Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

18.11.2013

20:49 Uhr

Kommentar

Die SPD verrät ihre Geschichte

VonOliver Stock

Die Sozialdemokraten öffnen sich zur Linken. So hat es der Parteitag beschlossen. Doch diese Öffnung kommt zu einer Zeit, in der Täter und Opfer die Zwangsvereinigung noch längst nicht vergessen haben.

Unter Parteichef Sigmar Gabriel schließt die SPD eine Koalition mit der Linken auf Bundesebene nicht mehr aus. ap

Unter Parteichef Sigmar Gabriel schließt die SPD eine Koalition mit der Linken auf Bundesebene nicht mehr aus.

Die erste Tat von Sigmar Gabriel nach seiner Wiederwahl als Parteivorsitzender ist ein Verrat an der Geschichte der Sozialdemokraten. Aus purem strategischen Kalkül heraus öffnet er die Bundespartei und reicht der Linken die Hand. Was aus ganz praktischen Gründen auf Landesebene bereits gang und gäbe ist, wird nun auch vom großen Vorsitzenden in Berlin gutgeheißen. Viel zu früh ist die SPD damit bereit, mit denjenigen gemeinsame Sache zu machen, die einst die Totengräber der Sozialdemokratie in Ostdeutschland gewesen sind. Mit denen, die die sich in einem Akt der Zwangsvereinigung die SPD einverleibten, um sie zu zerstören. Geschichtsvergessen ignoriert die SPD jene Opfer, die sie einst in ihren eigenen Reihen betrauerte.

Wer im Geschichtsbuch in den Herbst des Jahres 1945 zurückblättert, stößt auf eine Kommunistische Partei, die im zerstörten und von Besatzungsmächten kontrollierten Deutschland nach einer politischen Strategie sucht. Ihr Problem: Sie gilt als Moskau-hörig und ist deswegen politisch isoliert. Sie fürchtet die für 1946 angesetzten Wahlen zu verlieren. Ihre Idee: ein Zusammengehen mit der SPD zur Einheitspartei. Das würde Stimmen sichern.

Oliver Stock

Oliver Stock, stellvertretender Chefredakteur des Handelsblatts

Kurt Schumacher, der erste Vorsitzende der SPD im Westen Deutschlands nach dem Krieg, erkennt das Manöver. Er nennt es eine „große Blutspendeaktion“. In einem Beitrag für den Berliner „Tagesspiegel“ schreibt er damals über die Befürworter einer Vereinigung: „Sie übersehen dabei, dass für die kommunistische Politik wie für jede Art von Diktaturidee die Macht die eigentliche Substanz der Politik ist. Das zeigt den Weg, den eine vereinheitlichte Arbeiterbewegung gehen müsste, nämlich den der Eroberung der Macht durch die Führung der KPD.“

Schumacher behält Recht. Die sowjetische Militäradministration in Deutschland verbietet in der von ihr besetzten Zone eine Abstimmung über den Zusammenschluss. Stattdessen verordnet sie ihn – und Otto Grotewohl, Schumachers Kollege im Osten, vollzieht ihn auf einem „Vereinigungsparteitag“ im April 1946. „30 Jahre Bruderkampf sind zu Ende“, sagt Grotewohl.

Die SPD in Zahlen

Mitglieder

Die SPD hatte Ende Oktober 473.048 Mitglieder. Der Höchststand wurde mit 1,261 Millionen 1923 in der Weimarer Republik erreicht. Das Durchschnittsalter liegt heute bei rund 59 Jahren.

Ortsvereine

Derzeit gibt es rund 9000 Ortsvereine. Nach der Wiedervereinigung waren es in den 1990er Jahren bis zu 10.000.

Teures Jahr

Schatzmeisterin Barbara Hendricks muss 2013 viel Geld locker machen: 23 Millionen Euro soll der Bundestagswahlkampf gekostet haben, über zwei Millionen die Feiern zum 150-jährigen Bestehen der deutschen Sozialdemokratie. Und eine Million wird der Mitgliederentscheid über den Eintritt in die große Koalition kosten.

99,7 Prozent

Das beste Ergebnis bei Wahlen zum SPD-Chef nach 1945. Kurt Schumacher schaffte das 1947 und 1948. Das schlechteste Ergebnis bisher waren die 62,6 Prozent von Oskar Lafontaine bei der Kampfabstimmung 1995 in Mannheim gegen Rudolf Scharping.

Die Folge dieses angeblichen Friedens: Wer dagegen ist, wird als „Agent“ und „Faschist“ verfolgt. Nach Angaben später eingesetzter SPD-Historiker wurden in der sowjetischen Besatzungszone in der Zeit der Vereinigung der Parteien 20.000 ungefügige Sozialdemokraten „gemaßregelt, für kürzere oder auch sehr lange Zeit inhaftiert, ja sogar getötet“. Sie wurden, so schreiben die parteieigenen Historiker, „in Speziallager und Zuchthäuser geworfen“. 1948 erklärt die Führung der SED, die aus der Zwangsvereinigung hervorgegangen ist, den „Sozialdemokratismus“ zum „Hauptfeind“.

Zwei Generationen sind seither in Deutschland aufgewachsen, zwei Generationen haben regiert oder sind regiert worden. In der ersten reichten sich die Sozialdemokraten hier und die SED’ler jenseits der Mauer nicht einmal die Hand. Die zweite schaute sich skeptisch an. Darf die dritte nun alle Berührungshemmungen über Bord werfen und sich umarmen?

Kommentare (24)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Fat_bob_ger

18.11.2013, 21:09 Uhr

Besser kann man den Kommentar nicht schreiben. Die SPD fällt wieder auf vor-Godesberger Zeiten zurück und die CDU kann das muffige "Rote-Socken-Wahlkampfkonzept" abstauben und wiederbeleben. Die SPD läuft Gefahr, dass sich Mitte-Links Politiker und Wähler abwenden. Hat der gutverdienende Chemieschichtarbeiter, der an Feiertagen und in der Nacht blockert Lust, mit seinem sauer verdienten Geld sozialpolitische Traumtänze zu finanzieren?

Hinzu kommt noch der dümmliche Versuch dem Vorbild Hollande nachzueifern, der womöglich bei der nächsten Wahl gar nicht nomminiert werden wird.

Manchen aus der ostdeutschen Bürgerbewegung wird das Herz bluten, wenn sie diesen unseligen Parteitagsbeschluss beobachten müssen. Denen wurde mit diesem Akt die letzte Heimat links der Mitte genommen.

effdejottERIKA

19.11.2013, 07:48 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

Account gelöscht!

19.11.2013, 07:54 Uhr

Aber ist denn der bisherige Kurs der SPD mit Abwendung von ihrer Stammwählerschaft besser?
Es wird Zeit, dass diese Partei endlich mal wieder eine Vertretung der arbeitenden Menschen im Lande wird.
Und mit Einfühung von Dumping-Löhnen, Arbeitssklaverei und der damit verbundenen hemmungslosen Bereicherung einer kleinen reichen Klientel war sie ja nun wirklich nicht mehr als Vertretung von arbeitenden Menschen zu bezeichnen.
Schön, wenn Fehler korrigiertwerden!

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×