spüren unsere Studenten, wenn sie an eine renommierte Uni in den USA gehen können, wo sie von Professoren persönlich betreut werden. Zudem: Sollte die Zahl der Studenten tatsächlich binnen weniger Jahre von heute zwei auf bis zu 2,7 Millionen steigen, wird sich die Lage trotz Hochschulpakt noch verschlechtern. Hinzu kommt, dass die Einführung des Bachelor/Master-Systems nur dann sinnvoll ist, wenn die Studenten intensiver betreut werden. Viele engagierte Forscher klagen jedoch heute schon, dass sie in der Bachelor-Ausbildung „verheizt“ werden.

Völlig unklar ist noch, wie „gute Lehre“ gemessen werden soll. Die simple Auszeichnung besonders charismatischer Professoren allein wäre zu einfach. Ziel muss sein, solche Konzepte zu prämieren, die das System einer Fakultät oder Uni so verändern, dass die Lehre davon profitiert. Dazu gehört etwa, wie eine Uni die Bewertung ihrer Leistung durch die Studenten Gewinn bringend nutzt.Entscheidend wird dabei auch sein, ob es zur Einführung des „Lecturers“ kommt. Auswahl, Stellung und Integration dieser Lehr-Professoren, die sich vorrangig um die Studenten kümmern sollen, werden die Qualität der Lehre maßgeblich bestimmen. Unverzichtbares Kriterium guter Lehre muss der Bezug zur Berufspraxis sein. Bislang scheren sich Professoren oft wenig darum, welches Wissen den Studenten auch dann noch nützt, wenn sie in einem Unternehmen oder gar selbstständig arbeiten. Deshalb kann es von Vorteil sein, wenn sich der Stifterverband der deutschen Wissenschaft am neuen Exzellenzwettbewerb für die Lehre beteiligt. Dieser Verband der Wirtschaft kann die Bedürfnisse der Firmen in die Hochschulen transportieren. Je mehr Professoren die Nöte der Wirtschaft kennen, desto eher können sie diese berücksichtigen.

Das ist aber keineswegs der Normalzustand. So ist etwa die Ausbildung der Juristen noch immer am Beruf des Richters ausgerichtet und Lichtjahre von dem entfernt, was die große Masse derer an Kenntnissen benötigt, die später in Kanzleien und vor allem in Unternehmen arbeiten. Auch die Pharmazeuten werden vorrangig in Richtung Entwicklung von Medikamenten ausgebildet. Ein künftiger Apotheker lernt viel Überflüssiges, aber viel zu wenig, was er zum Führen einer Apotheke benötigt. So werden Ressourcen verschleudert. Generell ist also jeder Ansatz willkommen, der der Lehre an deutschen Hochschulen mehr Anregung und Wertschätzung verschafft. Man kann sich jedoch viel Mühe sparen, wenn man Studenten von Anfang an gezielter auswählt. Ein gut geführtes Unternehmen prüft seinen potenziellen Nachwuchs sehr genau, auch in mehrtägigen Assessment-Centern. Die Masse der Hochschulen scheut solchen Aufwand. Ob jemand für ein Studium geeignet ist, wird, wenn überhaupt, an der Abitur-Note gemessen, Beratung findet nicht statt. Das Ergebnis sind Abbrecherquoten von durchschnittlich 25 Prozent. Auch dadurch werden Ressourcen verschwendet. Wer die Lehre verbessern will, tut also gut daran, zugleich die Auswahl derer, die von ihr profitieren sollen, zu professionalisieren.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×