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11.07.2012

07:01 Uhr

Kommentar

Chefetage mischt sich in Euro-Debatte ein

VonTorsten Riecke

Nun wird der Euro zur Chefsache: Unternehmer und Manager der deutschen Wirtschaft sprechen zwar nicht mit einer Stimme - aber sie füllen das politische Vakuum. Viele fürchten die Kosten eines Zusammenbruchs der Euro-Zone.

Die Wirtschaftselite wägt Kosten und Nutzen der Währungsunion ab. dapd

Die Wirtschaftselite wägt Kosten und Nutzen der Währungsunion ab.

Die Debatte über den Euro ist endlich dort angekommen, wo sie (auch) hingehört: auf der Chefetage der deutschen Wirtschaft. Erst haben die Unternehmer und Manager ihre Verbandsfürsten vorgeschickt, jetzt mischen sie sich persönlich in die Debatte über das Schicksal der Gemeinschaftswährung ein. Mittelständler wie Heinrich Weiss sowie Chefs von Dax-Konzernen wie Peter Löscher von Siemens und Michael Diekmann von der Allianz ergreifen jetzt das Wort.

Zuvor hatten bereits Linde-Chef Wolfgang Reitzle und Bosch-Ikone Franz Fehrenbach Stellung bezogen. Dass sie dabei nicht mit einer Stimme sprechen, ist kaum verwunderlich. Wie in der Politik und im Volk gehen auch in der Wirtschaft Meinungen und Interessen in dieser Frage weit auseinander. Entscheidend ist, dass die Debatte endlich offen ausgetragen wird. Sie hilft, das öffentliche Vakuum zu füllen, das eine sprachlose Politik hinterlässt. Ein Eindruck übrigens, der Bundespräsident Gauck dazu veranlasst hat, die Kanzlerin zu einer besseren Erklärung ihrer Politik aufzufordern.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.

Der Autor

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.

In der Wirtschaft verlaufen die Fronten keineswegs geradlinig zwischen euroskeptischen Großen und euroskeptischen Kleinen. Die Einteilung in angestellte Manager, die ohne den Euro um ihre Auslandsmärkte fürchten, und vollhaftende Familienunternehmer, die durch eine Schuldenunion ihr unternehmerisches Vermächtnis in Gefahr sehen, ist zu simpel. Ein besseres, wenn auch kein abschließendes Bild liefert der Handelsblatt Business-Monitor. Danach wollen drei Viertel der fast 650 repräsentativ befragten Führungskräfte auf jeden Fall den Euro erhalten. Wobei man das „Auf jeden Fall“ besser nicht als „Koste es, was es wolle“ lesen sollte.

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Allerdings kann man davon ausgehen, dass die Wirtschaftselite Kosten und Nutzen der Währungsunion sehr kühl und gründlich gegeneinander abwägt. Und diese Güterabwägung dürfte auch der Grund dafür sein, dass Unternehmer und Manager jetzt ihre Zurückhaltung aufgeben und sich in die Arena der Euro-Debatte wagen. Hat doch der Sachverständigenrat gerade errechnet, dass ein Auseinanderbrechen der Euro-Zone Deutschland die kaum vorstellbare Summe von rund 3,3 Billionen Euro kosten würde. Jeder kann ableiten, was das für Unternehmen, Mitarbeiter und Aktionäre bedeuten würde: Ergebniseinbrüche, Entlassungen und Kursverluste.

Zitate von Spitzenpolitikern zur Krise

Angela Merkel 2005

"Ich halte zum Beispiel den Weg, dass Europa immer nur Kompetenzen hinzubekommen kann, aber nie etwas an die Nationalstaaten wieder zurückgibt, für überprüfungsbedürftig." (im Interview mit der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" vom 24. Juni 2005, damals noch als Oppositionsführerin)

Angela Merkel 2009

„Wir können mit guten Gründen hoffen, dass Deutschland diese Krise meistern wird; dass unser Land stärker aus ihr hervorgehen wird, als es in sie hinein gegangen ist; dass sich eine solche Krise nie mehr wiederholt.“ (in ihrer Neujahrsansprache am 31. Dezember 2009)

Angela Merkel 2010

„Der Euro hat sich als krisenfest bewährt.“ (Regierungserklärung vor dem Bundestag am 15. Dezember 2010)

Angela Merkel 2011

"Irische Sorgen sind slowakische Sorgen, griechische Sorgen sind niederländische Sorgen, spanische Sorgen sind deutsche Sorgen, oder italienische, wie immer man es nimmt." (am 9. November 2011 auf einer Konferenz in Berlin zur europäischen Schuldenkrise)

Angela Merkel 2012

"Solange ich lebe." (über die Dauer ihres Widerstands gegen jegliche Vergemeinschaftung von Schulden, so gesagt nach Teilnehmerangaben bei einer Sitzung der FDP-Bundestagsfraktion am 26. Juni 2012)

Wolfgang Schäuble 2011

"Wir Menschen neigen dazu, alles zu übertreiben. Vielleicht sind wir auch jetzt in der Gefahr, selbst die Sorgen wegen dieser Krise zu übertreiben." (am 13. September 2011 in München zur EU-Schuldenkrise)

Wolfgang Schäuble 2011

"Ich glaube, dass wir in den nächsten zwölf Monaten soweit sind, dass wir die Ansteckungsgefahren gebannt und die Eurozone stabilisiert haben werden." (am 30. Dezember 2011 im "Handelsblatt")

Wolfgang Schäuble 2012 - im März

"Es gibt nicht den Hauch einer Chance, dass sich das wiederholt." (am 9. März 2012 in Berlin zum "einzigartigen" Umschuldungsfall Griechenland. Andere Länder mit zu hohen Schulden wie Irland, Spanien und Portugal würden ihre Probleme selbst schrittweise lösen)

Wolfgang Schäuble 2012 - im Mai

"Die Spanier sagen: Wir schaffen es alleine und ich glaube ihnen das." (am 5. Mai im "Focus"-Interview auf die Frage, ob Spanien als viertes Land unter den Euro-Rettungsschirm genommen werden müsse; am 25. Juni revidierte Madrid seine Meinung und stellte einen Hilfsantrag)

Peer Steinbrück 2008

"Generell muss man wohl sagen, dass gewisse Teile der marxistischen Theorie doch nicht so verkehrt sind. (...) Ein maßloser Kapitalismus, wie wir ihn hier erlebt haben mit all seiner Gier, frisst sich am Ende selbst auf." (am 29. September 2008 im "Spiegel" über die Finanzkrise)

Peer Steinbrück 2009

"Ich halte nichts davon, irgendeine Scheingenauigkeit zu bringen. Nach dem Motto, die Finanzmarktkrise ist am 31. August um 17.37 Uhr beendet. Die ehrliche, vielleicht unbefriedigende Antwort lautet, das weiß keiner." (am 22. Februar 2009 in der ARD-Sendung "Bericht aus Berlin")

Philipp Rösler 2011

"Ich schließe aus, dass es mit dieser Bundesregierung Euro-Bonds geben wird." (am 20. August 2011 in der "Bild am Sonntag")

Mariano Rajoy 2012

"Es wird keine Rettung des spanischen Bankensektors geben." (am 28. Mai 2012 in Madrid; vier Wochen später beantragte er Hilfen aus dem Euro-Rettungstopf zur Rekapitalisierung der angeschlagenen Banken)

Mario Monti 2012

"Italien wird auch künftig keine Hilfen nötig haben. Und wenn es um Hilfe bitten müsste, dann hieße das, dass ein Fehler im System liegt." (im Interview mit der "Süddeutschen Zeitung vom 22. Juni 2012)

Das bedeutet im Umkehrschluss nicht, dass wir zu einer Schuldenunion verdammt sind. Aber die Kosten eines Zusammenbruchs der Währungsunion gegen die ebenfalls enormen Rettungshilfen abzuwägen ist eine unabdingbare Voraussetzung für eine rationale Debatte über den Euro. Dass dies keineswegs Sandkastenspiele sind für ein nur theoretisches Restrisiko, kann man an den Märkten ablesen: Dort blinken erneut alle Warnlampen.

Die wirtschaftliche Güterabwägung ersetzt nicht die politische. Und die gehört ebenfalls zur Debatte, auch wenn sie sich nicht auf den Cent genau berechnen lässt.

Kommentare (12)

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rxm

11.07.2012, 07:40 Uhr

„Hat doch der Sachverständigenrat gerade errechnet, dass ein Auseinanderbrechen der Euro-Zone Deutschland die kaum vorstellbare Summe von rund 3,3 Billionen Euro kosten würde“
Wie kommt denn diese Summe zustande? Kann das mal jemand genauer erklären? Und woher wissen diese Sachverständige, was uns die sogenannte Euro-Rettung noch kosten wird?

Sorry, aber DAS ist billige Panikmache.

Diejenigen, die für den unbedingten Erhalt des Euro sind, sollen bitte auch mal sagen, was sie dafür bereit sind zu geben. Von ihrem eigenen Einkommen und Vermögen versteht sich.

DieGierigen

11.07.2012, 07:49 Uhr

Dann sollen diese "Manager" auch persönlich mit Ihrem Vermögen haften!
Doch diese Frage wurde sicherlich nicht gestellt.
Jeder Rentner haftet heute schon mit seinem Erspartem.

Account gelöscht!

11.07.2012, 07:52 Uhr

Hieß es nicht auch, das ein Schuldenschnitt Griechenlands nicht schulterbar sei? Griechenland hat einen Schuldenschnitt bekommen und passiert ist nichts.

Alle Euro-Befürworter schwenken die Drohkeule, können aber nichts davon belegen. Es gibt keine verlässlichen Zahlen für den Erhalt des Euros oder dagegen. Aber es gibt eine Menge an Argumenten gegen den Euro.

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