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09.02.2012

11:08 Uhr

Kommentar

Die Griechen geben ihr letztes Hemd

VonFrank Wiebe

Die neuen Sparbeschlüsse sind mehr, als man von den Griechen erwarten konnte. Das Land geht ans Äußerste, um Verantwortung für die Fehler der Vergangenheit zu übernehmen. Die Rettung naht. Ein Kommentar

Frank Wiebe ist Kolumnist des Handelsblatts. Pablo Castagnola

Frank Wiebe ist Kolumnist des Handelsblatts.

Ja, es gibt noch Detailfragen zu klären. Aber insgesamt zeichnet sich jetzt doch deutlich ab, dass Griechenland das nächste Hilfspaket - bestehend aus Krediten plus einem großen Schuldenschnitt - tatsächlich bekommt. Dass bis zur letzten Minute noch gefeilscht, kritisiert und protestiert wird, gehört zum politischen Spiel. Niemand, der sein Gesicht wahren will, kann Positionen aufgeben, ohne möglichst medienwirksam dafür zu kämpfen.

Die Grundzüge des Konzepts stehen fest. Griechenland friert die Löhne ein, senkt die Arbeitskosten und spart Stellen im öffentlichen Dienst ein. Die Idee ist, auch ohne Austritt aus der Währungsunion eine Art Abwertung hinzubekommen, damit das Land wieder wettbewerbsfähiger wird. Ergänzend verzichten die privaten Gläubiger auf rund 70 Prozent ihrer Forderungen - dieser Prozentsatz ergibt sich rechnerisch aus einem Schuldenschnitt um 50 Prozent plus einer künftig unter Marktniveau liegenden Verzinsung der neuen Anleihen, die die Gläubiger im Tausch für die auslaufenden Papiere bekommen.

Offiziell noch unklar ist, ob die Europäische Zentralbank, die ja große Bestände griechischer Anleihen besitzt, sich an der Aktion beteiligt. Aber die kursierenden Vorschläge, dass die Notenbank, die ihre Papiere zumeist deutlich unter Nominalwert gekauft hat, zumindest auf künftige Gewinne verzichtet, ist so plausibel und wirtschaftlich so vernünftig, dass man doch darauf hoffen kann.

Was wäre das Ergebnis, wenn all dies umgesetzt würde?

Griechenland wäre von einem erheblichen Teil seiner Schulden befreit, bliebe zahlungsfähig, behielte den Euro und wäre wettbewerbsfähiger als vorher. Das sind eine ganze Menge positiver Punkte.

Natürlich darf man die negative Seite auch nicht übersehen: Ein komplett neues „Geschäftsmodell“ für Griechenland, das auf Dauer die schwache Leistungsbilanz sanieren kann, entsteht so noch nicht. Außerdem wird das Land weiter durch harte politische Auseinandersetzungen gehen, und es wird durch die Sparmaßnahmen auch in der Rezession stecken bleiben.

Nebenbei wird es noch eine Menge Krach in Europa geben, und beim Schuldenverzicht werden einige Hedge-Fonds versuchen, sich rauszuziehen und abzusahnen, weil sie griechische Bonds billig gekauft haben und dann doch irgendwie noch zu hohem Kurs ausbezahlt bekommen.

Aber  konnte man in dieser komplizierten Gemengelage ernsthaft ein besseres Ergebnis erwarten? Ein Patentrezept, mit dem sich alle Probleme lösen lassen, gibt es nicht. Und der Blick in die Vergangenheit hilft auch nicht weiter – ob Griechenland besser gar nicht den Euro eingeführt  hätte, ist eine Frage für die Historiker.

Kommentare (105)

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norbert

09.02.2012, 11:17 Uhr

Was tut die Absahnerclique dazu ?
Wahrscheinlich werden nur die "kleinen Leute" geschröpft werden ...

knower

09.02.2012, 11:19 Uhr

"Ein komplett neues „Geschäftsmodell“ für Griechenland, das auf Dauer die schwache Leistungsbilanz sanieren kann, entsteht so noch nicht. Außerdem wird das Land weiter durch harte politische Auseinandersetzungen gehen, und es wird durch die Sparmaßnahmen auch in der Rezession stecken bleiben."

Sie sagen es. Daher wird es ein ganz bitteres (gewolltes?) Ende geben, bei dem es nicht um den Euro-Austritt einzelner Länder gehen wird, sondern einen Lehrbuch-Währungskollaps. Erste Vorboten sind schon unterwegs: Notenbank-Interventionismus, Kapitalflucht (auch in EM), Katastrophenhausse induziert durch Geldschwemme in den Fonds, verlorenes Vertrauen der "Verbraucher" in die Währung, usw. etc. pp.

Träumen Sie weiter, Kolumnisten, Journalisten, Besserwisser, Propagandisten, Gutmenschen. Die letzte Stunde dieses Pyramidenspiels schlägt bald. Man sollte sich darauf vorbereiten und gewisse Vorsichtsmaßnahmen ergreifen. Ob es danach besser wird - wer weiß? Es wäre zu hoffen, Lösungsansätze gibt es zu genüge. Ich glaube aber leider nach wie vor an die "unendliche Dummheit" der Menschen, wie es Einstein einst sinngemäß formulierte.

Es werden sich wieder genug Schafe finden, die den Papierblätterwald (in Zukunft vielleicht digital?) fressen und das Spiel beginnt von vorne.

Account gelöscht!

09.02.2012, 11:20 Uhr

Das wird die Märkte beflügeln, die Ihr Geld bekommen, das Volk dort verarmen und in kürzester ZEit wird man bemerken dass keine Steuern eingenommen werden weil niemand mehr etwas verdient und nichts zum ausgeben hat. Reformen werden schlampig umgesetzt und am Ende stehen wir genau da wo wir jetzt standen.

Spanien und co. sind die nächsten Kandidaten. Sorry aber egal was da kommt, langfristig ist das alles zum scheitern verurteilt. Mit Süd/Ostblockländern lässt sich keine starke Währung aufbauen.

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