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20.04.2012

18:22 Uhr

Kommentar

Der Kulturkampf der Notenbanker ist entbrannt

VonTorsten Riecke

Zwischen der Europäischen und der Zentralbank Bundesbankliegen derzeit Welten. Während sich die einen als Krisenmanager sehen, fühlen sich die anderen als Stabilitätshüter. Langsam bricht ein Kulturkampf aus.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.

Der Autor

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.

FrankfurtZu Fuß sind es von der Bundesbank zum Eurotower der Europäischen Zentralbank (EZB) nur fünf Kilometer. Im Geiste liegen jedoch Welten zwischen den beiden Notenbanken. Hier die smarten Krisenmanager der EZB, die bewusst die Grenze ihres Stabilitätsauftrags überschreiten, um die Euro-Zone zusammenzuhalten. Dort die Stabilitätsapostel der Bundesbank, die bis zum Platzen Wut über die „Tauben“ im Eurotower aufgestaut haben. Deshalb wollen sie die Rettungsmaßnahmen ihrer EZB-Kollegen nicht länger mit eisigem Schweigen ertragen. Inzwischen spricht man bei den Nachlassverwaltern der D-Mark ganz offen über den, ja, „Kampf der Kulturen“ mit den Nachbarn.

EZB-Chef Mario Draghi und Bundesbanker Jens Weidmann können den seit langem gärenden Dauerkonflikt selbst mit ihrer leisen Tonart nicht länger unter der Decke halten. Zu groß sind die Gegensätze. Während die EZB über eine Wiederaufnahme des umstrittenen Aufkaufs von Staatsanleihen nachdenkt, pocht man bei der Bundesbank auf einen „Exit“ aus dem Krisenmodus: Innerhalb eines Jahres müsse die EZB den Weg zurück in die stabilitätspolitische Normalität weisen, lautet die unmissverständliche Forderung im Hause Weidmann. Zwar hat man dort die Hoffnung, dass es tatsächlich dazu kommt, noch nicht aufgegeben, doch allein es fehlt der Glaube. Und geradezu vernichtend ist das Urteil über den Italiener an der EZB-Spitze, Mario Draghi. Altbundesbanker schütteln ratlos den Kopf: Wo ist dessen Linie?

Der pragmatische Ad-hoc-Stil Draghis ist den deutschen Ordnungshütern ein Graus. Tatsächlich hat sich die EZB mit ihren unkonventionellen Anleihekäufen und Liquiditätshilfen so hoffnungslos im Rettungsdschungel verstrickt, dass die deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute längst deren Unabhängigkeit in Gefahr wähnen. Die Bundesbank fürchtet zudem, dass der Geist der Inflation längst aus der Flasche ist.

Während dem Konjunkturmotor Deutschlands eine kalte Zinsdusche gerade recht käme, wäre genau das der finale Stoß in den wirtschaftlichen Abgrund für die südeuropäischen Schuldenländer. Doch gegen die Mehrheit der Südländer wird sich Weidmann genauso wenig durchsetzen wie Jürgen Stark oder Axel Weber.

Unterstützung von seinem Studienfreund Jörg Asmussen erhält er dabei auch kaum. Jetzt rächt es sich, dass die Kanzlerin einen geschmeidigen Politmanager statt eines stabilitätspolitischen Schwergewichts ins EZB-Direktorium entsandt hat. „Taube“ ist noch das freundlichste Urteil, das man in konservativen Notenbank-Kreisen über Asmussen serviert bekommt.

Die einzige Verbündete der Bundesbanker bleibt die Kanzlerin. Noch. So kommt es zu einem bemerkenswerten Rollentausch: War es früher die Bundesbank, die die deutsche Stabilitätskultur über ihre Geldpolitik durchsetzte, muss nun die deutsche Politik die Stellung halten. Den Bundesbankern kann das kaum recht sein. Ist ihnen doch die Unabhängigkeit von der Politik genauso heilig wie ihr Stabilitätsauftrag.

Kommentare (30)

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Account gelöscht!

20.04.2012, 18:50 Uhr

@ "Doch gegen die Mehrheit der Südländer wird sich Weidmann genauso wenig durchsetzen wie Jürgen Stark oder Axel Weber"
Müßte es nicht besser heißen:
Doch gegen die Mehrheit der Südländer, sowie Merkel, Schäuble, Gabriel, Steinbrück, Trittin, die (in dieser Sache) vor sich hindämmernden deutschen Abgeordneten und das Bundesverfassungsgericht wird sich Weidmann genauso wenig durchsetzen wie Jürgen Stark oder Axel Weber??



Account gelöscht!

20.04.2012, 19:00 Uhr

Wir haben keinen Kulturkampf, sondern einen Putsch der Süd- und Krisenländer, die uns immer unverblümter finanziell ausplündern. Auf der einen Seite die Rettungsschirme, die uns bereits viele Hundert Millarden an Euros kosten werden, daneben aber auch die immense Geldvermehrung der Druckerpressen, das Verleihen von 1. Billion (!) Euro an europäische Krisenbanken (und tschüss liebes Geld) sowie die fatalen Target2-Ausstände von 600 Mrd. Euro. Das zusammen ist eine Katastrophe, die in ihrer Wirkung weit über den schmerzhaften Auswirkungen des Aufbau Ost hinausreichen wird. Wir sind im Wirtschaftskrieg und Deutschland kapituliert komplett. Am Ende werden wir unsere Hochtechnologie-Wirtschaft komplett verlieren. Asien freut sich!Europa erlebt ein verlorenes Jahrzehnt, Deutschland erlebt in der EU und im Euro sein Waterlow

uwe-der-fotograf

20.04.2012, 19:16 Uhr

Also ich finde Draghi und die neue lockerere EZB Klasse, einfach weil sie tun, was im Augenblick zu tun ist, um grösseres Unheil zu vermeiden.

Die Bundesbank-Korinthenkacker sollten sich darauf beschränken ihre Bleistifte auf den Schreibtischen exakt auszurichten und von vergangenen Zeiten zu träumen, als Ordnungspolitik und Stabilitätspolitik noch wichtiger als unser Schicksal waren und sie selber noch nicht als Dinosaurier enttarnt waren.

Ich hoffe jedenfalls, dass deren Zeit endgültig vorbei ist und sich die EZB noch mehr dem Verhalten der FED annähert.

Ausserdem bin ich der Ansicht, dass man für einen begrenzten Zeitraum (vielleicht 4 Jahre) das Inflationsziel von 2 auf 4 Prozent anheben sollte, um so zumindest die Verschuldung teilweise "weg-zu-inflationieren".

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