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29.07.2012

10:00 Uhr

Kommentar

Der Wert des Vermögens

VonOliver Stock

Es lohnt sich nicht, Vermögende zur Kasse zu bitten. Europa wäre mehr geholfen, wenn Reiche wissen, wozu sie ihr Geld verwenden können. Ein Kommentar von Oliver Stock.

Oliver Stock, Chefredakteur Handelsblatt Online Pablo Castagnola

Oliver Stock, Chefredakteur Handelsblatt Online

Es war einmal ein alter, reicher Mann. Der hatte nur eine Tochter. Als sie sich in einen armen Burschen verliebte, schickte der Mann den hoffnungsvollen Bräutigam zur Sonne. Er sollte fragen, warum sie nicht auch in der Nacht scheine. Fände er keine Antwort, bekäme er nicht seine Tochter zur Frau und mit dem Reichtum würde es auch nichts.

Reiche sind geizig, ist die erste Lehre, die dieses Märchen bereit hält. Vermögende müssen dazu gebracht werden, etwas von ihrem Reichtum abzugeben, lautet die Schlussfolgerung, die einige märchenbewanderte Politiker daraus ziehen. François Hollande zum Beispiel, der französische Präsident möchte einen Teil des Vermögens der Reichen mit einem Steuersatz von 75 Prozent belegen.

Auch in Deutschland diskutiert der eine oder andere Retter Europas darüber, ob es nicht die Millionäre sein könnten, die etwas abgeben, damit der Staat stabiler dasteht. Und da in der Eurokrise besonders auffällt, wie klamm die Staaten sind, gewinnt die Diskussion an Schärfe. Und tatsächlich ist ja etwas daran, an dem Gedanken, dass beispielsweise Erben, die keinen Handschlag für ihr Vermögen getan haben, von diesem Geld mehr zum Gedeihen des Staates einzahlen könnten, als solche die jeden Cent im Schweiße ihres Angesichts erarbeitet haben. Können Reiche Europa retten?

Sie können es nicht. Und wer ernsthaft versucht, den Gedanken in die Tat umzusetzen, wird scheitern. Er wird Europa einen Bärendienst erweisen.

Das liegt ein bisschen daran, dass Geld ein scheues Reh ist. Es hat die Neigung zu verschwinden, wenn es jemand entdeckt. Nichts ist beweglicher als Kapital, das mit einem Knopfdruck außer Landes geschickt werden kann.

Es liegt ein bisschen auch daran, dass es so schwierig ist, das Geld der Reichen zu zählen und eine Grenze festzulegen, ab der der Staat zugreifen darf. Zählt nur Bares oder auch Aktien? Und wenn Aktien zählen, verkaufen nicht alle ihre Unternehmensanteile, um der Steuer zu entgehen? Zählt überhaupt Vermögen dazu, das in Unternehmen liegt, und dort vermutlich weit mehr zum Funktionieren unserer Gesellschaft beiträgt, als wenn es in der Staatskasse versickert? Und was ist mit dem Haus, das inzwischen mehr als eine halbe Millionen Euro wert und abbezahlt ist? Eine Familie hatte es einst zur Altersvorsorge gekauft. Sein Gegenwert in Euro trägt inzwischen dazu bei, das alte Ehepaar, das darin lebt, zu Millionären zu machen - und zu solchen, die einer verschärften Steuer unterlägen.

Es liegt auch ein bisschen daran, dass soviel mehr nicht reinkommt, wenn die Millionäre stärker zur Kasse gebeten werden. Schon jetzt tragen jene 50 Prozent in Deutschland, die mehr verdienen, gut 90 Prozent zum Steueraufkommen bei. Die untere Hälfte schafft keine zehn Prozent. Was wir erleben, ist bereits eine massive Umverteilung von oben nach unten. Und nicht umgekehrt, wie uns so viele einreden wollen.

Doch das sind nicht die wahren Gründe. Es stimmt: Das alles ließe sich vermutlich regeln, wenn wir es nur wollten. Dennoch können die Reichen nichts ausrichten, wenn sie mit Zwang zum zahlen angehalten werden. Denn eine Zahlungsaufforderung, die allein auf dem Motiv beruht, dass der, der bezahlen soll, viel hat, entspricht einer Enteignung. Und nichts wirkt demotivierender als eine Enteignung.

Wir verdienen Geld, um unserer Lebensunterhalt zu verdienen. Wer mehr verdient, als er braucht, leistet sich mehr, was er nicht wirklich braucht - aber was er begehrt. Er spart, vielleicht fördert er die, die ihm nahestehen. Er bringt sein Geld da hin, wo es sich vermehrt. Das sind dann Anlageprodukte, die, wenn sie etwas taugen, aus Geld durch den chemischen Zusatz von Arbeit und Ideen mehr Geld machen. Wenn allerdings der Staat eingreift, um große Vermögen zu verkleinern, dann ist es für den einzelnen völlig wertlos, ein großes Vermögen zu bilden. Ehrgeiz wird vernichtet. Gleichgültigkeit wird gefördert. Leistung wird egal. Wir fragen uns "wozu" und vergessen das "nun los". Nur wer behalten kann, was er verdient, legt sich ins Zeug.

Damit er trotzdem teilt, muss er wissen an wen, wozu, wohin. Das genau beantwortet kein Steuereintreiber. Jede Spendenorganisation hat gelernt, dass sie mehr einnimmt, wenn sie dem Spender genau berichtet, wohin sein Geld fließt. Der Staat aber ist ein anonymer Nehmer. Er hat tiefe Taschen und es gelingt ihm nicht, den Verdacht auszuräumen, dass diese Taschen mindestens ein Loch haben.

Der junge Bursche hatte übrigens die Sonne erreicht. Sie brenne nicht bei Nacht, damit sie nichts verbrenne, hat sie ihm geantwortet. Der Bräutigam kehrte zurück und nahm die Tochter zur Frau und wurde reich beschenkt. Er wäre nicht losgegangen, ohne ein Ziel, das den weiten Weg gelohnt hätte.

Kommentare (27)

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Ludwig500

29.07.2012, 10:35 Uhr

"Nichts ist beweglicher als Kapital, das mit einem Knopfdruck außer Landes geschickt werden kann."

Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg, solche Knopfdrücke nachzuvollziehen. Das Bankgeheimnis hätte keinen Bestand, wenn sich alle Nationen einig wären, dies zu verbieten.

Aber der wahre Grund, weshalb die Reichen nicht ernthaft zur Schuldenbegleichung herangezogen werden ist der Umstand, dass diese Reichen überall bestimmen, was politisch gewünscht ist und was nicht. Die sägen sich nicht den Ast ab, auf dem sie sitzen.

Account gelöscht!

29.07.2012, 10:45 Uhr

Wir müssen die Ausgaben sinnvoller Gestalten und nicht die Steuereinnahmen erhöhen! Deutschland hat 2011 die hächsten Steuereinnahme seit seiner Geschichte. Wo bleibt nur all das Geld?

Wir müssen die Länderparlamente in Deutschland halbieren und die Bundesländer dürfen keine Defizite mehr machen.

Wir müssen die EU-Zahlungen überdenken, die in Agrasubventionen und sonstigen Taschen landen.

Wir müssen alle Steuer-Ausnahmen in unserem Steuersystem abschaffen!! Genau hier entlässt man die Reichen aus der Verantwortung.

Wir müssen den Beamtenstatus und die hohen Pensionen hinterfragen.

Maschinen müssen Sozialversicherungpflichtig werden, da die Automatisierung haufenweise Stellen gekostet hat und wird.

Geringfügig Beschäftigte , 400 Euro-Jobs etc, darf es nicht geben, da dies eine Subventionierung von zum Beispiel Einzelhandelsgeschäften darstellt, auf dem Rücken der Allgemeinheit.

Verteidigungshaushalt, Entwicklungshilfe, Deutsche Stiftungen und Institute, hier gibt es ein reiches Einsparungsfeld.

MikeM

29.07.2012, 10:54 Uhr

Exzellenter Artikel!

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