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08.01.2015

15:14 Uhr

Kommentar

Die Pressefreiheit erlebt ihren 11. September

VonGabor Steingart

Nach dem kaltblütigen Anschlag von Paris lauern zwei Gefahren, die trotz ihrer Unterschiedlichkeit auf dieselbe abschüssige Bahn führen: Die Kultur der publizistischen Verzagtheit und die Lust am Zurückschlagen.

Gabor Steingart  Andreas Fechner für Handelsblatt

Der Autor

Gabor Steingart ist der Herausgeber des Handelsblatts.

Zweimal versuchten islamische Terroristen, Kurt Westergaard umzubringen, dessen Mohammed-Zeichnung den dänischen Karikaturenstreit entfacht hatte. In ihrer Festrede bei der Verleihung des europäischen Medienpreises an Westergaard sagte Angela Merkel 2010: „Europa ist ein Ort, an dem ein Zeichner so etwas darf.“

Die Kanzlerin wurde gestern auf grausame Weise widerlegt. Europa ist nicht länger ein Ort, an dem ein Karikaturist „so etwas“ karikieren und ein Verleger „so etwas“ verlegen darf. Das europaweit verbriefte Recht auf Meinungs- und Pressefreiheit, im deutschen Grundgesetz sogar mit einer Ewigkeitsgarantie ausgestattet, wurde gestern auf kaltblütige Art suspendiert. In der laufenden Redaktionssitzung mähten islamische Terroristen Mitarbeiter der Pariser Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ nieder. Die westliche Pressefreiheit erlebte gestern ihren 11. September.

Einsamkeitsgefühle kommen auf. Die bittere Erkenntnis des gestrigen Anschlags lautet: Die Pressefreiheit kann von keinem Parlament, keinem Sicherheitsapparat, nicht von der Kanzlerin und nicht vom Präsidenten der französischen Republik garantiert werden. Es gibt für die Pressefreiheit nur ein Garantieren durch Praktizieren. Das publizistische Restrisiko bleibt. Es kann auch nicht von der EZB in die Bücher genommen werden. Das eben unterscheidet uns von den Bankern: Risiko und Verantwortung bleiben in unserem Fall gekoppelt.

Zwei Gefahren lauern, die trotz ihrer Unterschiedlichkeit auf dieselbe abschüssige Bahn führen: Die Kultur der publizistischen Verzagtheit und die Lust am Zurückschlagen.

Die Extreme aller Länder sind heute Morgen in Empörung vereint. Munter wird das Abendland gegen das Morgenland, der Islam gegen das Christentum, das Fremde gegen das Bekannte in Stellung gebracht. Man könnte meinen, Pegida, Front National und die Salafisten arbeiten in derselben Munitionsfabrik. Ihr Ziel: Der religiöse Kulturkampf, ein Re-Import aus dem Mittelalter, soll auf den Marktplätzen des 21. Jahrhunderts ausgetragen werden.

Doch die Pressefreiheit wird nicht mit der Kalaschnikow verteidigt. Wir dürfen nicht zurückhassen. Die Kriegserklärung, die uns islamische Extremisten zur Unterschrift vorlegen, muss unsigniert bleiben. Journalistische Unabhängigkeit verbietet den Vergeltungsschlag. Eine Zeitungsredaktion ist eben nicht die Fortsetzung des Kulturkampfes mit publizistischen Mitteln.

Die andere Gefahr ist das Angsthaben und das Flüchten in die Fabelwelt der Political Correctness. Ein Journalist, der Probleme, auch solche der Ausländerintegration und der Zuwanderer-Kriminalität, nicht mehr Probleme nennt, der mit getönter Brille die Wirklichkeit bereist, macht sich selbst überflüssig. Unsere Rolle im großen Gerichtssaal des Lebens ist so vielfältig wie eindeutig: Wir sind manchmal Ankläger und manchmal Richter. Aber immer sind wir Zeuge.

Und manchmal sind wir leider auch Opfer. Wir trauern um Chefredakteur Stéphane Charbonnier und seine Mitarbeiter, die für die Pressefreiheit ihr Leben gelassen haben. Sie wussten, was sie taten. Und wir wissen es heute Morgen auch. Es klingt pathetisch und ist doch nicht mehr als eine Selbstverständlichkeit: Ihr Tod ist unsere Verpflichtung.

Kommentare (21)

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Herr Peter Delli

08.01.2015, 15:25 Uhr

Ihnen Herr Steingart glaub ich, dem Rest....nicht.
Zulange wurde in jeder erdenklichen Art gelogen.

Herr Helmut Paulsen

08.01.2015, 15:27 Uhr

Schlimm !

Trotz Courage die vielleicht jetzt bei den Journalisten angebracht ist - sollten die Medien zu reinem "investigativem Journalismus" zurückkehren !!

Und endlich aufhören zu Lügen, zu Provozieren, zu Belehren oder zu Beleidigen. gerade in Deutschland haben wir eine Propaganda-Presse wie zu Zeiten der DDR oder in den 30er Jahren. Jeden Tag "Schein-Wahrheit und Erziehung".

Friedliche Demonstranten werden als "Ratten" "Nazis" "Ausländerhasser" beschimpft obwohl die Schreiben wissen, dass das gelogen ist.

Die Presse-Freiheit darf keine Lügen-Freiheit sein !!

Hört auf dem linken MAINSTREAM zu folgen. Frei muss auch FREI sein !!

Schaut die BILD, WELT, Stern, FOCUS usw. an, soviel Müll-Videos, Lügen, Porno, Verdummung, Propaganda usw. Eine Schande für die deutsche Zeitungs-Landschaft.

Herr Günther Schemutat

08.01.2015, 15:33 Uhr

Solange Deutsche Politiker Andersdenkende in unseren Land Medial verfolgen, einen Feind freier Meinungäusserung wie Erdogan unterstützen, solange ein Hassprediger bei uns mehr Rechte auf Meinungsfreiheit hat , als Pegida,solange muss der Kampf gegen Politiker mit aller Härte geführt werden.

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