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10.02.2012

08:47 Uhr

Kommentar

Die große Farce von Athen

VonTorsten Riecke

Das Schauspiel, das wir in diesen Tagen in Athen erlebt haben, war eine Farce. Griechenland kann nur mit einem geordneten Staatskonkurs „gerettet“ werden. Ohne diesen Neuanfang ist Hellas verloren.

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Meist wird die Tragödie bemüht, um den zum Scheitern verurteilten Kampf Griechenlands mit seinen Schulden zu beschreiben. Das Schauspiel, das wir jedoch in diesen Tagen in Athen erlebt haben, war eine Farce.

Nicht, weil man über das Leid der Griechen lachen könnte, sondern weil hier mit allen theatralischen Tricks versucht wurde, dem Publikum etwas vorzugaukeln. Die Griechen taten so, als ob sie bei dem Poker mit ihren Gläubigern noch einen Joker im Ärmel hätten. Dieser Joker war die Drohung, das Land für zahlungsunfähig zu erklären und damit unter den Investoren eine panische Kettenreaktion auszulösen. Für den Euro wäre das der Anfang vom Ende.

Doch die griechische Karte konnte nicht stechen. Die größten Leidtragenden einer ungeordneten Staatspleite wären die Griechen selbst. Das, was seit Ausbruch der Krise noch übrig geblieben ist von einem verfallenden Staatswesen, würde zerstört. Das heißt aber nicht, dass ein solches Schreckensszenario völlig ausgeschlossen ist. Die Geschichte folgt nicht der Kant’schen Vernunft, sondern wird oft getrieben von einer irrational agierenden Politik. Schwere Unfälle sind deshalb jederzeit möglich.

Thorsten Riecke leitet das Ressort Meinung und Analyse beim Handelsblatt. Andreas Labes für Handelsblatt

Thorsten Riecke leitet das Ressort Meinung und Analyse beim Handelsblatt.

Aber auch die Troika der europäischen Gläubiger hat die Zuschauer des griechischen Spektakels mit leicht durchschaubaren Zahlenspielen getäuscht. So ist das anvisierte Ziel der brachialen Spar- und Streichaktion, den Schuldenstand Griechenlands innerhalb von acht Jahren von 160 auf 120 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu drücken. Diese Schuldenlast, so glauben EU und Internationaler Währungsfonds, könne das Land aus eigener Kraft schultern.

Zu Beginn der Schuldenkrise 2010 galt ein derart hoher Schuldenstand jedoch als nicht tragbar für das Land. Und zwar, weil die Wachstumskräfte schon damals nicht stark genug waren, um allein die Zinslasten zu tragen. Seitdem hat man die Zinsschraube zwar etwas gelockert, doch die Wachstumskräfte sind völlig erschlafft. In den vergangenen beiden Jahren ist die griechische Wirtschaft zwischen vier und fünf Prozent geschrumpft. Wie Griechenland trotz härtester Austerität auf einen Wachstumspfad zurückkehren soll, bleibt das Geheimnis der Troika. Die von Bundesfinanzminister Schäuble immer wieder zitierten US-Ökonomen Rogoff und Reinhart sehen übrigens bereits bei einer Quote von 90 Prozent die Gefahr einer unkontrollierbaren Schuldendynamik.

Diese Fakten sollten wir im Kopf behalten, wenn die Farce von Athen in den kommenden Monaten neu aufgeführt wird. Hier lügen sich beide Seiten aus unterschiedlichen Gründen kräftig in die Tasche. Die einen, weil sie sich aus lauter Not nicht anders zu helfen wissen. Die anderen, weil sie sich immer noch scheuen, das Unabwendbare zu akzeptieren.

Griechenland kann nur mit einem geordneten Staatskonkurs „gerettet“ werden. Ohne diesen Neuanfang und ohne eine langfristige Wachstumsstrategie ist Athen verloren.

Der Autor leitet das Ressort Meinung und Analyse. Sie erreichen ihn unter: riecke@handelsblatt.com

Kommentare (34)

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lichtenberg

10.02.2012, 09:47 Uhr

Was soll Ihr gedöns,

selbstverständlich sind wir in der Abwicklung von Griechenland.
Sie brauchen halt etwas Geduld.
Man schmeißt den Laden eines Staates nicht einfach so hin,
wie es ein Unternehmer machen kann und verzieht sich in die Schweiz.
Sie beherrschen mal nun nicht mit Ihren paar Zeilen das Komplexe der Materie.
Für Sie ist alles klar, nur Sie könnten ja Griechenland
weder helfen noch abwicklen.
Man muß aber beides tun.

Account gelöscht!

10.02.2012, 09:47 Uhr

So ist es. Ein geordneter Konkurs. Wie bei unseren Privatinsolvenzen. Das hilft. Wer konsumiert auf Teufel komm raus, gehört entschuldet. Er kann nämlich nichts dafür. Ihm fehlen doch nur entsprechende Einnahmen. Und für die sind immer die anderen verantwortlich. Wer wenig hat und trotzdem Geld mit der Schubkarre ausgab, gehört entschuldet, damit er wieder von vorn anfangen kann. Wie soll er sonst einkaufen bei den reichen Anbietern? Die müssen ihm schon das Geld geben, damit er bei ihnen konsumieren kann. So ist allen geholfen....

Hartmut.Rast

10.02.2012, 09:52 Uhr

Barbara Tuchman hat 1984 eine hervorragende Geschichtsanalyse vorgenommen und in ihrem Buch "Die Torheit der Regierenden - Von Troja bis Vietnam" dokumentiert.

Die Torheiten, die unsere Politiker und "Wirtschaftsweisen" seit den zurückliegenden 2 Jahren im Zusammenhang mit der griechischen Staatsverschuldung begehen, werden sich zum Disaster für alle europäischen Länder entwickeln, weil sie nicht nur ihre finanzielle Kraft sondern auch ihre politischen Möglichkeiten weit überschätzen.

Anstatt sich auf einen Zusammenhalt der Kernländer zu konzentrieren und diesen "Schummelstaat" endlich zu entlassen, hält man in nahezu grotesken Ausmaßen an einmal getroffenen Entscheidungen fest und läßt sich von Griechenland an der Nase herumführen. Abgesehen einmal davon, daß ich als Deutscher diese ganzen Verunglimpfungen als mittlerweile unerträglich empfinde.

Die Griechen sollten sich ihrer eigenen Geschichte und ihrer eigenen Veranwtortung für diese Misere stellen. Wir Deutsche haben die Korruption und einen aufgeblähten Staatsapparat der an Ineffizienz kaum zu überbieten ist nicht geschaffen. Von daher glaube ich auch nicht, daß die Schließung von Steuerbehörden und die Entlassung von Vollzugsbeamten als geeignete Sparmaßnahmen anzusehen sind die Griechenland bis 2020 auf eine Staatsverschuldung von 120 % des BIP bringen werden.

Die Troika sollte sich dringend Gedanken machen, wie viele Milliarden Griechenland denn über diese 8 Jahre hinweg benötigen würde. Was jetzt dringend Not tut ist ein Steuerabkommen mit der Schweiz um all die hinterzogenen Steuermilliarden wieder in griechische Häfen zurück zu transportieren, anstatt dort weitere EU-Gelder zu versenken.

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