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21.12.2011

12:22 Uhr

Kommentar

Die Mär von der Kreditklemme

VonDirk Heilmann

Die gewaltige Finanzofferte der EZB zeigt zwar, dass das Bankensystem wackelt. Von einer Kreditflaute zu sprechen, wäre aber übertrieben. Doch der Zentralbank scheint derzeit jede Förderung für klamme Banken lieb zu sein.

Dirk Heilmann leitet das Ressort Konjunktur und Geldpolitik beim Handelsblatt. Pablo Castagnola

Dirk Heilmann leitet das Ressort Konjunktur und Geldpolitik beim Handelsblatt.

Fast eine halbe Billion Euro haben sich Europas Banken bei der EZB geliehen - für drei Jahre, zu einem Zinssatz von einem Prozent. Hauskäufer werden sich da einen Anflug von Neid nicht verkneifen können. 523 Banken haben die Einladung dankbar angenommen, sich in beliebiger Höhe mit billigem Geld vollzupumpen. Schließlich müssen sie im kommenden Jahr hunderte von Milliarden Euro fällig werdender Bankanleihen ablösen.

Der offizielle Grund dafür, dass die EZB die Banken jetzt nicht nur für ein Jahr, sondern für drei Jahre mit unbegrenzter Liquidität ausstattet, ist die Angst vor einer Kreditklemme. EZB-Präsident Mario Draghi ist in den vergangenen Tagen und Wochen nicht müde geworden, dieses Problem zu betonen.

Wenn die Banken Probleme hätten, sich zu refinanzieren, dann würden sie ihre Kreditvergabe an Unternehmen und Haushalte einschränken, warnte er in Frankfurt, Berlin und Brüssel. Doch wie schon 2009/10 ist die Kreditklemme bisher noch ein Phantom. In Deutschland gibt es bisher zwar viele Warnungen davor, aber nur wenige konkrete Klagen. In Ländern Südeuropas, wo das Bankensystem wackelt und die Wirtschaft in eine Rezession abrutscht, mag es Probleme mit der Kreditversorgung geben, vor allem sobald die Konjunktur wieder anzieht, aber in der Euro-Zone als Ganzem geben die Zahlen bisher keinen Anlass, von einer Klemme zu sprechen.

Halbe Billion Euro: EZB leiht Banken mehr Geld als erwartet

Halbe Billion Euro

EZB leiht Banken mehr Geld als erwartet

Die Europäische Zentralbank gibt den Euro-Banken 489,2 Milliarden Euro für drei Jahre.

Der Verdacht, dass die Kreditklemme ein vorgeschobenes Argument ist, lässt sich daher nicht ganz von der Hand weisen. Die Hoffnung der EZB dürfte gewesen sein, dass auch Banken, die nicht unmittelbar Refinanzierungsprobleme haben, bei dem Dreijahrestender zugreifen, schlicht um einen schnellen Euro zu machen. Das geht so: Sie leihen sich für ein Prozent Geld bei der Zentralbank und kaufen dafür Staatsanleihen etwa Spaniens oder Italiens mit Laufzeiten unterhalb von drei Jahren, die das Doppelte und Dreifache an Zinsen bringen.

Solange diese Länder bis dahin nicht Pleite gehen, ist das ein prima Geschäft. Zwei Dinge sprechen dafür, dass dieses Kalkül aufgeht: Die Tatsache, dass die Banken beim Dreijahrestender deutlich mehr Geld genommen haben als von Analysten erwartet und die Tatsache, dass bei den jüngsten Auktionen die Zinsen auf kurzlaufende Staatsanleihen aus Südeuropa deutlich gesunken sind.

Für die EZB ist das ein deutlich eleganterer Weg, als mit eigenen Käufen von Staatsanleihen deren Renditen zu drücken und damit die Zinslast für Länder wie Italien und Spanien zu reduzieren. Pardon, offiziell geht es natürlich gar nicht darum. Die EZB kauft ja Staatsanleihen auf, um den geldpolitischen Transmissionsmechanismus funktionsfähig zu halten.

Wie auch immer man die Geldschwemme der EZB bewertet: Dass sie überhaupt nötig ist, zeigt, dass noch ein langer Weg zurückzulegen ist, bis das europäische Bankensystem wieder stabil und die Schuldenkrise gelöst ist.

Kommentare (9)

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Account gelöscht!

21.12.2011, 12:40 Uhr

Draghi sieht grosse Teile des Geldes nicht wieder - darauf wette ich. Vermutlich ist sein Konzept den Banken dann mit weiterem Gelddrucken zu helfen. Mehr ist dies ja nicht.

nobum

21.12.2011, 12:55 Uhr

Draghi hat den Eurobanken und den nachgeschalteten Eurostaaten drei Jahre gegeben, um ihren Laden in Ordnung zu bringen. Das eine klare Sache.

Schlaumeier

21.12.2011, 13:20 Uhr

Guter Artikel Herr Heilemann. Verständlich und aufklärend.

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