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22.09.2012

13:05 Uhr

Kommentar

Die Inflation kommt morgen

Die Ökonomie lässt sich nicht austricksen: Der Euro konnte vorerst noch einmal gerettet werden, doch Europas Wettbewerbsfähigkeit noch lange nicht, warnt Zeit-Herausgeber Josef Joffe und verweist auf die Asset-Inflation.

Josef Joffe ist Mitherausgeber der Wochenzeitung „Die Zeit“. Quelle: picture alliance / ZB

Josef Joffe ist Mitherausgeber der Wochenzeitung „Die Zeit“.

Alles wird gut. Der Aktienmarkt steigt, der Euro auch. Die Zinsen fallen, der Euro ist gerettet. Schon im Juli, nachdem EZB-Chef Draghi das Füllhorn zu öffnen versprochen hatte, plumpste die Rendite spanischer Kurzläufer von sieben auf drei Prozent. Die Bank wird nun unbegrenzt Wackelbonds aufkaufen, um die Zinsen permanent zu drücken.

Die EZB, die nur der "Preisstabilität" dienen durfte, wird zur Geldmaschine. Wie die Federal Reserve und die Bank of England wird die EZB unbegrenzt Geld drucken. Der letzte "Störenfried" - Deutschland - hat mit dem Karlsruher Urteil den Weg frei gemacht für den Rettungsfonds ESM; ade Maastricht-Vertrag, der den Euro-Staaten verbietet, für die Schulden anderer Mitglieder aufzukommen.

Schließlich die dritte gute Nachricht: die "Resynchronisierung" der atlantischen Wirtschaftspolitik. Erinnern wir uns. Nach dem Crash von 2008 haben Amerikaner und Briten Super-Keynesianismus betrieben, mit Fast-null-Zinsen und massiven Konjunkturprogrammen, die das Staatsdefizit auf zehn Prozent vom BIP katapultierten. Die Europäer aber schalteten auf Austerität, was der deutschen Kanzlerin barsche Ermahnungen aus Übersee eintrug. Die Familienzusammenführung ist perfekt, wir sind nun alle Keynesianer. Nichts kann den Bruch mit der Stabilitätskultur besser belegen als der verschleierte Angriff des Finanzministers auf Bundesbank-Chef Jens Weidmann, der als Einziger im EZB-Rat gegen den unbegrenzten Ankauf von Staatsschulden gestimmt hatte. Sein Gemosere werde nicht zur "Stärkung des Vertrauens in die Notenbank beitragen". Vorbei mit all den Argumenten, die Wolfgang Schäuble gegen das Teufelswerk Schuldenunion und Euro-Bonds aufgefahren hatte.

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Geldmaschine hüben wie drüben, wo die Fed mit ihrem "QE3", also der dritten wundersamen Geldvermehrung, für rund eine halbe Billion Dollar pro Jahr Hypotheken aufkaufen will - unbefristet. "Whatever it takes", wie Mario Draghi, der "Zauberer" (der "Economist"), im Sommer verkündete.

Kommentare (12)

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Einanderer

22.09.2012, 13:53 Uhr

Schon komisch, je nach Blickwinkel nennt man einen Markt mit steigenden Preisen entweder gut und lohnend, oder inflationär und gefährlich. Das ist anscheinend dasselbe...

Account gelöscht!

22.09.2012, 14:15 Uhr

"Die Gesetze der Ökonomie lassen sich eben nicht endlos austricksen."
Welche denn? Wer macht denn die Gesetze? Sind es nicht doch vielleicht diejenigen, die an den Zinsschrauben drehen, Zinsparolen ausgeben (ab 7% ist ein Staat pleite), ihre Zinswetten versichern, und zwar auf Ereignisse, die dann auch eintreten müssen, weil es sonst nicht genug einbringt oder man zuviel verliert?
Wenn es solche Gesetze gibt, dann ist es mir lieber eine Notenbank sagt, her mit dem Überschuß zum parken oder einstampfen, aber nur wenn ihr mit dem Rest auch wirtschaftet, und zwar tatsächlich WIRTSCHAFTET.
Das ist der Unterschied vom Euro zum Dollar und den anderen Gelddruckern, deren Scheine durch die Weltfinanzwirtschaft wabbern und sich Ziele suchen die viel Geld ohne Arbeit/Wirtschaft versprechen.
DAS ist die wahre Inflation, das die Wirtschaft nicht in der Lage ist, Geld in echte Werte umzuwandeln, Werte mit denen Menschen was anfangen können. Die Geldelite redet von Inflation um die eigene Faulheit und Unfähigkeit zu kaschieren.
Wachstum ist nicht unendlich, ich habe schon 2 Kühlschränke und das neueste Appleteil brauche ich auch nicht, ich will aber gesundes Essen, und zwar für alle. Die Politik hat der Finanzwirtschaft zuviele Freiheiten gelassen, nun müssen diese Leute sehen das sie was daraus machen. Und damit ist nicht gemeint, das die Schere zwischen arm und reich immer größer wird, und noch mehr Sklavenarbeiter in ihren Fabriken verbrennen.
Solche "Assets" braucht kein Mensch.

Account gelöscht!

22.09.2012, 14:52 Uhr

Kluger Joffe-Kommentar, kürzer und treffender kann man die Situation kaum beschreiben! So sehr ich den Euro liebe und Europa, auf ersteren hätte Deutschland verzichten sollen. Das Moral-Hazard-Problem wird nicht dauerhaft zu lösen sein und Deutschland passt nicht in die Währungsunion, es ist zu wettbewerbsfähig für den Süden. Die Idee Nord- und Süd-Euro (ohne Zollschranken, also sonst alles wie gehabt) wäre unmittelbar teurer, aber eine sehr nachhaltige Lösung gewesen. Der Süden entschuldete und gewönne Wettbewerbsfähigkeit über Abwertung zurück, die Bankguthaben der Kleinsparer blieben in Hartwährung, Löhne und Gehälter nicht. Den Traum von Europa hätte das nicht beeinträchtigt, man hätte es nur als sozialverträglichste Maßnahme vermarkten müssen. Jetzt wird die Inflation gerade in Deuschland kommen, sobald die Asset-Inflation auf Tarifverhandlungen durchschlägt und die Lohn-Preis-Spirale in Gang setzt. Bald werden alle - zurecht - ein Stück vom Kuchen wollen!

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