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25.01.2009

05:58 Uhr

Der erste Mythos war der Glaube, Indien könne sich abkoppeln von den großen Industrienationen. Seine Wirtschaft werde dank einer konsumfreudigen Mittelschicht auch dann noch brummen, wenn in den USA, Europa und Japan der große Jammer regiert. Mehr noch, es wer-de sogar Vorteile aus der Rezession im Rest der Welt ziehen.

Je schlimmer die Krise wird, desto deutlicher erweist sich das als Trugschluss. Indiens Exporte sind eingebrochen. Die Arbeitslosigkeit steigt so schnell wie noch nie. Und die großen Unternehmen, die ihre Expansion der letzten Jahre überwiegend auf Pump finanzierten, leiden massiv unter der Kreditklemme.

Der zweite Mythos handelte vom fabelhaften Aufstieg indischer Unternehmen an die Weltspitze. Er ist zerbrochen an den gefälschten Bilanzen des IT-Dienstleisters Satyam, dem spektakulärsten Wirtschaftsbetrug, den das Land jemals erlebt hat. Und das ausgerechnet in jener Branche, die als Indiens Visitenkarte für gute Unternehmensführung galt.

Beide Entwicklungen sind eng miteinander verwoben. Die Krise deckt gnadenlos die Sünden auf, die sich in den guten Zeiten verbergen ließen. Die USA müssen das bei Madoff erfahren, Indien bei Satyam. Mittelfristig mag diese Katharsis ein besseres Regelwerk hervorbringen. Kurzfristig aber wird sie die Krise weiter verstärken. Das ist der Punkt, an dem Indien steht. Die Wirtschaft rund um den Globus braucht nichts dringender als Vertrauen. Doch Indiens Unternehmen erleiden einen immensen Vertrauensverlust.

Schonungslos hat Satyam das Problem mangelnder Führungskultur auf dem Subkontinent entlarvt. Satyam-Gründer Ramalinga Raju war für viele Inder eine Lichtgestalt. Schockiert müssen sie nun zur Kenntnis nehmen, dass Raju die Erfolgsgeschichte seines Unternehmens über Jahre hinweg nur vorgetäuscht hat. Eine Erklärung dafür, warum der Betrug so lange unentdeckt bleiben konnte, liegt in der immensen Macht der Eigentümerfamilien indischer Großunternehmen. Königen gleich regieren sie ihre weit verzweigten Firmenimperien. Eine kritische Aktionärskultur, die sie zur Offenheit zwingt, gibt es in Indien nicht. Dazu fehlen die großen institutionellen Investoren wie Pensionsfonds in den USA.

Und auch sonst findet sich weit und breit niemand, der den unermesslich reichen Unternehmerfamilien die Stirn bieten würde. Die nach lukrativen Mandaten gierenden Wirtschaftsprüfer nicht, die im Fall Satyam den Bilanzen offenbar blind das Testat gaben. Und auch nicht die Politiker, deren Parteien auf die Wahlkampffinanzierung der Unternehmensmogule angewiesen sind.

Angesichts eines Wirtschaftswachstums von jährlich beinahe zehn Prozent haben ausländische Investoren leichtsinnig darüber hinweggesehen, dass Bad Governance ein zentrales Problem indischer Politik und Unternehmensführung ist, dass Korruption und Vetternwirtschaft allgegenwärtig sind. Jetzt ist das Misstrauen zurückgekehrt. Und mit ihm die bange Frage, ob das durchschnittliche Gewinnwachstum börsennotierter Firmen um das Sechsfache in nur fünf Jahren nicht auf so mancher Luftbuchung beruht.

Indien muss das Vertrauen ausländischer Kapitalgeber zurückgewinnen, das ist das Wirkungsvollste, was es gegen die Krise tun kann. Dazu braucht es keine schärferen Gesetze. Indiens Unternehmensrecht ist besser als das vieler anderer Staaten in Asien. Es müsste nur konsequent durchgesetzt werden. Mit einer politischen Klasse, in der viele selbst das Gesetz nicht achten und ihr Amt zu hemmungsloser Bereicherung nutzen, ist das freilich ein frommer Wunsch.

hauschild@handelsblatt.com

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