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14.09.2012

12:08 Uhr

Kommentar

Amerikas Dilemma in Nahost

VonMarkus Ziener

Seit Jahren fließen Unsummen aus den Kassen der USA nach Kairo. Auch jetzt noch – denn Ägypten ist der Schlüssel zur Dauerkrisenregion in Nahost. Einfluss haben die USA dadurch aber noch lange nicht.

Markus Ziener ist Co-Chef des Ressorts Meinung beim Handelsblatt. Pablo Castagnola

Markus Ziener ist Co-Chef des Ressorts Meinung beim Handelsblatt.

Zwei Milliarden Dollar überweisen die USA jedes Jahr nach Kairo. Das taten sie, als der ägyptische Präsident ein enger Verbündeter war und Hosni Mubarak hieß. Und das tun sie auch jetzt noch unter einem Präsidenten Mohammed Mursi, der der islamistischen Muslimbruderschaft angehört. Damit erhält nur Israel noch mehr Geld aus der Kasse der USA.

Doch die Reaktionen Kairos auf die gewalttätigen Proteste gegen die US-Botschaft in der ägyptischen Hauptstadt waren lau, um nicht zu sagen feindlich. Nur halbherzig schützten ägyptische Sicherheitskräfte die Diplomaten, als die Attacken heftiger wurden. Und Mursi selbst benötigte 24 Stunden, um eine windelweiche Erklärung zu den Übergriffen abzugeben. Das ist es, was Washington langfristig besorgt machen muss - bei aller Tragik um die Toten von Bengasi.

Denn Ägypten ist noch immer der Schlüssel zu einer Dauerkrisenregion. Deshalb halten die USA auch nach der politischen Wende am Nil an Kairo fest. Washington war es, das im Juni an die ägyptischen Militärs appellierte, die Macht an den frischgewählten zivilen Präsidenten zu übergeben - an Mohammed Mursi. Es sind die USA, die den arabischen Frühling dort nach anfänglichem Zaudern seither klar unterstützen - auch wenn sich Washington damit bei Israel unbeliebt macht. Und es ist Barack Obama höchstpersönlich, der jetzt den Kongress um einen Schuldenverzicht in Höhe von einer Milliarde Dollar bitten wollte - zugunsten von Ägypten.

Doch Mohammed Mursi lebt in seinem eigenen Kosmos. Und auf den - auch das ist eine Erkenntnis dieser Woche - haben die USA, wenn überhaupt, nur sehr begrenzten Einfluss. Daraus aber folgt noch Weiteres: Mit einem militärischen Eingreifen Washingtons im Syrien-Konflikt ist nach dieser antiamerikanischen Gewaltwelle noch viel weniger zu rechnen. Denn drei Jahre nach der Rede von Obama in Kairo, die einen Neuanfang im Mittleren Osten einleiten sollte, verfügen die USA heute über eine noch geringere Rückendeckung als zuvor. Das aber ist kein Versagen dieses US-Präsidenten. Es sind die Folgen einer amerikanischen Politik, die über Jahrzehnte Machterhalt vor Demokratie, Härte vor Menschenrechte setzte. Und die gerade deshalb noch lange unter einem Glaubwürdigkeitsproblem leiden wird.

Diesen eigentlichen Kern des amerikanischen Dilemmas hat Mitt Romney indes noch nicht erkannt. Mit verdrehten Fakten schoss er kurz nach Bekanntwerden des Todes des US-Botschafters in Libyen, Chris Stevens, gegen Obama. Dem hielt er vor, die US-Regierung hätte mit den Angreifern in Bengasi gar noch sympathisiert. Das aber war nicht nur sachlich falsch. Es demonstrierte auch seinen eigenen Parteifreunden ein erschreckend hohes Maß an außenpolitischer Inkompetenz. Das alles wäre nicht weiter schlimm, wenn Romney nicht Obamas Job wollte - und am 6. November auch kriegen könnte.

Kommentare (1)

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South

14.09.2012, 23:29 Uhr

Haben Sie als Leser diese Entwicklung vorausgesehen? Ich schon und Sie vermutlich auch.
Nur unsere westlichen Medien haben noch vor ein paar Monaten den „arabischer Frühling“ unkritisch bejubelt. Während man uns von Demokratie und Menschenrechten erzählte veränderte sich der Frühling längst zum eisigen Winter.

Als einer der in der Region gelebt hat, muss ich mich jedes Mal über die Naivität und das mangelnde Verständnis der deutschen Medien wundern. Auch Herr Markus Ziener scheint keine Ahnung zu haben, was sich in der ganzen arabischen Welt gerade zusammenbraut und was die Ursachen dafür sind. Die Israelis, die in diesem Pulverfass leben und um ihre Existenz bangen müssen, haben uns genau davor gewarnt, aber wir haben ihnen nicht richtig zugehört. Warum, vermutlich weil die Realität des politischen Islams nicht in unser Weltbild und in unseren Zeitgeist passt.

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