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19.06.2012

12:54 Uhr

Kommentar

Die Lage ist ernst - aber nicht verzweifelt

VonDorit Marschall

Vor 14 Jahren ist der ZEW-Index zum letzten Mal so stark gefallen wie in diesem Monat. Ganz offensichtlich sind Analysten und Anleger in Panik verfallen. Dabei wäre das gar nicht nötig.

Dorit Heß, Handelsblatt-Redakteurin. Pablo Castagnola

Dorit Heß, Handelsblatt-Redakteurin.

Das Signal ist mehr als eindeutig: Der ZEW-Indikator ist im Juni gegenüber der letzten Umfrage im Mai um knapp 30 Punkte nach unten gerast – und damit so rasant gefallen, wie seit Herbst 1998 nicht mehr. Die befragten Finanzmarktexperten, das haben sie mehr als deutlich gemacht, sind hoch nervös. Wen wundert's.

Zum einen hat ein Großteil der 274 Analysten und institutionellen Anleger, die das ZEW Monat für Monat um ihre Meinung bittet, seine Einschätzung vor der Wahl in Griechenland zu Protokoll gegeben – und damit in einer Phase der höchsten Unklarheit über die Zukunft der Euro-Zone. Mit 40 Personen ist der Anteil derer, die erst am Montag – als das Wahlergebnis bekannt war - dem ZEW ihre Erwartungen schilderten, zu klein, um verlässliche Rückschlüsse über den Einfluss des Wahlausgangs zu ziehen.

Zum anderen hat sich die europäische Schuldenkrise seit der letzten Umfrage im Mai auch in den großen Volkswirtschaften Spanien und Italien vehement verschärft. Die Skepsis der Befragten ist also absolut nachvollziehbar.

Trotzdem ist Panik nicht angebracht. Denn der Index beschreibt eben vor allem die Stimmungslage an den Märkten – nicht mehr, nicht weniger. Um die Konjunkturentwicklung vorhersehen zu können und zu erahnen, wie sich Fundamentaldaten entwickeln werden, gibt es weitaus verlässlichere Instrumente: Umfragen unter Unternehmen. Also Umfragen unter denen, die investieren, exportieren und produzieren.

Wie Deutschland für den Abschwung gerüstet ist

Staatshaushalt

Im internationalen Vergleich steht Deutschland mit seinem Staatshaushalt gut da. Auf Pump finanzierte Konjunkturprogramme lehnt die Bundesregierung ab. Nach dem aktuellen deutschen EU-Stabilitätsprogramm kommt der Gesamtstaat aus Bund, Ländern, Gemeinden und Sozialkassen schon in zwei Jahren ohne neue Schulden am Finanzmarkt aus. Schon 2011 hatte das Defizit nur noch bei einem Prozent gelegen. Auch strukturell - also unabhängig vom Auf und Ab der Konjunktur - schließt sich die Lücke zwischen den Einnahmen und Ausgaben.
Damit einher geht, dass der in Jahrzehnten angehäufte Schuldenberg allmählich an Bedeutung verliert: Die Schuldenstandsquote soll von 82 Prozent des BIP 2012 auf 73 Prozent in 2016 zurückgehen. Fazit: Der Staat ist weit davon entfernt, wegen eines moderaten Abschwungs in die Knie zu gehen.



Sozialkassen

Die mit dem Aufschwung der vergangenen Jahre einhergegangene Rekordbeschäftigung hat die Lage der Sozialkassen erheblich entspannt. So erwartet die Bundesagentur für Arbeit (BA) dieses Jahr einen Überschuss von 1,3 Milliarden Euro. Allerdings warnen die Arbeitgeber bereits, bei einer Konjunkturabkühlung könnte die BA schnell wieder auf Zuschüsse des Bundes angewiesen sein. Rosiger schätzt das Institut für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel die Aussichten für die BA ein: Es erwartet 2012 einen Überschuss von fast drei Milliarden Euro.
Alle Sozialkassen zusammen - also Kranken-, Pflege-, Renten- und Arbeitslosenversicherung - könnten dem IfW zufolge in diesem Jahr auf einen Überschuss von 15 Milliarden Euro kommen. Damit hätten sie zumindest ein kleines Polster für den Abschwung.

Unternehmen

Noch sind die Auftragsbücher der Unternehmen gut gefüllt. Wie schnell die im Aufschwung angelegten Puffer aber schmelzen können, hat die Finanzkrise 2008/09 gezeigt. Auch ihr ging ein jahrelanger Aufschwung voraus, der in die schwerste Wirtschaftskrise der Nachkriegszeit mündete. Und dennoch: Nie hatten so viele Deutsche einen Job wie jetzt. Viele Unternehmen werden selbst bei einem Konjunktureinbruch versuchen, ihre Mitarbeiter zu halten. Denn Fachkräfte sind in Deutschland rar.
Auch der Bauboom dürfte die Wirtschaft selbst bei einem plötzlichen Konjunktureinbruch noch eine Weile stützen. Im ersten Quartal zog die Bauindustrie 12,5 Prozent mehr Aufträge an Land als ein Jahr zuvor. Bis die abgearbeitet werden können, vergehen Monate und Jahre, und bis dahin kann sich die Wirtschaft schon wieder erholt haben.

Politik

Paradoxerweise ist es von Vorteil, dass der jüngste scharfe Konjunktureinbruch nur drei Jahre zurückliegt: Die Erfahrung der handelnden Politiker ist frisch, und sie können auf Konzepte wie die Kurzarbeit zurückgreifen, die sich damals bewährt haben. Allerdings hat mit dem Aufschwung 2010/11 der Reformwille in der Politik nachgelassen. Dabei gäbe es noch immer genug zu tun, um den Standort fitzumachen für den demografischen Wandel und künftige Flauten. So bemängelt die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), höhere Beiträge zur Kranken- und Arbeitslosenversicherung hätten die Arbeitskosten 2011 erhöht. Unter den OECD-Ländern wird nur in Belgien der Faktor Arbeit noch stärker belastet.

Insofern kommen die spannenden Nachrichten erst am Ende dieser Woche. Am Donnerstag veröffentlicht zunächst der Informationsdienstleister Markit eine erste Schätzung seiner Befragung unter Einkaufsmanagern. Einen Tag darauf veröffentlicht das Münchener Ifo-Institut die Ergebnisse seiner Unternehmensbefragung.

Auch diese Barometer dürften sinken, aber nicht so dramatisch wie der ZEW-Index. Die Nachfrage aus wichtigen Absatzmärkten hat sich zum Teil zwar abgeschwächt.

Aber erstens gibt auch die Weltkonjunktur zumindest kleine Signale, die Mut machen. So hat China mit einer Zinssenkung das Wachstum angekurbelt. Und die amerikanische Notenbank wird im Wahljahr keinen Wachstumseinbruch riskieren wollen.

Und zweitens ist die Inlandsnachfrage in Deutschland inzwischen zu einer Stütze geworden. Die hohe Zahl der Beschäftigten und die steigenden Löhne ermöglichen das.

Die größten Risiken für die deutsche Wirtschaft

Deutschland in der Wirtschaftskrise

Aus dem Schneider ist Europas größte Volkswirtschaft noch nicht, auch wenn sie mit einem kräftigen Wachstum im ersten Quartal eine Rezession verhindern konnte. Im Gegenteil: Die Risiken ballen sich wie selten zuvor - vor allem von außen droht jede Menge Ungemach.

Schuldenkrise

„Das größte Abwärtsrisiko für die wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland geht nach wie vor von der Schulden- und Vertrauenskrise im Euroraum aus, die im Kern noch nicht gelöst ist“, warnen führende Institute in ihrem Gutachten für die Bundesregierung. Schon jetzt lastet die Krise auf der exportabhängigen Wirtschaft: Die Ausfuhren in die Euro-Zone schrumpften im März um 3,6 Prozent, weil Krisenländer wie Spanien und Griechenland wegen der Rezession ihre Importe einschränken. Da 40 Prozent der Ausfuhren in die Währungsunion gehen, spürt Deutschland die Schwäche der Nachbarn deutlich.

Jede Zuspitzung der Schuldenkrise sorgt für Wirbel an den Finanzmärkten. Kann sich ein großes Euro-Land wie Spanien nicht mehr am Kapitalmarkt finanzieren und flüchtet unter die Rettungsschirme EFSF und ESM, würde das einen erneuten Vertrauensverlust auslösen. Unternehmen würden weniger investieren, Verbraucher größere Anschaffungen scheuen. Der Bund ist mit der Beteiligung an den Rettungspaketen enorme Risiken eingegangen. „Im Zuge der Rettungspakete summieren sich die Zusagen auf rund 80 Milliarden Euro“, so die Institute.

Kann etwa Griechenland das Geld nicht zurückzahlen, belastet das den deutschen Staatshaushalt. Eine Herabstufung durch die Ratingagenturen droht dann, was höhere Zinsen zur Folge hätte. Der Spardruck würde steigen, Hauhaltslöcher müssten mit höheren Steuern und Ausgabenkürzungen gestopft werden. Beides würde die Konjunktur belasten.

Inflation

Seit mehr als einem Jahr hält sich die Teuerungsrate in Deutschland über der Marke von zwei Prozent, bis zu der die Europäische Zentralbank (EZB) von stabilen Preisen spricht. Manche Experten befürchten, dass die Preise künftig deutlich schneller steigen könnten - um vier bis fünf Prozent. Das würde die Kaufkraft der Verbraucher erheblich einschränken.

Grund für die Inflationsgefahr: Wegen der guten Konjunktur haben die Arbeitnehmer kräftige Lohnerhöhungen durchgesetzt. Den Unternehmen fällt es angesichts der guten Beschäftigungslage leichter, steigende Lohnkosten an die Verbraucher weiterzureichen - sprich: die Preise für Waren und Dienstleistungen anzuheben. Es droht eine Spirale, bei der sich Löhne und Preise gegenseitig nach oben schaukeln. Bei ersten Anzeichen dafür müsste die EZB ihre Zinsen anheben, um Konsum und Investitionen zu drosseln, was die Nachfrage dämpfen und den Preisauftrieb dämpfen könnte. Aus Rücksicht auf die Wirtschaftskrise in Ländern wie Spanien wird sie ihren Leitzins aber vorerst wohl auf dem Rekordtief von einem Prozent belassen.

Zusätzliche Gefahren gehen von der Politik der EZB aus, den Finanzhäusern billiges Geld in Hülle und Fülle zur Verfügung zu stellen. „Noch bleibt die zusätzliche Liquidität erst einmal im Finanzsektor“, sagt Postbank-Chefvolkswirt Marco Bargel. „Doch wenn die Kreditvergabe an die Unternehmen erst einmal steigt, kann das sehr schnell in Inflation münden.“

Immobilienblase

Die Preise für deutsche Wohnimmobilien steigen immer schneller. 2011 legten sie mit 5,5 Prozent mehr als doppelt so stark zu wie 2010 mit 2,5 Prozent. „Erstmals seit dem Wiedervereinigungsboom Anfang der neunziger Jahre ist hierzulande somit ein konjunktureller Aufschwung wieder mit einer markanten Preisreaktion auf den Häusermärkten verbunden“, stellt die Bundesbank fest. Niedrige Bauzinsen und die Angst vor Inflation verlocken immer mehr Deutsche dazu, in Immobilien zu investieren. „Wenn das jahrelang so weitergeht mit den extrem niedrigen Zinsen, besteht das Risiko einer Immobilienpreisblase in Deutschland“, warnt der Konjunkturchef des Instituts für Weltwirtschaft, Joachim Scheide. Die hat es in Spanien gegeben, ihr Platzen hat eine schwere Rezession ausgelöst. „So etwas ist für Deutschland auch nicht ausgeschlossen“, sagt Scheide.

China

China wird nach Prognose des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) in diesem Jahr zum zweitwichtigsten Kunden der deutschen Exportwirtschaft aufsteigen - nach Frankreich, aber noch vor den USA. Für viele Unternehmen ist die Volksrepublik schon jetzt der wichtigste Absatzmarkt, beispielsweise für die Autobauer Volkswagen, Audi und Porsche. Bekommt China einen Husten, wird auch die deutsche Wirtschaft krank. Erste Warnsignale gibt es bereits: Die chinesischen Importe stagnierten im April. „Das ist Besorgnis erregend“, sagte Ökonom Alistair Thornton von IHS Global Insight in Peking. „Das deutet auf eine echte Schwäche der Binnenwirtschaft hin.“ Die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt wird einer Reuters-Umfrage unter Ökonomen zufolge in diesem Jahr um 8,2 Prozent wachsen. Das wäre das kleinste Plus seit einem Jahrzehnt. Die hohen Schulden der Kommunen, eine Immobilienblase und eine anziehende Inflation könnten das Wachstum aber noch kleiner ausfallen lassen.

Kommentare (5)

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dw-seneca

19.06.2012, 13:46 Uhr

Die Inlandsnachfrage steigt vor allem deswegen, weil viele Bürger das Vertrauen in die Wertstabilität des Euro verloren haben. Es ist allemal besser, Sachwerte zu besitzen als Papiergeld oder womöglich Guthaben auf einer Bank, die im nächsten Moment pleite sein kann.

Strichnid

19.06.2012, 13:51 Uhr

Warum wird eigentlich immer wieder behauptet, dass die Inlandsnachfrage stabil sei oder sogar wachse? Die Löhne stiegen nur für einen sehr geringen Teil der Bevölkerung, und selbst dann meist nur knapp über der Inflationsrate, wenn überhaupt. Für die meisten Menschen bleibt weniger Geld in der Tasche, weil sie viele Leistungen selbst bezahlen müssen, für die die Kommunen kein Geld mehr haben und daher die Gebühren anziehen.
Darüberhinaus sind die behaupteten Binnennachfrageschübe durch keine harten Realdaten unterfütterbar. Im Gegenteil, der Einzelhandel geht immer weiter zurück. Einzig in der Bauwirtschaft gibt es noch positive Tendenzen, allerdings beruhen die entweder auf Investitionsbauten, die mit einem Exportrückgang Investitionsruinen darstellen werden, oder sie sind der Flucht in Immobilien geschuldet, die ihrerseits eher ein Krisenzeichen ist.

Account gelöscht!

19.06.2012, 13:53 Uhr

All is well. Nothing to see here. Move along!

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