Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

19.04.2006

10:05 Uhr

Kommentar

Als Rivale überschätzt

VonAndreas Hoffbauer

Die Chinesen nennen es einen Staatsbesuch. Mit rotem Teppich und allen diplomatischen Ehren. Die Amerikaner reden von einem Arbeitsbesuch. Über Monate wurden vor der viertägigen US-Reise von Hu Jintao über solche Protokollfragen gestritten.

Das Gerangel kann man als Beleg für eine aktuell angespannte Lage zwischen den beiden Supermächten sehen. Doch seit dem historischen Händedruck von Richard Nixon und Mao Tsetung im Jahr 1972 war die Situation nie wirklich entspannt. Selbst der bekennende Amerika-Freund und Hu-Vorgänger Jiang Zemin, der mit allem Pomp vom damaligen US-Präsidenten Bill Clinton empfangen wurde, musste harte Krisen mit den USA ausstehen.

Während Washington China zum Rivalen hochstilisiert und mit Dauerdruck handfeste Lösungen einfordert, sieht sich Peking noch als Neuling auf der weltpolitischen Machtbühne und möchte diese Rolle vor allem für innenpolitische Zwecke nutzen. Der kommunistische Führer Hu Jintao, erst seit 2003 Regierungschef, soll daheim als weltmännischer Politiker präsentiert werden.

Dialog, nicht Druck sei die richtige Umgangsform, heißt es in den Leitartikeln der staatlichen chinesischen Presse. Dort findet man auffallend moderate Töne zum alten Erzfeind USA. Und das hat nicht nur mit der üblichen Schön-Wetter-Propaganda vor der Reise zu tun. China hat momentan wirklich keinerlei Interesse an einer Konfrontation mit den USA. Das belegen jüngste Zugeständnisse wie Importerleichterungen und weitere Finanzmarktreformen.

Im Gegenteil: China braucht Amerika. Wirtschaftlich sind beide längst eng verzahnt. Sicherheitspolitisch verfolgen beide Länder bereits teilweise ähnliche Interessen, weil etwa Chinas Abhängigkeit von Energieimporten zu hoher Aversion gegen regionale oder globale Krisen führt.

Vor allem aber muss Peking erst einmal seine internen Herausforderungen bewältigen. Korruption, Umweltkollaps, soziale Unruhen – allein damit wird Chinas Führung noch auf Jahre beschäftigt sein. Wer China heute auf den Sprung zur aggressiven militärischen Supermacht sieht, verkennt darum die Lage. Peking wird als Rivale der USA völlig überschätzt. Das kann sich sicher ändern, doch kaum in kurzer Zeit. Die vor allem in Amerika verbreitete Angst, China sei eine akute Gefahr für die Welt, verleiht den Führern in Peking eine Aura der Macht, die sie nicht haben. China ist mit der aufgedrängten Rolle einer Weltmacht schon jetzt überfordert, wie bei Entscheidungen im UN-Sicherheitsrat oder bei der Vermittlung in der Nordkorea-Runde erkennbar wird.

So falsch es ist, Peking blind das eigene Bild der friedlich aufsteigenden Großmacht abzunehmen, so falsch ist es auch, China zu verteufeln. Die Chinesen selbst sehen ihre Rolle durchaus realistisch. Sie wissen, dass es in ihrem Reich momentan kräftig im Gebälk kracht. China stellt deshalb kein Risiko als globaler US-Rivale dar. Die Gefahr liegt eher in der Überschätzung eines Landes, dass bei aller Größe noch am Anfang steht.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×