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10.01.2008

05:37 Uhr

Italien

Pures Gold

VonKatarina Kort

Stellen Sie sich vor, Sie wollen Ihren Abfall in die Mülltonne Ihres Wohnhauses werfen, doch da ist kein Platz mehr. Der Hausmeister hat einfach den Müll der Nachbarhäuser hineingesteckt und dafür nebenher etwas kassiert.

Seit der Hausmeister diese seltsamen Geschäfte betreibt, beschweren sich die Nachbarn aus den unteren Etagen über Atembeschwerden. Und die neue, versprochene Mülltonne? Die ist immer noch nicht da, weil Mitbewohner Unterschriften dagegen gesammelt haben und die Eigentümerversammlung sich nicht einigen kann.

So in etwa funktioniert Neapel. Die Mülldeponien in der Region Kampanien quellen über, und der stinkende Müll bleibt auf den Straßen liegen. Ähnlich wie bei dem korrupten Hausmeister kommt der Müll auch hier nicht nur aus der eigenen Region. Die im Müll-Business besonders aktive neapolitanische Mafia Camorra entsorgt seit den neunziger Jahren vor allem giftigen Sondermüll aus dem industriellen Norden Italiens in Kampanien – und das oft unter Missachtung sämtlicher Umweltstandards. Die Krebsraten in der Nähe der überfüllten und wenig kontrollierten Deponien im Norden Neapels sind nach staatlichen Angaben in den letzten Jahren um bis zu 80 Prozent gestiegen.

Neue Mülldeponien oder moderne Verbrennungsanlagen, die gleichzeitig zur Energiegewinnung genutzt werden können, gibt es nicht. Bürgerinitiativen, Umweltschützer, Kirchenvertreter und Politiker beider Spektren haben erfolgreich den geplanten Bau oder die Eröffnung solcher Anlagen verhindert. Mitverantwortlich ist auch der heutige Umweltminister Pecoranio Scanio – ein Vertreter der italienischen Ökologen, die Umweltschutz noch immer als Verweigerung alles Neuen interpretieren. Er war entschiedener Gegner der modernen Müllverbrennungsanlage in Accerra im Nordosten Neapels, die bereits 1997 beschlossen wurde und voraussichtlich erst 2009 den Betrieb aufnehmen kann.

Um angesichts der gesundheitsgefährdenden Müllberge wieder für Ordnung zu sorgen, hat Italiens Regierungschef Romano Prodi nun ein Machtwort gesprochen: Neue Verbrennungsanlagen, Militäreinsatz und ein Sonderkommissar sollen innerhalb von drei Monaten die Lage unter Kontrolle bringen. Neue Regeln zur Mülltrennung sollen die Gemeinden innerhalb von 60 Tagen umsetzen, andernfalls werde der Bürgermeister ausgewechselt.

Es war auch höchste Zeit, dass etwas passiert. Das Problem existiert schließlich seit Jahren. In regelmäßigen Abständen flackert es erneut auf. Dann und wann greift die Politik eilig ein, entsorgt den Dreck, und wenige Monate später ist wieder alles wie zuvor. Wird es diesmal anders sein?

Zumindest scheint die Regierung das Problem der fehlenden Deponien und Verbrennungsanlagen diesmal ernsthaft anzugehen. Doch ein wichtiges Problem bleibt: Die neuen Saubermänner in Neapel – angeführt von dem Sonderkommissar und ehemaligen Chef der Staatspolizei Gianni De Gennaro – dürfen sich nicht von den Camorra-Leuten einschüchtern oder manipulieren lassen. Und das ist in Kampanien leichter gesagt als getan, wo die mächtige Camorra Institutionen und Wirtschaft gleichermaßen unterwandert.

Die organisierte Kriminalität gedeiht im Chaos prächtig. Nirgendwo sonst in Italien kann man so viel Geld mit Müll machen wie in Neapel. Je auswegloser die Lage, desto mehr kann man für die Beseitigung verlangen, wie aus dem abgehörten Telefongespräch eines Clan-Mitglieds aus dem Jahr 2003 hervorgeht: „In unseren Händen wird der Müll zu purem Gold.“ Und wer gibt pures Gold schon freiwillig ab?

Auch der italienischen Regierung geht es um Geld. Wenn sie die Lage nicht unter Kontrolle bekommt, setzt sie die 330 Millionen Euro aufs Spiel, welche die EU bis 2013 für die Müllentsorgung in Kampanien zugesagt hat. Am 28. Januar steht Neapels Gestank in Brüssel auf der Tagesordnung.

Für Prodi ist Neapel eine wichtige Bewährungsprobe, die weit über die lokale Bedeutung hinausgeht. Mit Antonio Bassolino und Rosa Iervolino Russo sind die Region Kampanien und die Stadt Neapel fest in der Hand von Prodis Mitte-links-Spektrum. Wenn er das Problem nicht löst, erhält das ohnehin angekratzte Bild seiner Koalition auch auf nationaler Ebene weitere Blessuren.

Nach den gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Anwohnern und Polizei in den vergangenen Tagen ist gestern in den Vororten Neapels zwar wieder Ruhe eingekehrt. Aber selbst wenn die Regierung mit guten Absichten eingreift, die Unterstützung der Bevölkerung ist ihr längst nicht sicher. Nicht einmal der Rausschmiss des korrupten Hausmeisters ist daher ausgemachte Sache. Vielleicht eilen ihm sogar die Bewohner zur Hilfe.

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