Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

20.08.2012

20:04 Uhr

Kommentar

Die Gefahr der Gleichmacherei

VonYasmin Osman

Der Plan, der EZB die Kontrolle über jede noch so kleine Volksbank zu geben, ist schlecht. Wenn alle Banken einer einzigen Aufsichtsbehörde unterstellt sind, wird Europas Finanzsystem dadurch nicht sicherer.

Yasmin Osman

Yasmin Osman ist Finanzkorrespondentin in Frankfurt.

Zugegeben, die Bilanz der nationalen Bankaufseher in Europa ist erbärmlich. Wenn die europäischen Staaten ihr Finanzsystem mit so astronomischen Summen retten müssen, dass sie am Ende selbst ins Wanken geraten, dann haben die Bankkontrolleure dieser Länder ihre Arbeit schlecht gemacht.

Der Plan der Europäischen Kommission, der Europäischen Zentralbank (EZB) prinzipiell die Kontrolle über jede noch so kleine Volksbank zu geben, ist dennoch schlecht. Nicht nur, weil die EZB im Falle einer Bankenrettung über den Einsatz europäischer Steuergelder bestimmen würde, ohne sich Wählern oder Parlamenten gegenüber verantworten zu müssen. Mindestens ebenso fragwürdig ist die Philosophie der Gleichmacherei, die dahinter steht. Denn die Gefahr wächst, dass so bald jede nationale Eigenart der vielfältigen europäischen Bankenszene durch zentral verordnete Regeln, zentral verordnete Interpretationen dieser Regeln und nun auch noch durch eine zentral gesteuerte Aufsicht weggebügelt wird. Je einheitlicher Banken reguliert und beaufsichtigt werden, desto ähnlicher werden auch ihre Geschäftsmodelle.

Doch Mainstream ist kein Garant für Stabilität, im Gegenteil. Wie gefährlich gleichgerichtetes Verhalten ist, hat uns die Finanzkrise gezeigt: Weil Staatsanleihen die Banken europaweit kein Eigenkapital kosteten, haben viel zu viele von ihnen viel zu viele Staatsschulden gekauft. Wie hilfreich dagegen nationale Alleingänge sein können, zeigt das Beispiel Italien. Dort verbot die Aufsicht ihren Instituten, in großem Stil amerikanische Ramschhypotheken zu kaufen, und jede Buchführung jenseits der eigenen Bilanz war tabu. So hinterließ die Krise am US-Immobilienmarkt bei Italiens Banken kaum Spuren.

Wenn aber künftig nur noch eine Institution über die Kreditwirtschaft von ganz Europa wacht, kann jede Fehleinschätzung dieses einen Oberkontrolleurs einen Flächenbrand auslösen. Und wer ist schon gefeit gegen Irrtum? Die EZB jedenfalls kann keine Unfehlbarkeit für sich reklamieren: Im EZB-Rat sitzen schon heute die nationalen Notenbanken aller Euro-Staaten. Sie alle sind maßgeblich in die Bankenaufsicht ihrer Länder eingebunden. Das gilt auch für Spanien. Doch vor den Exzessen am spanischen Immobilienmarkt und den Gefahren, die deshalb den iberischen Banken drohen, hat auch die EZB nicht rechtzeitig gewarnt. Bevor sie noch mehr Kompetenzen erhält, sollte sie erst einmal erklären, wie sie künftig reagieren will, wenn sie in einem Euro-Land ein so rasantes Kreditwachstum beobachtet.

Dezentralität und Vielfalt bedeuten auch Risikostreuung. Das gilt für Bankenaufseher ebenso wie für Geschäftsmodelle. Deutschland hat mit seinen nationalen Eigenheiten gar keine so schlechten Erfahrungen gemacht. Als während der Finanzkrise viele Großbanken, Auslandsbanken und Landesbanken wegen ihrer eigenen existenziellen Probleme die Kreditvergabe drosseln mussten, füllten kleine, regional verwurzelte Institute wie Genossenschaftsbanken und Sparkassen diese Lücke auf.

Doch gerade diese kleinen Banken mit ihren traditionellen Geschäftsmodellen sind darauf angewiesen, dass Aufseher und Aufsichtsregeln ihre Besonderheiten im Auge behalten. Die bisherigen Erfahrungen auf internationaler Ebene machen da wenig Mut. Meistens rollen die Aufseher anderer Länder mit den Augen, wenn deutsche Regulierer wichtige Extras für ihre Spezialbanken durchsetzen, wie etwa die Gleichstellung der Eigentümeranteile von Genossenschaftsbanken mit Aktienkapital. Dabei verdienen gerade Institute wie die Volks- und Raiffeisenbanken Artenschutz. Anders als viele große Banken haben sie bis heute keinen Cent Staatshilfe gebraucht. Immer wenn es darauf ankam, haben sie sich gegenseitig geholfen. Wem wäre damit gedient, wenn zu viel Zentralismus am Ende genau solche Banken durch zu viel Bürokratie und zu starre Regeln in die Knie zwingt?

Es gibt Banken, die gehören durchaus unter die Kuratel einer europäischen, demokratisch legitimierten Aufsicht. Das gilt zum Beispiel für Institute, die die Rückendeckung des europäischen Steuerzahlers brauchen, weil ihr Heimatland ihnen bei einer Schieflage nicht mehr helfen könnte. Das gilt auch für Banken, deren Schieflage die Stabilität der Finanzmärkte gefährden könnte. Alle anderen Banken sollte man davon verschonen. Mit so einem Ansatz würde die Europäische Kommission auch einem Grundsatz folgen, der fest in den europäischen Verträgen verankert ist: Zentral soll Europa nicht mehr regeln, als gerade eben nötig ist.

Kommentare (3)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Rechner

21.08.2012, 00:32 Uhr

Yasmin Osman sagt
-------------------
Je einheitlicher Banken reguliert und beaufsichtigt werden, desto ähnlicher werden auch ihre Geschäftsmodelle.

Doch Mainstream ist kein Garant für Stabilität, im Gegenteil.
-------------------

Bravo!

Endlich 'mal jemand in dem ganzen Meinungszirkus der blickt was Sache ist.

++++

Wobei ich die Beobachtung anfügen mückte, daß ohne die einheitlichen Basel-Regulierung nicht viele Banken weltweit den Weg zur Optimierung der Eigenkapitalrendite im Kauf von AAA subprime-Ramsch und "investmentgrade" griechischen Staatsanleihen gesucht hätten.

OHNE BASEL WÄRE UNS VIEL ERSPART GEBLIEBEN.

ChristophZausG

21.08.2012, 09:26 Uhr

Herzlichen Dank, Frau Osman, Sie haben vollkommen recht. Gerade kleine Banken werden unter der zentralen Regulierung leiden, am Ende werden international tätige und deshalb systemrelevante Banken übrigbleiben. Zur Erinnerung, solche Banken müssen dann gerettet werden.

Anzufügen bleibt noch, dass die astronomischen Summen derzeit in erster Linie gebraucht werden, weil sich die europäischen Staaten astronomisch verschuldet haben. Das aber taten Sie unter Aufsicht der EU Kommission.

Eurowahnsinn

21.08.2012, 13:31 Uhr

<Zentral soll Europa nicht mehr regeln, als gerade eben nötig ist.>

Dieser Grundsatz sollte generell berücksichtigt werden!!!!

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×