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27.09.2012

17:07 Uhr

Kommentar

Der Machiavelli aus der Pfalz

VonRüdiger Scheidges

Ob Helmut Kohl als großer Europäer in die Geschichte eingehen wird, ist noch ungewiss. Sicher ist aber, dass er die deutsche Wiedervereinigung überaus erfolgreich gemanagt hat. Dafür wird er heute zu Recht gefeiert.

In Bonn war Helmut Kohl ein alles beherrschender Koloss. dapd

In Bonn war Helmut Kohl ein alles beherrschender Koloss.

Ein Homo oeconomicus war Helmut Kohl nie. Für den leidenschaftlichen, vor Ehrgeiz lodernden Homo politicus waren es die großen Linien, kaum die Details, die ihn packten. Schon als junger Mann begriff er sich als der politische Enkel Adenauers, und der Ministerpräsident in der Staatskanzlei in Mainz inszenierte sich schnell als solcher. Als Bundeskanzler in Bonn trat er vor 30 Jahren am 1. Oktober 1982 in dessen große Fußstapfen.

Selbstzweifel plagten Kohl kaum, weder als man ihn als „Birne“, „Dicken“ oder „Oggersheimer“ schmähte. Kohl hat, bevor er alles, nein: fast alles aussitzen konnte, viel einstecken müssen. Denn nicht nur die „Sozen“ und die Grünen verhöhnten ihn. Auch CSU-Chef Franz Josef Strauß hatte ihm derb und öffentlich „jede“ Kompetenz für die Bundespolitik abgesprochen. Doch an Kohls gewaltiger Fassade, zuletzt drei Zentner schwer, schien alles abzuprallen, was dem Mann aus der BASF-Stadt Ludwigshafen, dem „Chicago der Pfalz“, an Beleidigungen entgegengeschleudert wurde.

Dass er einmal 16 Jahre lang die Geschicke der Bundesrepublik Deutschland leiten sollte, glaubte außer ihm keiner. Doch die Zweifel kamen nicht von ungefähr: Es war vor allem das Provinzielle, dem er so beharrlich mit seiner fast demonstrativen Mundart ohne „t“ und ohne „sch“ nuschelnd huldigte - und das andere ihm als Stigma anhefteten. Und Strauß schien ja recht zu behalten: Seine erste volle Amtsperiode, nachdem ihn das Misstrauensvotum gegen Helmut Schmidt (SPD) ins Amt gespült hatte, war ein Flop. Zumindest wenn man Kohls eigene Maßstäbe anlegt: eine Abkehr von der „vaterlandslosen“ Politik Schmidts, so wie es Hans-Dietrich Genscher ja im Jahre 1981 in seinem Wendebrief als Kurs einer schwarz-gelben Koalition vorgegeben hatte.

Kaum etwas aber hat „der schwarze Riese“ damals bewegt, vielmehr hat er wie Schmidt die Raketenstationierung betrieben und in der Wirtschafts-, Sozial- und Innenpolitik höchstens kleine Akzente gesetzt. Die stetig steigende Staatsverschuldung nahm er wie ein Naturgesetz hin. Kohl gab gerne Geld aus, sein bestes Mittel, in Bund und Ländern Loyalitäten zu sichern. Doch wieder war es eher eine Idee, eine Leitlinie, die ihn antrieb, die er aber kaum mit politischer Energie aufladen konnte: die von ihm annoncierte politisch-moralische Wende. Die so versprochene „konservative Revolution“ trat indes nie ein, wurde böse verhöhnt und seiner biederen Herkunft aus der Pfalz angelastet.

Twitter und Facebook: Was dem Netz zu Altkanzler Kohl einfällt

Twitter und Facebook

Was dem Netz zu Altkanzler Kohl einfällt

In diesen Tagen wird Helmut Kohls 16-jährige Kanzlerschaft gefeiert. Deswegen haben wir nachgefragt: Soli, Einheit, Merkel, Saumagen, Maastricht - was fällt den Facebook- und Twitter-Nutzern zum Altkanzler ein?

Die Spötter verkannten, dass genau diese Qualität ihn bei der Mehrheit der Deutschen so beliebt machen würde. Im Laufe der Jahre aber brachte der Politiker, der sich noch dem zartesten Hauch von Zeitgeist entzog, erstaunliche Entwicklungen in Gang - außenpolitisch. Seine auf Versöhnung gepolte, ja: Freundschaft mit dem sozialistischen Präsidenten François Mitterrand überraschte jene, die ihn zu Hause als großen Polarisierer erlebten und ihn automatisch in der Nähe der Eisernen Lady, Margaret Thatcher, der Gebieterin über das Vereinte Königreich, verorteten. Die Tatsache, dass beide, Mitterrand ebenso rücksichtslos wie Thatcher, die Wiedervereinigung hintertrieben, hat den Herzenseuropäer womöglich irritiert.

Abbringen von seinem beharrlichen Weg konnten die beiden ihn, der Europa als Alternative zum Nationalstaat sah, nicht. Doch die Konsequenz aus dieser Überzeugung, die Politische Union, verfolgte er nie. Ob Kohl als „Kanzler der Einheit„ und „großer Europäer“ Geschichte geschrieben hat, ist ungewiss. Seine diesbezüglichen Leistung wurden zwar bereits früh bezweifelt, doch die skeptischen Stimmen schwellen nunmehr an. Zuletzt hat der Historiker und Adenauer- wie Kohl-Biograf Hans-Peter Schwarz diese Nobilitierung infrage gestellt.

Rüdiger Scheidges ist Handelsblatt-Korrespondent in Berlin.

Rüdiger Scheidges ist Handelsblatt-Korrespondent in Berlin.

Unbestreitbar aber bleibt: Als Kanzler war er der erfolgreiche Manager der Wiedervereinigung. Er war schließlich auf diese Rolle geeicht, nicht nur ideologisch: In der Geschichte der Bundesrepublik hat es kaum einen solch beharrlich, durchtrieben und doch diskret agierenden Machtmenschen im Kanzleramt gegeben, der durch Kooptation und Begünstigung einerseits und Abstrafung sowie Ächtung andererseits seine Macht so virtuos ausweitete.

Die bald schon routinierte Durchtriebenheit hat ihn am Ende selbst verführt. Das über lange Jahre heimlich erbaute Schattenreich mit den so raffiniert wie perfide („jüdische Vermächtnisse“) getarnten Schwarzgeldkonten war eine Manifestation der Pervertierung der „Bimbes“-Politik, ein noch heute erschütternder Beleg dafür, wie der Machiavelli aus der Pfalz nicht nur andere an sich kettete, sondern sich selbst in den Fangstricken seines exorbitanten Machttriebs verfing. Kohl hebelte sich selbst völlig und die CDU so weit aus, dass er in der Berliner Republik vom alles beherrschenden Koloss am Rhein zum politischen Zwerg mutierte.

Kommentare (23)

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Scheibenwischer

27.09.2012, 17:48 Uhr

Helmut Kohl wird als der größte Verbrecher, den es in Deutschland je gegeben hat, in die Geschichte eingehen.

Niemand hat den Deutschen absichtlich so viel Schaden zugefügt wie Helmut Kohl (...)

+++ Beitrag von der Redaktion editiert +++

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Wessi

27.09.2012, 17:54 Uhr

Es ist mir unbegreiflich wieso jemand wie Helmut Kohl, der mit seiner Haltung in Sachen "schwarze Koffer" unser Grundgesetz, dass die Offenlegung der Parteispenden vorschreibt, missachtet hat, so hofiert wird. Darüber hinaus ist die Deutsche Einheit angesichts der Probleme die wir heute haben, insbesondere der Chancenunterschiede alles ander als gut gemanagt. Den Haupttiel daran hatten übrigens über Jahrzehnte diejenigen, die unter Gefahr für Leib und Leben sich für Freiheit eingesetzt haben. Nicht zu vergessen diejenigen, die so zahlreich friedlich demonstrierten. Kohl war halt zufällig Kanzler nicht mehr und nicht weniger.

Machiavelli

27.09.2012, 17:59 Uhr

Der Morgenthau-Plan oder warum Europa verblutet.
Die Euro- und EU-Verträge, von der deutsch-französische Achse entworfen und durchgesetzt, führen zu eine Art Morgenthau-Plan für die Peripherieländer der Währungsunion.
Die wirtschaftlich schwache Euro-Länder werden, weil ihre Wirtschaft gegen die stärkere Wirtschaften nicht geschützt ist, immer schwächer. Dies führt dazu dass vielen jungen und gut ausgebildete Menschen aus diesen Länder keine andere Alternative bleibt als Europa den Rücken zu kehren und ihr Glück auf andere Kontinente zu suchen.
Diese Hämorrhagie ist nicht nur eine menschliche Tragödie aber auch wirtschaftlich nachteilig für Europa. Bedingt durch den permanenten deutschen Leistungsbilanzüberschuss, ist der Euro für die meisten andere Euro-Länder überbewertet und erschwert diesen Ländern Exporte und bremst deren Importe nicht ab. Folge: Wirtschaftlicher Niedergang. Der führt dann zu geringeren Staatseinnahmen, die wiederum zu einer höheren Verschuldung, die wiederum zu höheren Zinsen für das Land und seine Wirtschaft.
Niemand soll sagen, dass diese Dinge nicht absehbar gewesen seien - dass ist Ökonomie-Grundstudiums-Wissen.
Was Europa braucht sind Vertragsänderungen die zu einer Wirtschaftskonvergenz innerhalb der Währungsunion führen und zu einer horizontalen Arbeitsteilung, Vertragsänderungen die den natürlichen Standortsnachteile der Peripherieländer berücksichtigen und entgegen wirken.
Es geht um Europa, nicht um Deutschland das aber nur Teil davon ist!

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